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06.02.2007
Hamas-Führer Ismail Hanija (links) und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (Bild: AP) Hamas-Führer Ismail Hanija (links) und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (Bild: AP)

Palästinenser haben Vertrauen in Politiker verloren

Experte hofft auf Einigung bei Gesprächen von Hamas und Fatah

Moderation: Elke Durak

Vor dem Krisentreffen der Palästinensergruppen Hamas und Fatah hat Suleiman Abu Dayyeh, Leiter der Palästina-Abteilung der Friedrich-Naumann-Stiftung, vor weiterer Gewalt gewarnt. Wenn in Mekka keine Einigung in vielen Fragen erreicht würde, sei ein Bürgerkrieg vorprogrammiert, sagte Abu Dayyeh.

Elke Durak: Es dauert noch einige Stunden, bis sich die Führung der verfeindeten Palästinensergruppen in Mekka zu einem Krisengespräch auf Einladung des saudischen Königs treffen. Ist das eine der letzten Chancen für die Palästinenser, ihren Konflikt untereinander zu lösen, noch bevor sie sich endgültig selbst zerstören?

In Jerusalem erreiche ich Suleiman Abu Dayyeh. Er ist Leiter der Palästina-Abteilung der Friedrich-Naumann-Stiftung. Einen schönen guten Tag zu Ihnen!

Suleiman Abu Dayyeh: Ja, guten Tag!

Durak: Herr Abu Dayyeh, was hat das Treffen in Mekka mit dem realen Leben, mit den Erwartungen der Palästinenser in den Städten und Ortschaften zu tun?

Abu Dayyeh: Das wird wohl abzuwarten sein. Die Erwartungen der palästinensischen Bevölkerung hier sind sehr hoch, obwohl sehr viele Menschen eigentlich ihren Führern kaum noch glauben oder abnehmen, dass sie in der Lage sind, eine gemeinsame Position zu entwickeln. Ich denke aber beide Parteien stehen im Moment vor der Entscheidung. Entweder erreichen sie eine gemeinsame Position und einigen sich bei vielen, vielen offenen Fragen, oder der Bürgerkrieg ist vorprogrammiert. Das ist die eine Option und die andere Option, die möglicherweise auch mit bürgerkriegsähnlichen Entwicklungen verbunden sein wird, ist die Abhaltung von Neuwahlen, die von der Hamas vehement abgelehnt werden.

Durak: Das wären politische Entscheidungen oder politische Gedanken, die in Mekka zusammengebracht werden und vielleicht zu Entscheidungen werden. Sie haben es aber selbst angedeutet: Welchen Einfluss hat die jeweilige politische Führung der Palästinenser-Gruppen auf die vor allem jungen Männer, auf die Jugendlichen und auch die Kinder?

Abu Dayyeh: Man muss sagen, dass sie zwar an Vertrauen verloren haben, an viel Vertrauen verloren haben, aber ihr Vertrauen ist noch da. Es gibt noch große Anhängerschaften auf beiden Seiten. Man kann sagen, dass die Anhängerschaft der Hamas in Gaza größer ist als die in der Westbank und die von Fatah ist in der Westbank größer als in Gaza. Sie haben zwar wie gesagt viel an Vertrauen verloren, aber es gibt noch Tausende von Anhängern, die leider auch noch bewaffnet sind, die auf die Anweisungen ihrer Führer reagieren. Sonst kann man die letzten bewaffneten Auseinandersetzungen nicht erklären. Aber die nicht gebundenen Menschen, die einfachen Menschen in Palästina, muss man ganz offen sagen, haben sehr viel an Vertrauen in beiden Lagern verloren. Insbesondere das Ansehen der Hamas hat in den letzten Monaten sehr stark gelitten auch im Gaza-Streifen, obwohl die Hamas-Bewegung bei den letzten Wahlen 2006 dort über 65 Prozent der Stimmen geholt hat.

Durak: Herr Abu Dayyeh, in diesen Familien der einfachen Palästinenser, die Sie angesprochen haben, wachsen ja die neuen jungen Kämpfer heran. An wem orientieren sich die Jugendlichen? Wer sind ihre Leitbilder?

Abu Dayyeh: Genau das ist ja das Problem. Es gibt eigentlich kaum noch Leitbilder, Leitfiguren. Man hat vielleicht geglaubt, das Leitbild ist derjenige, der sich für sein Land opfert, aber selbst dieses Bild ist inzwischen sehr stark verschwommen. Das erklärt eigentlich die Orientierungslosigkeit vieler jungen Leute, die nicht mehr rational sind und auch dementsprechend nicht ganz rational handeln. Deswegen sind sie eine leichte Beute für sehr viele Demagogen und sehr viele Politiker, die nur nach ihren persönlichen Interessen und nach dem Ausbau ihrer persönlichen Einflusssphären ausgerichtet sind. Insofern ist das eine dramatische Entwicklung mit sehr dramatischen Folgen für die Jugendlichen in Palästina.

Durak: Wenn ich so etwas sehe und erlebe als Mutter oder als Vater, versuche ich doch eigentlich alles, um meine Kinder zu retten, sozusagen auf einen vernünftigen Pfad zu bringen. Wenn Sie denn selbst Kinder haben, Herr Abu Dayyeh, was fragen Sie diese Kinder in diesem Zusammenhang und was raten Sie ihnen?

Abu Dayyeh: Das ist in der Tat eine sehr, sehr schwierige Frage. Man versucht nach Möglichkeit, das Beste oder noch Positive im Leben herauszustellen. Wir versuchen, sie mit einer ganzen Reihe von außerschulischen Aktivitäten zu beschäftigen, damit sie nicht auf viele andere, für uns nicht akzeptable Gedanken kommen, oder dass sie an Gruppen geraten, die wir nicht für die besten Gruppen mit der besten Ideologie halten. Wir sind eigentlich daran interessiert, sie herauszuhalten aus den täglichen Geschehnissen, die wir ja selber kaum noch nachvollziehen können. Das ist das eine.

Das andere: Es gibt - das muss man einfach auch zugeben - sehr viele Familien, die inzwischen ihre jungen Leute, ihre Kinder zum Auswandern bewegen. Wo es nur möglich ist versucht man, diese Kinder ins Ausland zu retten: ob ins arabische Ausland oder ins europäische oder amerikanische Ausland. Das ist auch sozusagen ein Ventil für viele Familien, um ihre Kinder über die Zeit hinwegzuretten.

Durak: Suleiman Abu Dayyeh, Leiter der Palästina-Abteilung der Friedrich-Naumann-Stiftung. Herr Abu Dayyeh, ich danke Ihnen für dieses auch persönliche Gespräch.

Abu Dayyeh: Danke schön!


 
 

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