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01.02.2007
Die Brücke über den Bosporus in Istanbul (Bild: AP) Die Brücke über den Bosporus in Istanbul (Bild: AP)

"Dieser Paragraf muss abgeschafft werden"

Türkische Schriftstellerin: Regierung muss auf Bedrohung Pamuks reagieren

Moderation: Bettina Klein

Die türkische Publizistin Dilek Zaptcioglu rechnet mit der baldigen Abschaffung des Paragrafen, der die "Beleidigung des Türkentums" unter Strafe stellt. Nach der Ermordung des Journalisten Hrant Dink und der Absage der Auslandsreise des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk stehe die Regierung in Ankara unter massivem Druck der Öffentlichkeit, sagte Zaptcioglu.

Bettina Klein: Dilek Zaptcioglu ist Publizistin. Sie schreibt für deutsche Zeitungen, aber sie schreibt auch Romane. Sie lebt in Istanbul und kennt die Szene der Intellektuellen und Literaten sehr gut. Sie kennt auch Orhan Pamuk persönlich, hat für ihn in Berlin gelesen und ich begrüße sie jetzt bei uns am Telefon. Guten Morgen!

Dilek Zaptcioglu: Guten Morgen!

Klein: Frau Zaptcioglu, Hinweise auf eine konkrete Bedrohung in Deutschland haben laut Bundesinnenministerium für den Nobelpreisträger nicht vorgelegen. Pamuks Verlag geht von einem enormen psychologischen Druck aus. Können Sie seine Entscheidung nachvollziehen, sich nicht auf Reisen nach Deutschland zu begeben?

Zaptcioglu: Es ist nicht nur die Reise nach Deutschland. Heute Morgen haben wir erfahren, dass er auch zum Beispiel eine Reise nach Brüssel an diesem Wochenende abgesagt hat. Er sollte dort an der Katholischen Universität die Ehrendoktorwürde bekommen. Das hat er auch abgesagt. Das heißt es scheint wirklich zu stimmen: Er steht unter Druck und das hängt mit dem Mord an dem armenischen Publizisten Hrant Dink zusammen, der zwar schon fast zwei Wochen zurückliegt, aber die Türkei ist immer noch unter Schock und offenbar auch Orhan Pamuk.

Klein: Wie verbreitet sind diese Art der Drohungen, unter denen Pamuk jetzt zu leiden hatte?

Zaptcioglu: Ich muss sagen sie sind nicht verbreitet. Es geht um ganz bestimmte Personen und Orhan Pamuk ist ein Hassobjekt geworden der extrem rechten Szene. Das hängt damit zusammen, dass er vor zwei Jahren einer Schweizer Zeitung ein Interview gegeben hat, wo er gesagt hat, in der Türkei wurden eine Million Armenier und 30.000 Kurden getötet und ich bin der einzige, der das sagt. Danach kamen verschiedene Preise und der Literatur-Nobelpreis und das wurde unheilvoll in Verbindung gebracht, übrigens nicht nur von extremen Nationalisten oder extremen Rechten hier, sondern auch von der türkischen Öffentlichkeit ganz breit gefächert und man hat gesagt, der Orhan Pamuk wird für seine Statements, für seine Worte von dem Westen belohnt. Er stand auf einmal da wie ein Vaterlandsverräter, der auch noch damit Millionenkasse macht.

Klein: Wie gut, wie frei können Künstler, Literaten, Intellektuelle im Moment in der Türkei arbeiten?

Zaptcioglu: Ich muss sagen, das hängt sehr davon ab. Es gibt Hunderte, Tausende von Schriftstellern und Künstlern in der Türkei. Es gibt natürlich auch etliche die anecken. Es gibt viele, die auch oppositionell sind zu der Regierung oder zu dem Staat insgesamt, die also auch abweichende Meinungen haben, und sie können alle frei arbeiten. Ich halte das für eine temporäre Situation, eine besondere unheilvolle Zuspitzung und dass der Schriftsteller selber Angst hat, weil er auch in der Vergangenheit Drohbriefe bekam und weil auch ein Drahtzieher dieses Attentats ganz öffentlich gesagt hat, Orhan Pamuk soll sich in Acht nehmen, als er von der Polizei abgeführt wurde. Diese Kette von unheilvollen Ereignissen sage ich mal hat zu dieser besonderen Situation geführt. Ansonsten gibt es hier in Istanbul wirklich viele Schriftsteller und Journalisten sowie Künstler. Ich muss sagen einige wurden unter Personenschutz gestellt aufgrund dieser Zuspitzung, aber ich halte das persönlich für eine temporäre, für eine vorübergehende Situation.

