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29.04.2005
Wirtschaftsplatz Deutschland, Frankfurt am Main (Bild: AP) Wirtschaftsplatz Deutschland, Frankfurt am Main (Bild: AP)

Forschungsinstitute wollen nicht "anderen nach dem Maul reden"

Straubhaar weist Clements Pessimismus-Vorwurf zurück

Moderation: Bettina Klein

Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs, hat die Vorwürfe von Wolfgang Clement, mit Wirtschaftsprognosen Pessimismus zu verbreiten, zurückgewiesen. Man versuche lediglich nach nach den Regeln der ökonomischen Wissenschaft Prognosen abzugeben. Die Voraussagen der Wirtschaftsinstitute sprächen unliebsame Wahrheiten aus, die so in der Politik nicht genannt würden.

Klein: Eines der genannten sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ist das Hamburgische Weltwirtschaftsarchiv und dessen Leiter begrüße ich jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen Thomas Straubhaar.

Straubhaar: Guten Morgen Frau Klein!

Klein: Herr Straubhaar, Bundeswirtschaftsminister Clement hat auch Ihnen vorgeworfen, Pessimismus zu verbreiten. Sie zeigten eine erstaunliche Kritikbereitschaft und würden nicht zur Steigerung des Optimismus beitragen. Haben Sie gewusst, dass Sie vor allem dazu da sind, Optimismus zu verbreiten?

Straubhaar: Das hat uns natürlich auch überrascht, dass wir Stimmungen in dem Sinne nach Gutdünken verteilen sollten und nicht nach bestem Wissen und Gewissen der ökonomischen Theorie und dem, was wir aus der ökonomischen Theorie für richtige empirische, also reale Prognosen abzugeben denken, sein zu müssen. Von daher gesehen kann es ja nicht Sinn und Zweck eines unabhängigen Gutachtens sein, dem einen oder anderen nach dem Maul zu reden, sondern ich denke, was unser Sinn und Zweck ist, ist, dass wir hier versuchen, nach bestem Wissen und Gewissen und nach den Regeln der ökonomischen Wissenschaft gute Prognosen abzugeben.

Klein: Nach den Regeln der ökonomischen Wissenschaft, aber anders herum fragt man sich natürlich, was treibt Sie denn auch, Einschätzungen abzuliefern, die sich tatsächlich am untersten Rand des Prognosespektrums bewegen?

Straubhaar: Also diese Prognosen bewegen sich definitiv nicht am untersten Rand des Prognosespektrums. Sie sind das, was wir als das meist wahrscheinliche Szenario erachten. Von daher gesehen kann keine Rede davon sein, dass wir jetzt bewusst in irgendeiner Form nur negative Zahlen präsentieren wollten. Allein schon wer unsere Aussage für 2006, die wir ja auch veröffentlicht haben, anguckt, wo wir von 1,5% wirtschaftlichem Wachstum für Deutschland ausgehen, was sicher weit über dem liegt, was wir über dieses Jahr prognostizieren, kann ja sehen, dass wir hier nicht einseitig nach unten alles reden wollen, sondern dass dies wirklich jener Wert ist, der dem entspricht, was wir für das meist wahrscheinliche Szenario halten.

Klein: Wirtschaftsminister Clement hat die Frage gestellt nach der Grundlage Ihrer Prognose und ich stelle sie Ihnen auch noch mal. Nach welchen Kriterien benennen Sie denn diesen Wert, wenn es Spielraum nach beiden Seiten gibt?

Straubhaar: Die Schwierigkeit einer Prognose ist ja, dass wir im Prinzip von vielen Unbekannten ausgehen müssen. Für jede dieser Unbekannten wie beispielsweise weltwirtschaftliche Entwicklung, Entwicklung in den USA, Entwicklung in China, Entwicklung in Südosteuropa und Südostasien, Ölpreis, Energiepreise, Zinsen, Wechselkurse, für all diese unbekannten Variablen, für jede einzelne müssen wir im Prinzip ein Gefühl kriegen, wohin sie sich entwickelt. Das machen wir zum Teil mit sehr komplexen Modellen, was dann das Problem ist: Wenn sie so viele einzelne Unbekannte haben und die dann am Schluss auf eine Zahl, nämlich das wirtschaftliche Wachstum in Deutschland reduzieren müssen, dann potenziert sich, multipliziert sich, vervielfacht sich die Unsicherheit und dadurch ergibt sich eben ein Prognosespielraum, ein Korridor. Was wir dann tun ist, dass wir noch einmal am Schluss darauf gucken, wirklich jenen Wert zu wählen, der wohl der meist wahrscheinliche ist, der, wenn Sie so wollen, etwas plump gesagt in der Mitte zwischen dem oberen und dem unteren Rand liegt.

