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09.05.2006
Mahmud Ahmadinedschad (Bild: AP) Mahmud Ahmadinedschad (Bild: AP)

"Uneinigkeit des Westens ist beste Ausgangslage für den Iran"

Iranischer Publizist sieht Lösung in direkten Gesprächen mit den USA

Nach Auffassung des iranischen Publizisten Navid Kermani befindet sich der Iran durch die Uneinigkeit des Westens im Atomstreit in einer guten Ausgangslage. Der Westen wisse nicht, mit was er drohen solle, da er die negativen Folgen der Sanktionen für sich selbst fürchte. Der Iran fordere seit langem Sicherheitsgarantien. Diese könnten aber nur die Amerikaner geben, betonte Kermani.

Engels: Über den gestrigen Brief des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad an US-Präsident Bush sind Einzelheiten bekannt geworden. Danach kritisiert der iranische Staatschef auf 16, nein auf 18 Seiten die Außenpolitik der USA besonders gegenüber dem Iran. Er verlangt, dass religiöse Werte das politische Leben stärker bestimmen sollten, und im Konflikt um das Nuklearprogramm Teherans liefert Ahmadinedschad keinen neuen Vorschlag. "Wissenschaftliche Forschung" - so zitiert die Nachrichtenagentur Reuters aus dem Papier - sei eines der Grundrechte von Staaten. Der Brief, immerhin das erste offizielle Schreiben Teherans an die US-Amerikaner seit 27 Jahren, war nur am Rande Thema des UN-Sicherheitsrates, der sich in der Nacht nicht auf eine einheitliche Resolution gegen den Iran einigen konnte.
Am Telefon ist nun der iranische Publizist und Schriftsteller Navid Kermani. Ich grüße Sie Herr Kermani!

Kermani: Guten Tag!

Engels: Wir haben es gehört. Unter den Vetomächten des UN-Sicherheitsrates und Deutschland gibt es bislang keine Einigung über eine Resolution gegen den Iran. Ist allein das schon ein Erfolg für die Teheraner Führung?

Kermani: Ja natürlich! Wenn der Westen sich uneinig ist, was er auch in der Vergangenheit schon war, dann ist das die beste Ausgangslage für Iran. Das Regime ist in einer diplomatisch sehr guten Ausgangsbasis, um Forderungen zu erheben oder das zu machen, was es gerne machen möchte.

Engels: Und was nützt Teheran dieser Zeitgewinn? Natürlich kann man dann länger forschen, aber man isoliert sich immer weiter.

Kermani: Das Regime, das im Augenblick herrscht, die jetzige Fraktion, die sich vorerst im Machtkampf im Iran durchgesetzt hat, ist ja bereit, diese Isolation in Kauf zu nehmen, weil man sich ausrechnet, was man verliert, was man gewinnt. Der Ölpreis ist im Augenblick sehr, sehr hoch. Er wird wahrscheinlich noch weiter steigen. Das gibt dem Land Einnahmen. Das heißt wirtschaftlich geht es im Augenblick einigermaßen gut. Man kann das Geld verteilen an die Bevölkerung, vor allem die arme Bevölkerung, die damit bei der Stange gehalten wird.

Letztendlich ist der Westen sich ja nicht einig, mit was er droht. Einerseits heißt es Sanktionen. Sobald man nachfragt, werden die Sanktionen wieder relativiert, weil eigentlich die Sanktionen dem Westen beinahe mehr schaden als Iran. Den Krieg wollen die Europäer nicht, zum Glück nicht. Man hat beinahe den Eindruck, dass die Europäer mehr damit beschäftigt sind, Amerika vom Krieg abzuhalten, als gemeinsam Druck auf Iran auszuüben. Die Amerikaner geben überhaupt kein Zeichen, wo sie ein Entgegenkommen signalisieren. Sie drohen einfach nur, ohne dass sie bereit sind, auch ihrerseits beispielsweise direkte Gespräche mit Iran aufzunehmen.

Engels: Sie haben eben angesprochen, die Situation jetzt würde es Teheran erleichtern, Forderungen zu stellen, aber wie sehen die wohl aus, denn das Angebot, Leichtwasserreaktoren zu liefern oder den nuklearen Brennstoff, hat Teheran bislang ja immer abgelehnt.

Kermani: Was die Iraner fordern und schon die ganze Zeit gefordert haben, das sind Sicherheitsgarantien. Sie wollen Sicherheitsgarantien von den Amerikanern haben. Es geht auch um die Guthaben, die seit vielen Jahren in Amerika eingefroren sind. Das heißt, der eigentliche Adressat der iranischen Forderungen sind die Amerikaner. Erst wenn diese Sicherheitsgarantien gegeben werden, dann sind die Iraner am Ziel. Die Amerikaner geben nicht zu erkennen, dass sie bereit sind, auf diese Forderung einzugehen, dem Regime in Teheran Sicherheit zu garantieren.

Engels: Die direkten Gespräche zwischen den USA und dem Iran werden ja schon länger diskutiert. Nun hat gestern ja der spektakuläre Brief des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad für Schlagzeilen gesorgt. Es war ja immerhin das erste offizielle Schreiben des Iran an Washington seit über 20 Jahren. Doch konkret war das nicht. Wie ordnen Sie dieses Schreiben ein? Ist das ein Schritt auf diesem Weg, das Ziel erreichen zu wollen, direkt mit den US-Amerikanern zu sprechen?