Klein: Wie lebt es sich mit einem Paragrafen, der einen sehr schnell möglicherweise an die Grenzen der Meinungsfreiheit stoßen lässt?

Zaptcioglu: Dieser Paragraf muss abgeschafft werden und er ist in der Diskussion. Die Regierung hat jetzt die Veränderung angekündigt. Es geht darum, dass aus dem Wort "Verunglimpfung des Türkentums" zumindest "die türkische Nation" gemacht werden muss. Wenn dieser Paragraf geändert wird, dann ist dort nicht mehr gummiartig hin- und herzuziehen und nicht jeder, der sich beleidigt fühlt durch die Worte eines Schriftstellers oder Journalisten, kann dann vors Gericht ziehen und ihn anklagen.

Klein: Was Sie beschreiben als eine zugespitzte Stimmung im Augenblick, ist die Ihrer Ansicht nach allgemein verbreitet, oder geht sie nur von gewissen Radikalen an den Rändern der Gesellschaft aus?

Zaptcioglu: Sie geht von den Radikalen aus und wie überall eigentlich in vielen Ländern hält die Presse dagegen. Die ganzen Medien, auch die Mainstream-Medien, das heißt die großen Fernsehkanäle und Zeitungen, schreiben dagegen, aber die große Mehrheit schweigt. Sie guckt zu und eine radikale Minderheit nimmt sie zur Geisel. Das ist das, was im Moment in der Türkei passiert.

Klein: Wir haben vor etwa einer Stunde mit dem Türkei-Berichterstatter des Europaparlaments gesprochen der sagt, die Türkei muss sich ändern. Sie muss diesen Paragrafen abschaffen, und zwar relativ bald, vielleicht wirklich im nächsten Jahr. Und wenn das nicht geschieht, dann muss man sich überlegen, ob man die Beitrittsverhandlungen tatsächlich wirklich vielleicht auch endgültig auf Eis legt. Was ist Ihr Wunsch an die Europäische Union in diesen Tagen?

Zaptcioglu: Die Europäische Union hat eine sehr schwankende Politik. Sie hat in den letzten Monaten gezeigt, dass sie auch überhaupt nicht sicher ist, ob sie die Türkei überhaupt aufnehmen will oder nicht. Diese Botschaften sind hier sehr stark angekommen. Die Menschen erwarten eigentlich fast gar nichts mehr von der EU. Wenn die EU will, dass sie eine wirklich gute Beziehung zur Türkei hat, dann muss sie auch ihre Haltung konkretisieren und sagen, wir wollen die Türkei. Wenn die Türkei dies und jenes macht, dann werden wir sie als Mitglied aufnehmen. Diese starke Botschaft fehlt bis jetzt. Ich halte es übrigens für sehr wahrscheinlich, dass dieser Paragraf im Zuge der nächsten Wochen sogar geändert wird.

Klein: Wie kommen Sie darauf?

Zaptcioglu: Weil jetzt nach dem Mord an dem armenischen Publizisten wie gesagt das Land unter Schock steht und es muss unbedingt etwas getan werden. Der Nobelpreisträger sagt seine Reisen ab, muss untertauchen. Das sind starke Zeichen für die Regierung. Auch in der Bevölkerung gibt es starken Druck, dass dieser Paragraf abgeschafft oder verändert wird, und ich halte das für sehr wahrscheinlich.

Klein: Die Publizistin Dilek Zaptcioglu live aus Istanbul. Danke Ihnen für das Gespräch!


 
 

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