Klein: Dennoch sprechen Sie von Gefühl und das hat ja eigentlich mit rationalen Regeln, von denen man glaubt, dass auf ihnen die Wirtschaftswissenschaft basiert, nicht mehr viel zu tun?

Straubhaar: Das ist nicht falsch, dass hier natürlich nicht nur alles rein theoretisch betrachtet werden kann, weil auch die beste Ökonomie, die beste wissenschaftliche Grundlage natürlich nicht Ergebnisse liefert, die wir einfach unkommentiert und unbeobachtet dann in unsere Prognose einfließen lassen, sondern das ist genau auch Sinn und Zweck der Sache, dass wir hier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus sechs unabhängigen, in der Regel getrennt arbeitenden und nur für diese Gemeinschaftsgutachten zusammen kommende Wirtschaftsinstitute haben, die alle mit langjähriger Erfahrung eben diese Daten und Zahlenreihen und ihre Entwicklungen beobachtet haben und die dann aufgrund ihrer Erfahrung die Ergebnisse, die wir aus der Theorie finden, noch einmal würdigen. Und noch einmal: da kann es nicht sein und es ist mit Garantie nicht der Fall, dass wir in irgendeiner Form hier versuchen, irgendeine Stimmung zu welchen Gunsten auch immer beeinflussen. Wenn wir das tun würden, dann hätten die Gutachten in der Tat keinen Wert.

Klein: Nachdem so oft Prognosen zu optimistisch waren, nach unten korrigiert werden mussten wie jetzt ja auch, sagen Sie sich dann also, besser wir geben eine zu schlechte Prognose heraus, als dass wir wieder die Dinge zu rosig gestalten und damit im Grunde genommen Augenauswischerei betreiben?

Straubhaar: Sie haben natürlich einen Punkt getroffen, der uns selber auch sehr schmerzt, der aber gerade zeigt, dass die Kritik von Herrn Clement einfach auch historisch nicht belegbar ist, weil wir in der Vergangenheit in der Tat in der Regel zu optimistisch waren, in dem Sinne zu viel Hoffnungen in die Zukunft auch gerade für Deutschland und die Reformfähigkeit dieses Landes gelegt haben. Von daher gesehen - da haben Sie völlig Recht - leidet dies natürlich in den letzten Jahren. Auch das ist etwas, was uns nicht gerade Lob zumisst. Wir waren immer zu optimistisch und deshalb sind diese Zahlen, die wir jetzt vorlegen, mit Garantie nicht so, dass wir jetzt gesagt haben, jetzt machen wir es mal extra tief, sondern noch einmal vergleichsweise fürs nächste Jahr mit 1,5% wirtschaftlichem Wachstum. Auch das ist sicher wieder ein Wert, der in der Mitte liegt und der ja auch wesentlich besser ist als der Wert, den wir dieses Jahr haben.

Klein: Sie haben Die Frage nach dem Wert dieser Prognosen selbst angestellt und in der Tat muss man sich ja danach fragen, wenn es doch auch etwas von dem Blick in die berühmte Glaskugel hat, also von nicht so besonders großer Verlässlichkeit ist, wozu brauchen wir die Prognosen eigentlich noch. Der SPD-Fraktionsvize Poß hat sogar gesagt, er stellt sich schon die Frage, ob Ihr Rat, der Rat der Wirtschaftsforschungsinstitute, künftig eigentlich von der Politik gebraucht wird.

