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09.06.2006
Bundestagspräsident Norbert Lammert. (Bild: AP) Bundestagspräsident Norbert Lammert. (Bild: AP)

"Wir haben allen Anlass, uns zu freuen"

Norbert Lammert wünscht sich eine fröhliche Weltmeisterschaft

Moderation: Friedbert Meurer

Bundestagspräsident Norbert Lammert wünscht sich von der Fußball-WM, dass sich Deutschland als guter Gastgeber und als fröhliches und selbstbewusstes Land präsentiert. Die Kritik des Zentralrats der Juden in Deutschland wegen des geplanten Besuchs eines iranischen Regierungsvertreters bei der WM-Eröffnungsfeier wies Lammert zurück. Vertreter Deutschlands hätten sich glasklar und unmissverständlich zu den "für uns vollständig unakzeptablen Einlassungen des iranischen Staatspräsidenten geäußert".

Friedbert Meurer: In München beginnt heute die Fußballweltmeisterschaft und Politikern und Staatsgäste aus aller Welt geben sich ein Stelldichein, von UNO-Generalsekretär Kofi Annan bis zum spanischen Königspaar. Die WM ist ein internationales Großereignis, das selbst der heutige Papst Benedikt XVI. so würdigt:

Wenn man in diesen Tagen in die Zeitungen oder in die Rundfunk- und Fernsehprogramme blickt, kann man sehr schnell feststellen, dass es ein beherrschendes Thema gibt: die Fußballweltmeisterschaft. Kaum irgendein Vorgang auf der Erde kann eine ähnliche Breitenwirkung erzielen. Das zeigt, dass hier etwas Urmenschliches angesprochen sein muss, ein Tun, das ganz frei ist, ohne Zweck und ohne Nötigung, und das dabei doch alle Kräfte des Menschen anspannt und ausfüllt. In diesem Sinn wäre das Spiel also eine Art von versuchter Heimkehr ins Paradies, das Heraustreten aus dem versklavenden Ernst des Alltags und seiner Lebensbesorgung in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss und gerade darum schön ist.

Meurer: So weit die Worte aus dem Jahr 1978. Damals hat der heutige Papst Benedikt, natürlich als Kardinal Joseph Ratzinger, die bevorstehende Weltmeisterschaft in Argentinien mit diesen Worten eingeleitet.

Kein Sportereignis vermag offenbar so sehr den halben oder auch den ganzen Globus in seinen Bann zu ziehen wie die Fußballweltmeisterschaft. Auch in Deutschland ist das WM-Fieber vielfach ausgebrochen. Die ersten warnen schon, dass wir nüchternen Deutschen es dabei vielleicht übertreiben könnten mit Fahnen und mit schwarz-rot-goldenen Schals und dergleichen mehr.

Am Telefon begrüße ich Norbert Lammert. Er ist Bundestagspräsident, CDU-Abgeordneter und Fußballinteressiert als Mitglied des VFL Bochum. Guten Morgen Herr Lammert!

Norbert Lammert: Guten Morgen Herr Meurer!

Meurer: Wie viel Begeisterung und Freude ist uns Deutschen gestattet jetzt in den nächsten Wochen?

Lammert: Jedenfalls nicht weniger als irgendeinem anderen Land der Welt. Wir haben allen Anlass, uns auf dieses Ereignis zu freuen. Wir haben uns mit erheblichen Anstrengungen darauf vorbereitet. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Stadien, die austragenden Städte in einem Topzustand befinden, und ich kann nicht erkennen, warum wir in unserer eigenen Begeisterung hinter dem zurückbleiben müssten oder sollten, was die Fans, die aus diesem Anlass nach Deutschland kommen, und viele, die uns beobachten, für ganz selbstverständlich halten.

Meurer: Sehen Sie die Gefahr, wie einige das sehen, dass da etwas überschwappen könnte?

Lammert: Nein! Naturgemäß gibt es immer - übrigens nicht nur bei Sportereignissen, aber auch bei Sportereignissen - einzelne, die Maß und Mitte verlieren, aber daraus einen Generalverdacht herzuleiten, halte ich für völlig unbegründet.

Meurer: Was wünschen Sie sich denn von den Deutschen in den nächsten vier Wochen?

Lammert: Ich wünsche mir, dass wir nach dem Motto, das dieses große Sporttreffen ja hat, "Die Welt zu Gast bei Freunden", gute, überzeugende Gastgeber sind, dass wir das Land so darstellen wie es wirklich ist: ein schönes Land, eines der attraktivsten offenkundig der Welt, wenn man das aus der Wahrnehmung unserer Gäste nachvollzieht, ein Land, das fröhlich und freundlich ist, das Anlass hat zu Selbstbewusstsein, das natürlich auch Probleme hat, die es nicht verschweigen muss, aber die fast ausnahmslos sich in einer Größenordnung befinden, dass die meisten anderen Länder der Welt keinen Augenblick zögern würden, ihre Probleme mit unseren zu tauschen.

Meurer: Nun wissen wir ja, Klischees sind hartnäckig. Wie gut stehen denn die Chancen, dass Deutschland sich etwas anders präsentieren kann als es vielleicht weltweit gesehen wird?

Lammert: Das letzte habe ich jetzt nicht ganz verstanden.

Meurer: Wie groß ist die Chance, dass die Botschaft weltweit tatsächlich herüber kommt, wir Deutschen können auch locker, freundlich, offen und tolerant sein?

