Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, empfiehlt der israelischen Regierung zur Beilegung des Nahostkonflikts Verhandlungen mit Syrien. Ziel müsse es sein, Syrien vom Einfluss des Iran zu trennen, sagte Primor. Auch wenn die USA diesen Weg nicht unterstützten, sollte Israel den Mut zu Gesprächen mit Syrien aufbringen.
Elke Durak: Gestern wurden beidseitig Angriffe geflogen. Das heißt, Raketen flogen von Hisbollah-Seite nach Israel und umgekehrt. Auch in dieser Nacht wurde von israelischer Seite weiter bombardiert. Kein Ende abzusehen.
Am Telefon ist Avi Primor, ehemals israelischer Botschafter in Deutschland. Herr Primor, was ist eigentlich falsch gelaufen, dass es zu einer solchen Situation gekommen ist?
Avi Primor: Ja, Frau Durak, viele Sachen sind falsch gelaufen. Wir haben die Hisbollah falsch eingeschätzt. Wir dachten, nachdem wir den Südlibanon räumen, total räumen, freiwillig und einseitig räumen, würde die Hisbollah keinen Vorwand mehr haben, um uns anzugreifen. Sie haben ja doch immer behauptet, sie würden nur den Libanon von der israelischen Besatzung befreien wollen. Das haben sie ja im Jahr 2000 erreicht. Was sonst wollen sie von uns? Also haben wir nicht darauf geachtet, dass sie sich dauernd wieder aufrüsten mit Hilfe natürlich vom Iran, den Waffen vom Iran, Geld vom Iran und mit Unterstützung auch von Syrien. Also das haben wir nicht erwartet.
Zweitens, was falsch gelaufen, ist, dass die libanesische Regierung, die vor zwei Jahren sich von der syrischen Besatzung befreit hat, vor allem unter Druck der Franzosen und der Amerikaner, nicht weitergegangen ist mit dem Weltsicherheitsratsbeschluss 1559, der behauptete, dass Südlibanon auch dem Libanon gehören soll und dass die libanesische Armee und nicht die Milizen der Hisbollah den Südlibanon besetzen soll. All dies ist nicht geschehen, und jetzt plötzlich greift uns aus dem heiteren Himmel die Hisbollah an, wahrscheinlich weil der Iran es nötig hatte und wahrscheinlich weil es den Ambitionen des Irans dient. Vergessen wir nicht, dass die Hisbollah eine kleine schiitische Gemeinschaft ist, genau wie die Iraner. Es gibt nur zwei schiitische Gemeinden in der arabischen Welt. Das ist im Südlibanon und im Irak.
Durak: Es heißt, der Iran wolle auch vom Streit um das Atomprogramm ablenken. Bleiben wir zunächst bei Israel, Herr Primor. Das Ziel, die Zerschlagung oder Zurückdrängung der Hisbollah-Milizen, halten Sie das für wirklich realistisch, das militärisch zu erreichen?
Primor: Auf jeden Fall nicht mit der Luftwaffe allein. Die Luftwaffe allein kann viel von der Macht der Hisbollah zerstören. Das tut sie auch ganz gründlich. Aber wir wissen das aus der Geschichte: aus der Luft alleine kann man keinen Krieg gewinnen, kann man keinen Feind wirklich endgültig zerstören, kann man auch keine Untergrundbewegung zerstören. Man kann sie schwächen, man kann sie zurückschlagen, aber nicht wirklich schwächen. Sobald wir das aufhören, kommt ja der Iran und finanziert den Wiederaufbau und die Wiederaufrüstung und so weiter. Also muss die Lösung, nachdem wir die Hisbollah geschwächt haben, eine politische Lösung sein. Das bedeutet vor allem, die libanesische Regierung zu stärken, und das muss die internationale Gemeinschaft machen. Ich glaube, ohne internationale Truppen werden wir da eine Lösung nicht finden. Der Libanon allein ist zu schwach, um den Südlibanon wieder zu besetzen, das heißt die libanesische Armee dort hinzuschicken. Das wird die Hisbollah nicht zulassen, aber mit internationalen Truppen. Das müssen aber echte Truppen sein, kampfbereite Truppen, und nicht nur Beobachter. Ich würde sogar sagen, dass auch arabische Nationen daran teilnehmen sollen. Das geht von Marokko bis zu Jordanien, Ägypten, und sogar Saudi-Arabien könnte es machen. Wir würden diese Truppen an unserer Grenze begrüßen, wenn auch unsere Regierung das heute nicht so behauptet.
