Die Exiliranerin Dr. Nasrin Bassiri glaubt, dass man im Konflikt um die Mohammed-Karikaturen auf Dialogbereitschaft setzen muss. Die Voraussetzungen seien wenigstens teilweise vorhanden, so habe sich die Organisation der Islamischen Konferenz bereit erklärt, mit der dänischen Regierung zu sprechen. Es zeige sich, dass es in der Vergangenheit versäumt worden sei, einen gleichberechtigten Dialog zu führen, sagte Bassiri.
Heckmann: Für den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad kam die Sache mit den Karikaturen wohl gerade recht, ist der Westen doch gerade dabei, den Ton im Streit um das iranische Atomprogramm zu verschärfen, und das sogar gemeinsam mit Russland und China, zwei Länder, die sich bisher in Solidarität mit Teheran geübt hatten. Doch nun bieten die Karikaturen aus Dänemark willkommenen Anlass, das Volk verstärkt hinter sich zu scharen. Am Telefon ist jetzt die Exiliranerin Dr. Nasrin Bassiri, sie ist Journalistin, Publizistin und Politikwissenschaftlerin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Frau Bassiri, wie stark ist die Empörung verbreitet im Iran aus Ihrer Erfahrung heraus? Ist das bezogen eher auf eine radikale, kleine Minderheit, oder geht das durch die gesamte Bevölkerung?
Bassiri: Ich habe heute fast sämtliche Zeitungen, Tageszeitungen im Iran gelesen. Also die Berichte, die über die Karikaturen standen, waren irgendwo ganz hinten auf Seite 10, 12 beziehungsweise sie waren eingeschränkt auf das, was in der Welt geschehen ist. Also ich konnte wirklich nicht feststellen, dass man dort die Gefühle der radikalen Kräfte schürt. Aber vielleicht kann es deshalb sein, weil man die schon fest im Griff hat.
Heckmann: Haben Sie den Eindruck, dass auch die gemäßigten muslimischen Intellektuellen, dass die zunehmend Schwierigkeiten haben, sich mit den Werten der westlichen Welt öffentlich auch zu solidarisieren?
Bassiri: Ja, zum Beispiel heute findet eine Demonstration in Paris statt von einer Gruppe von Studenten, die weltweit verbreitet sind, und die sind, glaube ich, mehrheitlich Islamanhänger, aber sie sind aufgeklärte Muslime, und sie haben sich auch mit dem jüdischen Volk solidarisiert, also am 26. haben sie auch in 12 europäischen Städten demonstriert und sich gegen die Aussagen von Ahmadinedschad gestellt.
Heckmann: Wie kommt denn aus Ihrer Sicht die Argumentation des Westens in der Bevölkerung im Iran speziell an, dass argumentiert wird, dass hier im Westen die Pressefreiheit herrscht und deswegen sich eine Regierung nicht für Karikaturen einer Zeitung entschuldigen kann? Ist das in irgendeiner Weise nachvollziehbar für die Menschen dort?
Bassiri: Ja, eigentlich sehe ich es auch so, dass die Regierungen nicht verantwortlich sind für alles, was im Lande geschieht, aber trotzdem, wenn auch ein Minister zum Beispiel an der Macht ist und irgendein Beamter oder ein Angestellter etwas anrichtet, ist es nicht so unüblich, dass der Minister sich dafür entschuldigt, weil er doch die Oberhaupt dieses Hauses hat. Ich denke, es ist eine Geste, aber ich denke, dass man selber unvernünftig ist, wenn man von radikalen Kräften, besonders radikalen islamischen Kräfte erwartet, dass sie vernünftig sind. Das ist natürlich für die radikalen Kräfte ein willkommener Anlass, um Hass zu schüren gegen den Westen, aber ich denke, in solchen Fällen muss man auf Dialog setzen, und diese Dialogbereitschaft sehe ich im Moment von Reformkräften in islamischen Ländern schon sehr ausgeprägt. Die Organisation der Islamischen Konferenz hat sich bereit erklärt - das stand auch in iranischen Zeitungen -, mit der dänischen Regierung zu sprechen. Also da sehe ich eine weiße Flagge.
Heckmann: Also Sie haben nicht den Eindruck, dass sich dort eine Tendenz entwickelt, weg vom Westen?