Lammert: Ich weiß nicht, warum das nicht gelingen soll, zumal es ja andere vergleichbare Ereignisse in Deutschland gegeben hat, bei denen das durchaus überzeugend dargestellt worden ist. Ich habe eine gute Erinnerung an die letzte, erste bisherige Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Viele erinnern sich noch an die Olympischen Spiele in München, die bis zu dem schrecklichen Attentat weltweit als die vielleicht fröhlichsten Spiele wahrgenommen worden sind, die es jemals gegeben hat. Weder mit Blick auf das bevorstehende Ereignis, noch mit Blick auf Erfahrungen in der Vergangenheit sehe ich einen ernsthaften Anlass zur Besorgnis.

Meurer: In den Feuilletons, Herr Lammert, klagt schon mancher, es gebe eine Infantilisierung der Nation, wenn sich erwachsene Menschen wie Kinder bunt anziehen und das Gesicht anmalen.

Lammert: Ja. Was diese Kritik angeht amüsiert mich daran am meisten, wenn das beispielsweise von Medienvertretern vorgenommen wird, die selber keinen Augenblick zögern, anstelle des Nachrichtenteils der Zeitung bis zu 24seitige Sonderbeilagen zum Sportereignis vorzulegen. Ich habe keinen Anlass, mich darüber zu beklagen. Im Gegenteil: hier kommt zum Ausdruck, dass das eben ein besonderes Ereignis ist, das auch für ein paar Tage besondere Aufmerksamkeit verdient. Aber man sollte sich nicht selber an ein solches großes Ereignis anhängen und gleichzeitig mit der großen Geste eines Zensors den Verdacht der Infantilisierung erheben.

Meurer: Ist etwas Infantilität erlaubt?

Lammert: Warum eigentlich nicht, zumal wir, woran man ja gelegentlich offenkundig erinnern muss, über ein Spiel reden.

Meurer: Das hoffentlich auch ein Spiel bleibt. Sie erinnern sich als Fußball-Fan bestimmt zum Beispiel an 1990, als Deutschland gegen die Niederlande zwei zu eins gewann. Anschließend ging es so hitzig her, dass es an der Grenze Schlägereien gab. Bringt der Fußball die Länder doch mehr auseinander als zueinander?

Lammert: Im Ganzen nach meiner Erfahrung nicht. Im Einzelnen machen wir Erfahrungen von hoffnungslosen Übertreibungen an jedem Wochenende der Fußball-Bundesliga. So sind die Menschen nun mal gebaut, dass da gelegentlich in ein Sportereignis Ehrgeiz investiert wird, der nun völlig unmaßstäblich ist mit Blick auf das, worum es geht. Im Übrigen schließe ich mich den liebenswürdigen Bemerkungen des heutigen Papstes gerne an. Das ist ja deswegen gerade eine so liebenswürdige Veranstaltung - ich meine jetzt nicht nur diese, sondern überhaupt Sportereignisse -, weil es dort bei ruhiger Betrachtung eben um nichts geht, weil es sich nicht um eine notwendige Anstrengung handelt, sondern um etwas, was man freiwillig tut, weil es Spaß macht. Genau dieser Spaß, diese Freude an der Sache muss im Mittelpunkt stehen.

Meurer: Die Freude wird ein bisschen getrübt bei der Vorstellung, dass der iranische Staatspräsident kommen könnte. Wahrscheinlich kommt er wohl nicht, aber ein Stellvertreter heute Abend zur Eröffnungsfeier. Da sagt der Zentralrat der Juden in Deutschland in Gestalt seines Generalsekretärs, das sei ein Offenbarungseid der deutschen Politik und Opportunismus Deutschlands gegenüber den Mullahs. Was meinen Sie?

Lammert: Diese Kritik lässt sich bei ruhiger Betrachtung nicht ernsthaft aufrechterhalten. Der Zentralrat der Juden weiß, dass vielleicht keine andere Regierung in der Welt - übrigens auch kaum ein anderes Parlament in der Welt - sich so glasklar, so unmissverständlich, auch so häufig zu den für uns vollständig unakzeptablen Einlassungen des iranischen Staatspräsidenten geäußert hat, wie das für Deutschland zutrifft. Auf der anderen Seite sind wir Gastgeber dieser Weltmeisterschaft und wir können nicht die Teilnahme eines Staats- oder Regierungschefs oder seiner Vertreter aus einem der teilnehmenden Länder blockieren, weil wir mit der Politik, mit den Erklärungen dieses Landes nicht übereinstimmen. Auch hier empfehle ich, ein bisschen die Proportionen im Auge zu behalten. Die Kritik wäre berechtigt, wenn Zweifel an der deutschen Haltung erlaubt wären. Ich bin absolut sicher, dass es niemand einschließlich der iranischen Regierung gibt, der auch nur den Hauch eines Zweifels an der deutschen Position hat.

Meurer: Darf man einen Mann empfangen oder einen Stellvertreter von jemandem, der den Holocaust leugnet?

Lammert: Ich habe das ja gerade erläutert. Wir haben ihn im Übrigen nicht eingeladen, sondern er kommt als Repräsentant des Landes, das eines der Teilnehmerländer an diesem Turnier ist. Daraus ergeben sich dann selbstverständliche Verpflichtungen eines Gastgebers, denen wir nachkommen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Meurer: Bundestagspräsident Norbert Lammert bei uns heute Morgen im Deutschlandfunk zur Fußballweltmeisterschaft, die heute ihr Auftaktspiel hat. Herr Lammert, schönen Dank und auf Wiederhören!

Lammert: Keine Ursache. Schönen Tag!


 
 

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