Rupert Neudeck, Leiter der in Afghanistan tätigen Hilfsorganisation "Grünhelme", spricht sich gegen eine Entsendung zusätzlicher Soldaten aus. Die bereits ansässigen Truppen würden sich zu sehr auf ihren Selbstschutz beschränken. Ein Abzug von Soldaten sei allerdings ebenso unsinnig.
Müller: Wieder hat ein Anschlag auf einen Militär-Konvoi in Afghanistan auch Deutsche getötet. Im Osten von Kabul sind gestern drei deutsche Polizisten durch eine ferngezündete Miene auf einem Geländewagen umgekommen. Dabei spricht vieles dafür, dass das deutsche Fahrzeug ganz bewusst in den Fokus der Attentäter gekommen war. Dies war nicht der erste Fall. Es häufen sich inzwischen die Stimmen in der Politik, die ein Ende des deutschen Engagements am Hindukusch fordern. Im Herbst muss der Bundestag über eine Verlängerung der Bundeswehr-Mandate entscheiden. Anschläge und Entführungen mit oft tödlichem Ausgang in Afghanistan.
Bei uns im Studio begrüße ich nun Rupert Neudeck von der Hilfsorganisation "Grünhelme". Guten Morgen!
Neudeck: Guten Morgen, Herr Müller!
Müller: Herr Neudeck, Sie sind jüngst aus Afghanistan zurückgekehrt. Wie haben Sie sich in dem Land bewegt?
Neudeck: Ich kann mich in dem Land immer noch ganz gut bewegen, wobei ich sagen muss, das Land ist riesengroß. Man muss immer wissen, wo man sich aufhält. In den Gebieten im Süden des Landes, in den Gebieten zu Pakistan hin, da würde ich mich im Moment auch nicht gerne aufhalten, aber im Norden wie im Westen des Landes kann man sich sehr gut bewegen. Nicht nur bewegen: Man fühlt sich dort auch sehr wohl. Wir sind in den Dörfern. Wir haben dort die Gastfreundschaft der Afghanen. Die freuen sich, dass wir dort Schulen aufbauen, dass wir das ohne Bewaffnete machen. Darüber freuen sie sich ganz besonders. Das muss man ja auch wissen.
Ich glaube, der normale deutsche Zuhörer und Zuschauer geht davon aus, dass wir überall da, wo wir als Hilfsorganisation tätig sind, irgendwie von Bewaffneten begleitet sind. Das ist ein völliger Unfug. Wir sind überhaupt nicht begleitet von Bewaffneten. Wir haben in der Provinz Herat - das ist im Westen Afghanistans - eine riesengroße italienische ISAF-Truppe, über 2.000 Leute. Die sitzen völlig verbarrikadiert in einer riesengroßen Kaserne, in einer Festung, in die niemand hinein kommen kann, aus der die auch gar nicht heraus kommen. Das heißt, in die Dörfer, wo wir die Schulen bauen, kommen die niemals hin. Das muss man einfach wissen. Das heißt, die Schimäre von Sicherheit ist nicht dadurch geschaffen, dass wir solche Festungen in Afghanistan bauen, sondern vielleicht durch etwas anderes.
Müller: Durch was? Wer schafft Sicherheit in Afghanistan?
Neudeck: Also, ich denke, wir müssen uns ja doch einmal fragen, weshalb wir weniger Sicherheit bekommen dadurch, dass wir mehr Truppen dort hingeschickt haben. In den Zeiten von 2002, 2003 bis 2004 war es ja so, dass die Bevölkerung mit einer solchen Euphorie und einem solchen Enthusiasmus mit uns den Wiederaufbau betrieben hat, den Wiederaufbau ihrer Schulen, ihrer Brücken, ihrer Straßen. Da ist ja niemals irgendeine Unsicherheit gewesen.
Ich besinne mich, dass wir im Jahre 2002 eine Klinik aufgebaut haben und zur Eröffnung haben wir die deutsche Botschaft in Kabul eingeladen. Das war ein Weg von eineinhalb Tagen mit dem Auto. Der Botschafter hat zwei Leute aus der Botschaft dort hingeschickt mit dem Auto. Das war möglich 2002. Ich bin im Jahre 2002 mit einem Abgeordneten des Bundestages, mit Ulrich Kasparick, 1.500 Kilometer ohne jede Begleitung, ohne jede Information der deutschen Botschaft durch das ganze Land gefahren. Ulrich Kasparick, der jetzt Staatssekretär im Verkehrsministerium ist, hat mir gesagt, der Krieg ist zu Ende. Das ist eine ganz wunderbare Situation. Wir müssen uns fragen: Warum, was ist da passiert, dass wir keine Sicherheit mehr haben? Wir haben nicht mehr Sicherheit bekommen durch mehr Bewaffnete.
Müller: Welche Antwort haben Sie gefunden auf diese Frage?
