Alexandra Gerlach: Wege aus der Krise sucht die Evangelische Kirche derzeit auf ihrem Zukunftskongress in Wittenberg. Dort bin ich jetzt verbunden mit dem EKD-Ratspräsidenten Bischof Wolfgang Huber. Guten Morgen!
Wolfgang Huber: Guten Morgen, Frau Gerlach!
Gerlach: Bischof Huber, welche Rolle soll denn Religion und Glaube in der Gesellschaft von morgen spielen?
Huber: Wir erleben ja trotz des Berichts, den wir gerade gehört haben, in ganz vielen Fällen eine neue Aufmerksamkeit für Kirche, für Glauben, für Religion. Wir haben gerade Weihnachten hinter uns, da haben wir das intensiv erlebt mit einer erneuten Steigerung der Weihnachtsgottesdienstbesuche um 30 Prozent an manchen Orten, und auch die Trendforscher, die Zukunftsforscher bestätigen uns, dass in Deutschland die Frage nach Sinn und nach Verantwortung für das eigene Leben wieder an Bedeutung gewinnt, auch in der jungen Generation. Ich glaube, das ist wichtig wahrzunehmen und das ist wichtig, dass wir als Kirche darauf reagieren.
Gerlach: Nichtsdestotrotz kehren immer noch viele Menschen Ihrer Kirche scharenweise den Rücken aus unterschiedlichsten Gründen, aus finanziellen, aus Überzeugungsgründen. Können Sie diesen Trend überhaupt noch stoppen?
Huber: Frau Gerlach, das ist ein Klischee, das fort- und fortgesetzt wird. Die Kirchenaustritte sind innerhalb der letzten zehn Jahre, aufs Ganze gesehen, auf 25 Prozent des damaligen Stands gesunken, so dass Kirchenaustritte heute nicht mehr unser Hauptproblem sind. Das Hauptproblem, und das hat Ihr Bericht auch sehr eindrücklich gezeigt, ist die demografische Entwicklung, ist insbesondere im Osten des Landes die Abwanderung der jüngeren Leute, auch aus den ländlichen Strukturen heraus. Das ist alles dramatisch zum Teil für manche Regionen, aber das Klischee von den Kirchenaustritten sollten wir nicht so fortsetzen. Wir sollten auch zur Kenntnis nehmen, dass in der gleichen Zeit die Kircheneintritte deutlich angestiegen sind.
Gerlach: Nun haben Sie ja für diesen Kongress ein Impulspapier vorgelegt und zur Diskussion gestellt, und darin spielt die so genannte "Profilkirche" eine große Rolle. Was muss ich mir als Normalbürger darunter vorstellen?
Huber: Wenn Sie den Bericht, den Sie gerade hatten, aufmerksam wahrgenommen haben, dann sieht man auch dort, dass christliche Gemeinden, evangelische Gemeinden unterschiedliche Profile schon derzeit haben. Ländliche Gemeinden sind anders als städtische Gemeinden. Es gibt Gemeinden, die haben einen deutlichen Schwerpunkt auf der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Andere haben noch immer eine gute und große Tradition der Kirchenmusik. Andere sind ganz stark diakonisch ausgerichtet. Diese Profile bewusst wahrzunehmen und zu stärken, ist einer der Vorschläge, den wir machen. Vollkommen richtig ist dabei, dass das unter städtischen Bedingungen leichter ist als unter ländlichen.
Gerlach: Nun planen Sie auch eine drastische Verringerung der Landeskirchen. Statt derzeit 23 sollen es dann nur noch neun bis elf sein, es wird eine ganze Menge Personal abgebaut werden müssen. Wie wollen Sie denn als Kirche Ihren Auftrag noch erfüllen?
Huber: Solche Strukturveränderungen haben ja in sich selbst den Sinn, dass der Auftrag besser erfüllt wird. Wir wissen, und das kann man sich auch leicht vorstellen, kleinere Landeskirchen, auch wenn sie kurze Wege haben, haben anteilig einen unverhältnismäßig hohen Aufwand für Verwaltung zu treiben, während größere Landeskirchen die Möglichkeit haben, einen stärkeren Anteil ihrer Mittel direkt in die Gemeindearbeit zu bringen, und auch nach wie vor die Möglichkeit haben, spezielle Aufgaben, besondere Aufgaben, Jugend als Beispiel, Kirchenmusik noch mal als Beispiel, stärker auszustatten, als das bei kleineren Kirchen der Fall ist. Deswegen der Rat, dort, wo so ungleiche Zahlenverhältnisse da sind, zu größeren Landeskirchen überzugehen. Dabei wissen wir ganz deutlich, das kann nur von den Landeskirchen selber ausgehen. Die EKD macht da nicht sozusagen einen Masterplan, den sie vorgibt. Sie ermutigt, begleitet, wo es geht, aber die Bewegung selber geht von den Landeskirchen aus.
Gerlach: Trotzdem noch mal die Nachfrage: Heißt das, Sie werden vorrangig im Verwaltungsbereich Personal abbauen oder auch im Verkündigungsbereich?