Kermani: Nein, das glaube ich nicht. Zunächst mal weiß ich und weiß man natürlich nicht genau, was in diesem Brief im Einzelnen steht. Es gibt ein paar Hinweise, ein paar Stichworte, aber offenbar möchte sich Ahmadinedschad mit diesem Brief in die Situation des Revolutionsführers Khomeini stellen, der damals an Gorbatschow geschrieben hat und ihn zur Bekehrung zum Islam aufgefordert hat. Das zeigt ein bisschen die Hybris dieser Politik und speziell von Ahmadinedschad, eines Mannes ohne jede außenpolitische Erfahrung, ohne eigentlich auch eine politische Agenda, der aus dem Sicherheitsapparat kam und der glaubt, mit diesem Brief hier eben mal Bush belehren zu können.

Ich denke aber der eigentliche Adressat dieses Briefes sind nicht die Amerikaner, sondern ist zum einen die eigene Bevölkerung. Die Amerikaner sind als Kultur und als Volk durchaus sehr beliebt im Iran. Es gibt keinen Antiamerikanismus wie etwa in der arabischen Welt. Insofern ist ein Brief an die Amerikaner etwas, was populär ist, und Ahmadinedschad ist ein großer Populist. Er erfüllt die Forderung, versucht auch die breite Bevölkerung zufrieden zu stellen und die Bevölkerung ist keineswegs antiamerikanisch. Wenn man signalisiert, man möchte auf die Amerikaner zugehen, dann kann er damit in der eigenen Bevölkerung punkten.

Umgekehrt gilt das auch in der islamischen Welt. Auch dort kann Ahmadinedschad damit beweisen oder unter Beweis stellen, dass er doch keineswegs der Aggressor ist. Er möchte doch auf Amerika zugehen. Die Aggressoren das seien die, die in Washington herrschen.

Engels: Sie haben es angesprochen. Möglicherweise bedient Ahmadinedschad mit einem solchen Schreiben auch die Interessen der Bevölkerung. Doch wie ist das einzuordnen im Vergleich zur ja mächtigen Geistlichkeit im Iran? Dieses Schreiben kann ja eigentlich nur mit deren Zustimmung erfolgt sein.

Kermani: Ich denke schon, jedenfalls des Revolutionsführers. Soweit man aber weiß ist in diesem Brief überhaupt nichts, was aus Sicht des Regimes verfänglich wäre. Da werden ja allgemeine Belehrungen und allgemeine Forderungen gestellt, Bush solle sich gefälligst auch an seine eigene Religion halten und so weiter. Das ist ja nichts, was irgendwie falsch wäre. Aus Sicht dieser Ideologen ist es ja keineswegs ein Sakrileg, die Feinde, die Ungläubigen zu belehren. Man möchte sie einladen, auf den wahren Pfad der Tugend zurückzukehren. Das zeigt wie fern der Präsident, das jetzige Regime, jedenfalls die jetzige Fraktion, die Leute, die hinter Ahmadinedschad stehen, von unseren realpolitischen Maßstäben sind, wie fern sie auch von dem Iran der letzten Jahre sind. Ahmadinedschad ist nicht die Nummer eins im Iran. Da gibt es Leute, die hinter ihm stehen. Es gibt Leute im Sicherheitsapparat, aus dem Geheimdienst. Es gibt Leute in der Theologie. Es ist eine Clique, die zusammen mit dem Revolutionsführer die Macht in Teheran übernommen hat.

Der Iran der letzten Jahre war immer sehr pragmatisch. Es haben die Konservativen geherrscht, zum Teil hatten auch die Reformer das Sagen. Das waren aber Leute, die ihre Politik nach dem Interesse des Landes richteten, nicht nach der Ideologie. Jetzt hat man im Iran einen Politiker und eine Clique an der Macht, für die nicht nur Interesse zählt, sondern wirklich auch die Ideologie. Das macht es in der Politik meistens sehr gefährlich.

Engels: Sehr gefährlich sagen Sie. Wie würden Sie denn derzeit die Machtbalance zwischen Ahmadinedschad und seiner Clique, wie Sie es nennen, und der etablierten, zum Teil ja auch konservativen Geistlichkeit beschreiben?

Kermani: Das ist sehr schwer zu beurteilen. Man hört immer wieder von ganz, ganz vielen Hinweisen darauf, dass der Machtkampf in Teheran tobt, noch viel schlimmer tobt als zu Zeiten der Reformer, dass es Putschgerüchte gibt. Wenn man aber die Politik Irans seit langem verfolgt, dann ist man vorsichtig, so etwas schon für bare Münze zu nehmen. Ich kann das auch von außen wirklich schwer beurteilen. Es gibt aber sehr, sehr viele Hinweise gerade aus dem Establishment. Wenn Sie sehen, dass die konservative Geistlichkeit eng verbunden ist mit der Geschäftswelt, mit dem Basar. Diese Leute im Basar haben kein Interesse, dass Iran sich isoliert, dass die Aktienkurse einbrechen, dass die Investoren fluchtartig das Land verlassen. Das ist nicht im Interesse der bisher herrschenden politischen religiösen Elite.

Ahmadinedschad kommt aus einem anderen Hintergrund. Er versucht, die Revolution zurückzuführen an ihre Ursprünge, gegen das jetzige Establishment, und er hat den Segen des Revolutionsführers. Aber wie genau das Machtverhältnis ist? Ich denke nur: Iran bleibt weiter gut für Überraschungen, genauso wie damals die Reformer überraschend ins Präsidentenamt kamen. Genauso wie überraschend der Fundamentalist Ahmadinedschad Präsident wurde, genauso gut kann sich das wieder schnell umkehren. Aber eine Prognose erlaube ich mir im Augenblick nicht.

Engels: Vielen Dank! - Das war der iranische Publizist und Schriftsteller Navid Kermani. Ich bedanke mich für das Gespräch.


 
 

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