Neudeck: Wir sind in die Falle der Totalmilitarisierung unserer Hilfe gekommen. Wir haben uns bestimmte Wolkenkuckucksheime gebaut. Zum Beispiel haben wir uns von den Amerikanern sagen lassen, dass wir eine neue Abkürzung gebrauchen, so ein kleines "Sesam, öffne dich". Das heißt PRT, "Provincial Reconstruction Team". Plötzlich hieß es, die Soldaten, die dort hinkommen, die Bewaffneten, sind nicht mehr Soldaten, sondern sie sind Helfer.
Müller: Also regionale Wiederaufbauteams?
Neudeck: Die regionalen Wiederaufbauteams. Nur muss man als deutscher Zuhörer wissen: Diese regionalen Wiederaufbauteams haben nur ganz begrenzt irgendetwas getan, weil sie in der Regel aufgrund des Selbstschutzes, den Europäer nun mal brauchen, auch als Soldaten, überhaupt nicht rauskommen aus der Kaserne. Ich kenne deutsche Bundeswehrsoldaten, die als Reservisten nach Afghanistan gegangen sind, die nach vier Monaten zurückkommen und nicht einen Afghanen in freier Wildbahn, also auf der Straße, je getroffen haben, weil sie immer in der Kaserne sind.
Das heißt, wir schaffen nicht Sicherheit dadurch, dass wir mehr Soldaten dort hinschicken, sondern dass wir erstens den Wiederaufbau - wir müssen jetzt noch mal versuchen, eine Wiederaufbauoffensive, eine Wirtschaftsoffensive für das Land zu schaffen, weil wir das Problem haben, dass die jungen Leute jetzt mittlerweile wieder aus dem Lande heraus gehen wollen, weil sie keine Arbeitsplätze haben. Ich denke, das ist ein fleißiges, tüchtiges Volk, das in der Lage ist, noch einen wirtschaftlichen Wiederaufbau zu leisten.
Man muss - das wäre der zweite Vorschlag, den ich machen würde - ganz vieles von dem, was wir bisher mit Deutschen gemacht haben, afghanisieren. Das heißt, wir müssen die 120.000 Afghanen, die wir in Deutschland haben, wir müssen Hunderte davon für einen Wiederaufbau in Afghanistan gewinnen. Das wird sicher gelingen, wenn wir das entsprechend mit dem Geld bezahlen, das wir den Deutschen selbstverständlich bezahlen. Wir haben eine solche Schere in Bezug auf die Sicherheitskräfte der Afghanen und der Europäer, dass das gar nicht zu fassen ist. Der NATO-Soldat kostet 5.000 Euro im Monat. Der afghanische Soldat kostet 200 Euro pro Monat. Das muss man sich mal vorstellen. Also, es wäre also möglich, das zu afghanisieren. Dann, denke ich, haben wir mehr Sicherheit.
Müller: Herr Neudeck, wenn Sie sagen, mehr Truppen haben nicht mehr Sicherheit gebracht, gilt dann der Umkehrschluss, weniger Truppen wären sinnvoll, gegebenenfalls partieller Rückzug?
Neudeck: Nein. Partieller Rückzug, das ist, glaube ich, ganz illusionär. Das müssen wir gar nicht diskutieren. Das geht gar nicht. Rückzug ist das Gefährlichste und das Schwierigste überhaupt. Wenn man so Riesenapparate schafft, die kann man gar nicht einfach zurückziehen. Das weiß man. Aber was ich ganz sicher weiß, ist, dass den Abgeordneten des Bundestages anzuempfehlen ist, nicht auf irgendeine irrsinnige Idee zu kommen, das noch zu verstärken, zu meinen: Mehr Sicherheit wird dadurch geschaffen, dass statt 10.000 Soldaten 20.000 dort sind.
Müller: NATO-Generäle fordern das jetzt gerade jüngst an diesem Morgen.
Neudeck: Das halte ich schlicht für einen ziemlich gefährlichen Unfug, denn wir haben ja das nicht erreicht. Das kann sich ja jeder an den Fingern einer Hand ausrechnen. Wir haben nicht mehr Sicherheit durch mehr Soldaten bekommen. Wir haben ja ständig erhöht. Wir haben ja die ISAF-Truppen auf das ganze Land gelegt und wir haben dadurch nicht mehr Sicherheit bekommen. Das liegt auch daran. Das muss man klar sagen: Die Afghanen mögen nicht das Gefühl bekommen - Das ist ein unglaublich stolzes Volk, das in der Geschichte diesen Stolz immer wieder bewiesen hat, eine ganze Weltmacht aus dem Land gejagt hat. Die Afghanen mögen nicht, dass sie besetzt sind. Und wir können uns auf den Kopf stellen: Auf Dauer wird eine Anwesenheit von Truppen, die sich in Kasernen auf so einer hohen Luxusebene bewegen, auf Dauer wird das das Gefühl von Besatzung für diese Afghanen bedeuten und dieses Gefühl müssen wir abbauen.
Müller: Bei uns heute Morgen im Deutschlandfunk im Studio: Rupert Neudeck von der Hilfsorganisation "Grünhelme". Vielen Dank!
Neudeck: Danke.
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