Straubhaar: Das zeigt ja eigentlich gerade, wie wertvoll dieser Rat ist, weil im Prinzip wir ja damit vielleicht eben auch unliebsame Wahrheiten aussprechen, die eben so in der Politik nicht genannt würden, weil man dort an Wahlen denkt, weil man dort seine eigene ideologische Position sonst mit solchen Aussagen gefährden würde. Wie wir uns verstehen ist im Prinzip, dass wir konstruktiv die wirtschaftspolitische Entwicklung in Deutschland begleiten, sie durchaus kritisieren, um frühzeitig mahnen zu können, frühzeitig Hinweise geben zu können, wohin es geht und noch einmal wohin es gehen würde, wenn wir nichts im Sinne einer Gegensteuerung wirtschaftspolitisch tun. Deshalb können unsere Prognosen im Voraus gar nicht zutreffen in dem Sinne, dass wir ja hoffen, wenn wir jetzt sagen, wenn ihr nichts tut, geht es auf 0,7% zurück, dass dies alle Beteiligten noch einmal anspornt, nicht die Daten zu schönen, sondern gegenzusteuern, um möglichst diese 0,7 eben nicht eintreten zu lassen, um möglichst in Deutschland 1%, 1,5% wirtschaftliches Wachstum zu haben. In dem Sinne würde ich lieber Herrn Clement den Mut zur Wahrheit raten zu haben, den Leuten in Deutschland zu sagen, wie schwierig die Situation ist, aber wie gut seine Pläne sind, um Deutschland auf einen höheren Wachstumspfad zurückzuführen, als hier jetzt zu versuchen, in Abstimmung mit Herrn Eichel sozusagen politisch das wirtschaftliche Wachstum zu definieren.

Klein: Also wohl verstanden, wir reden hier von Stellen hinter dem Komma?

Straubhaar: So ist es!

Klein: Das ist in Wahrheit nicht so sehr viel. Dennoch wird Wolfgang Clement heute eine etwas optimistischere Konjunkturprognose abgeben. Was bedeutet das in der Praxis?

Straubhaar: Man muss ja sehen, wieso die Bundesregierung derart interessiert ist, höhere wirtschaftliche Wachstumsdaten ausweisen zu können, weil das wird mitbestimmen, welche Steuereinnahmen erwartet werden dürfen und welche Steuerausgaben die Folge sind. Beides zusammen beeinflusst ja dann die Nettoneufinanzierung und die wiederum ist wichtig für die Einhaltung des europäischen Stabilitätspaktes. Wenn hier von einer optimistischen oder von einer am oberen Rand liegenden Wirtschaftsprognose ausgegangen wird, dann hat es Herr Eichel in Brüssel bei seinen Kollegen leichter, durchgewunken zu werden, weil dann eben in der Erwartung für dieses und nächstes Jahr die Nettoneufinanzierung eher unter die 3% gedrückt werden kann und man dann erst im Nachhinein sieht, dass man abgewichen ist und dann hofft, weniger stark von den Kollegen in Brüssel bestraft zu werden.

Klein: Letzte Frage, Herr Straubhaar. Sie haben der Bundesregierung ja auch vorgeworfen, zu wenig zu tun, zu wenig Reformen. Das hat das Kabinett wiederum zurückgewiesen. Gestern haben wir nun einen kleinen Rückgang der Arbeitslosigkeit erlebt, wo die Bundesregierung sagt, das ist auch ein Effekt unserer Reformpolitik. Fühlen Sie sich jetzt widerlegt im Kern?

Straubhaar: Nein. Erstens möchte ich ganz ausdrücklich sagen, dass wir uns genauso wie alle in Deutschland freuen für jeden Menschen, der in Deutschland wieder eine Beschäftigung findet. Wenn die Arbeitslosigkeit zurückgeht, freut uns das. Das ist genau auch Ziel unserer Arbeit, alles zu tun, um das zu unterstützen. Wenn aber jetzt diese Zahlen von gestern schon als der große Reformerfolg gefeiert werden, dann kann das nicht sein, weil im Prinzip hier wir sehen, dass es eine saisonale Belebung ist, die vergleichsweise zu geringen Effekten auf dem Arbeitsmarkt in positiver Hinsicht geführt hat. Von daher gesehen noch einmal: die wichtigste Botschaft jetzt wäre - und das sagen wir auch - Mut zur Wahrheit. Es nützt in der langen Frist niemandem, wenn man hier Zahlen so interpretiert wie es gerade passt. Ich denke die Menschen in Deutschland haben Besseres verdient. Sie haben verdient, dass man ihnen die Wahrheit sagt, damit sie mit dieser Wahrheit dann auch konstruktiv in die Zukunft gehen können.


Klein: Und das war die Wahrheit von Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören Herr Straubhaar!

Straubhaar: Auf Wiederhören Frau Klein.


 
 

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