Durak: Aber es wird dazu kommen, denken Sie?
Primor: Ich glaube, es muss dazu kommen. Ich hoffe, dass es dazu kommt. Ich würde noch etwas sagen, was unsere Regierung heute nicht zulassen würde. Ich glaube, wir müssen auch mit Syrien sprechen. Ich glaube, dass wir einen Grund haben, mit Syrien zu sprechen, weil es gemeinsames Interesse gibt, Syrien dann vom Iran zu trennen. Syrien hängt an Iran, weil Syrien in der Welt isoliert ist. Nur können wir schwer mit Syrien sprechen, weil die Amerikaner sich dem widersetzen, aber solche Dinge haben wir schon in der Vergangenheit gemacht. Wir haben mit Ägypten gesprochen, als die Amerikaner dazu nicht bereit waren. Wir haben es mit Jordanien gemacht, und selbst die Verhandlungen mit den Palästinensern 1992, die es zu den Osloer Verträgen gebracht haben, haben wir hinter dem Rücken der Amerikaner gemacht. Also mit ein bisschen Mut können wir auch das machen, aber ob wir so weit sind, weiß ich nicht.
Durak: Noch einmal zurück zu den internationalen Truppen, Herr Primor. Das Mandat für diese Truppen sollte robust sein. Das haben Sie auch beschrieben. Das könnte aber unter Umständen heißen, dass sich auch die Waffen der Soldaten gegen israelische Truppen richten. Kalkulieren Sie das ein?
Primor: Ja, das hat man immer gefürchtet bei uns. Das war tatsächlich ein Kalkül bei uns. Man sagte immer, wenn zwischen uns und der Hisbollah UN-Truppen stehen und wir die Hisbollah bekämpfen müssen, dann können wir auch Reibungen mit den internationalen Truppen haben. Ich glaube, dass wir das heute schon überwunden haben. Dieses Kalkül ist schon überholt, weil wir jetzt von einer robusten Truppe sprechen, und wir haben ja keine Ansprüche an Libanon oder den libanesischen Boden. Wir haben überhaupt keine Ambitionen in dieser Richtung. Also wenn die UN-Truppen uns nicht angreifen - und natürlich gibt es keinen Grund in der Welt, dass die uns angreifen sollten -, dann gibt es auch keinen Grund, dass wir zurückschießen. Ich glaube, dass das die beste Lösung sein wird.
Durak: Sollten deutsche Soldaten bei diesen Truppen sein?
Primor: Ich würde das nicht empfehlen, obwohl wir deutsche Soldaten ganz bestimmt begrüßen würden. Aber warum sollen deutsche Soldaten die Gefahr oder das Risiko eingehen, irgendwann Reibereien mit israelischen Truppen - und wenn auch nur aus Versehen - zu haben. Das ist für die Deutschen noch zu früh. So weit sind wir noch nicht. Ich dachte, deutsche Truppen als Beobachter an israelischen Grenzen, das wäre richtig. Aber Truppen, die auch kämpfen können, glaube ich nicht.
Durak: Dankeschön. Avi Primor, ehemals israelischer Botschafter in Deutschland. Wir haben ihn in Tel Aviv erreicht. Herzlichen Dank, Herr Primor, für das Gespräch und einen guten Tag noch.
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