Huber: Der Vorschlag ist dezidiert, dass im Verkündigungsbereich unterproportional abgebaut wird, das heißt wesentlich weniger abgebaut wird, als der Bevölkerungsentwicklung unter Umständen entsprechen würde, denn wir wollen den Kernauftrag und die Kernkompetenz der Kirche stärken, das heißt im Verkündigungsdienst, in der Qualität der Gottesdienste zulegen und mehr machen als vorher, und die Verwaltung besser organisieren.
Gerlach: Nun frage ich noch mal andersrum: In der Wirtschaft, da ist es ja immer die Kernfrage, soll man in Werbung investieren, wenn es einem nicht so gut geht, oder sollte man das Geld lieber einsparen, also bezogen auf die Kirche, müssten Sie nicht eigentlich im Verkündigungsbereich, also dort, wo die Pastoren wirklich mit den Menschen zu tun haben, wesentlich mehr aufstocken, müssten Sie da eigentlich nicht mehr Personal einstellen?
Huber: Das wäre auch eine ganz wunderbare Idee, aber als Kirche sind wir eine Gemeinschaft der Menschen, die Kirche tragen und finanzieren, und wir können kirchliche Arbeit nicht auf Kosten der nächsten Generation finanzieren, das heißt, wir haben nicht die Möglichkeit, Schulden zu machen und dann darauf zu spekulieren, dass das anschließend wieder eingenommen wird, denn wir vermarkten ja nicht ein Produkt wie die Wirtschaft und wir leben auch nicht auf Kosten der nächsten Generation, wie das im Staat der Fall ist mit dem Aufbau von Schulden. Insofern heißt der Grundsatz, wir finanzieren die kirchliche Arbeit mit dem, was jeweils einer Generation zur Verfügung steht, und deswegen stellen wir uns auf die finanziellen Bedingungen realistisch ein, aber unter dieser Voraussetzung investieren wir auch tatsächlich stärker, überproportional im Verkündigungsdienst, in der Zuwendung zu den Menschen, in der Seelsorge und übrigens auch in der Bildungsarbeit, wie man gerade auch im Osten Deutschlands deutlich sehen kann, wo wir ja eine wirkliche Erfolgsgeschichte gehabt haben schon in den letzten zehn Jahren in der Neugründung von evangelischen Schulen, Grundschulen, Gymnasien, und in der Verstärkung unseres Bildungsangebots.
Gerlach: Was halten Sie denn den Kritikern entgegen, die sagen, mit der Verkleinerung der Anzahl von Landeskirchen wird der Zentralismus steigen und das ist sehr bürgerunfreundlich?
Huber: Das halte ich nicht für richtig. Die Nähe zu den Menschen wird ja durch die Gemeinden am Ort und vor allem durch die stärkere Betonung der mittleren Ebene, also der Kirchenkreise sichergestellt. Die Landeskirchen sind Steuerungs-, Verwaltungs-, Leitungseinheiten, und die Frage, wie viel Kilometer es zum Landeskirchenamt sind, ist in der Zeit der Computerkommunikation wirklich nicht die erste Frage. Wir werden im Gegenteil sogar bestimmte Dienstleistungen im Verwaltungsbereich auch überregional durchführen können. Wo die Beihilfen für Pfarrerinnen und Pfarrer berechnet werden, ist für die Nähe zu den Menschen nicht erheblich.
Gerlach: Aber wenn jetzt draußen ist und Pfarrer begleitet, die schon jetzt zusammengelegte Gemeinden betreuen müssen, die im Grunde ständig mit dem Auto unterwegs sind, selbst kaum zur Ruhe kommen, dann fragt man sich doch, wie die Evangelische Kirche mit einem verringerten Personalbestand, einer zentralisierteren Struktur noch an den Menschen kommen soll, der ja offensichtlich, Sie haben es vorhin selber gesagt, mehr nach Orientierung sucht. Kann die Kirche unter diesen Bedingungen das überhaupt noch leisten?
Huber: Da bin ich ganz zuversichtlich, dass sie das leisten kann. Sie müssen ja auch sich daran erinnern, dass die Evangelische Kirche eine Gemeinschaft der Getauften ist, und die Nähe zu den Menschen nicht nur von der Nähe von hauptamtlichem Personal abhängt, sondern davon, ob eine lebendige Gemeinschaft vor Ort entsteht. Wir haben viele Beispiele für Gemeinden, in denen aus der Not auch eine Tugend gemacht wurde, beispielsweise eine längere Vakanz in der Pfarrstelle, wo dann auch Gemeinden ihre eigenen Begabungen, Kräfte und Fähigkeiten entdeckt haben, und auf diese Mündigkeit von Christenmenschen setzen wir in der Evangelischen Kirche in ganz hohem und starkem Maß, und haben dafür auch viele wunderbare Beispiele, die umso besser sind, je klarer dann auch die beruflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Pfarrer vor allem, ihre Aufgabe in der Begleitung, in der Fortbildung, in der Unterstützung der Menschen am Ort sehen.
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