Bassiri: Doch, bestimmt, auch bei bestimmten radikalen Kräften, aber Menschen, die regieren, auch Herr Ahmadinedschad, obwohl er sehr radikal ist, aber Menschen, die regieren, die sich darauf angewiesen, mit anderen Ländern zu kooperieren. Genauso ist es mit Hamas. Es ist anders, wenn sie in der Opposition sind, die können dann viele Parolen rufen, aber die radikalen Kräfte, die regieren, sind darauf angewiesen, mit dem Westen zu kooperieren. Aber natürlich schüren sie auch Hass, um mit besseren Bedingungen an den Verhandlungstisch zu gehen wahrscheinlich.
Heckmann: Wir hatten die Skandalbilder von Abu Ghraib, wir haben weiterhin das Gefängnis auf Guantánamo, nun die Mohammed-Karikaturen. Ist es so, dass sich viele Moslems als Menschen zweiter Klasse behandelt fühlen?
Bassiri: Ja, ja, nicht nur wegen der Bilder auf Guantánamo, aber ich denke, man hat lange auch versäumt, mit Muslimen mehr Dialog zu führen, und zwar mehr gleichberechtigten Dialog, auch was die Kopftuchdebatte hier betraf oder was diese Fragebogen betreffen, die Muslimen vorgesetzt werden, wenn sie eingebürgert werden sollen. Also es wird gesprochen darüber, aber es kommen weniger Menschen, die andere Meinung haben, zu Wort, also Menschen, die zum Beispiel meinen, Kopftuchverbot sollte nicht sein, hat man kaum hier erlebt oder gesehen in öffentlichen Debatten.
Heckmann: Jetzt hat die größte Zeitung im Iran die unsägliche Idee gehabt, einen Karikaturenwettbewerb auszuschreiben, und zwar sollen Karikaturen über den Holocaust veröffentlicht werden als Revanche sozusagen auf die Mohammed-Karikaturen. Zeigt sich da nicht eine unglaubliche Doppelmoral?
Bassiri: Es ist unglaublich geschmacklos, dieser Akt, aber ich denke, dass die radikalen Kräfte, die wollten zeigen, dass alles mit Pressefreiheit nicht zu erklären ist. Wahrscheinlich wollten sie das sagen.
Heckmann: Das heißt, Sie finden das nachvollziehbar?
Bassiri: Ja, ich finde nachvollziehbar, dass die radikalen Kräfte so sind, wie sie heute sind, es sei denn, dass man durch Dialog, also ich bin nicht für Krieg, ich meine, dass man erst mal sie ernst nehmen soll und mit ihnen reden soll, und wenn man denkt oder wenn man erstaunt ist, dass sie so handeln, dann, denke ich, ist man selber schuld. Also wenn man auch im Wald spazieren geht, dann denkt man nicht, dass man Vorfahrt hat vor einem Löwen.
Heckmann: Aber es ist ja nun so, dass der Holocaust und das jüdische Volk jetzt überhaupt nichts damit zu tun hat, was die Karikaturen in der dänischen Zeitung angeht.
Bassiri: Das ist klar, Ahmadinedschad mit seinen Äußerungen, ich möchte das überhaupt nicht verteidigen, aber ich meine, wenn man in einen wilden Wald geht, dann muss man damit rechnen, man weiß es heute. Also wenn man vernünftig ist, weiß man das, und es nützt nichts, dass man immer verlangt von Menschen, die radikal sind, dass sie vernünftig denken und mit vernünftigen Methoden umgehen.
Heckmann: Kann es sein, dass die Vorstellung, dass es einen Grundbestand zumindest an gemeinsamen Werten gibt, nämlich unter anderem die Pressefreiheit, dass das möglicherweise einfach eine Illusion ist?
Bassiri: Nein, Pressefreiheit ist keine Illusion, aber ich denke, die Presse hat hier keine Narrenfreiheit, sondern es gibt ethische, moralische Gesetze, geschriebene Gesetze, also eine Tageszeitung kann kein Pornobild aufsetzen, was weiß ich. Also es gibt schon bestimmte Gesetze und auch moralische, ethische Werte, und ich denke, dass alle Zeitungen auch ihre politische Linie verfolgen. Es ist nicht so, dass jemand einfach in einer radikalen Zeitung etwas Vernünftiges schreibt, oder umgekehrt in einer liberalen Zeitung Parolen gerufen werden für Krieg. Also es gibt schon vernünftige Einschränkungen.
Heckmann: Vielen Dank für das Gespräch.
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