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13.11.2007
Ludwig Stiegler, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion (Bild: AP) Ludwig Stiegler, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion (Bild: AP)

"Inbegriff der Sozialdemokratie"

SPD-Vize-Fraktionsvorsitzender Stiegler bedauert Münteferings Rücktritt

Moderation: Jochen Spengler

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzender der SPD, Ludwig Stiegler, hat den angekündigten Rücktritt von Vizekanzler Franz Müntefering als "schweren Schlag" bezeichnet. Ein Mann wie Müntefering sei nicht "im Vorbeigehen zu ersetzen", er hinterlasse eine große Lücke in der SPD. Seine Partei forderte Stiegler auf, sich zusammenzuraufen, um diesen Verlust auszugleichen.

Jochen Spengler: Am Telefon ist Ludwig Stiegler, stellvertretender Fraktionschef der SPD. Guten Tag Herr Stiegler!

Ludwig Stiegler: Ich grüße Sie!

Spengler: Herr Stiegler, wann haben Sie vom beabsichtigten Rücktritt Franz Münteferings erfahren?

Stiegler: Heute Morgen.

Spengler: Wie war Ihre Reaktion?

Stiegler: Ich habe so was irgendwie schon im Bauch gehabt, weil ich ja wusste, wie schwer krank seine Frau ist und wie nahe ihm das gegangen ist, und ich wusste, dass jetzt dieser Tage das Ergebnis der Operation, die Befunde kommen. Da hatte ich so was dunkel schon geahnt, weil ich eben überzeugt war, dass er im Zweifel zu seinem Eheversprechen steht und zu seiner Frau steht.

Spengler: Ich habe mit Ihnen, Herr Stiegler - ich habe nachgeschaut -, das letzte Mal die Gelegenheit zum Interview vor eineinhalb Jahren gehabt. Damals war der Anlass der Rücktritt von Herrn Platzeck als SPD-Vorsitzender. Sie waren damals sehr betroffen. Ich kann mich erinnern: Sie waren eigentlich sogar traurig. Ist das heute ähnlich?

Stiegler: Es ist ähnlich, weil ich einerseits persönlich den Franz bedauere, denn das ist ein schwerer Schicksalsschlag, wenn man praktisch in einer guten Ehe sieht, wie der Partner schwer leidet und man schwere Sorgen um dessen Zukunft hat, und daneben noch die Belastung des Amtes. Ich habe den Müntefering immer bewundert, wie er praktisch einerseits immer so schnell es ging nach Hause fuhr nach abendlichen Besprechungen und andererseits aber mit hoher Konzentration sich seinen Tagesaufgaben gegeben hat. Ich habe die Persönlichkeit Müntefering wirklich bewundern gelernt. Das ist vorbildlich, eine Haltung, wo man wirklich sich nur verbeugen kann.

Spengler: Dieser unglückselige, für Franz Müntefering unglückselige Ausgang des Koalitionsausschusses gestern Abend, hat der denn überhaupt keine Rolle gespielt?

Stiegler: Der hat überhaupt keine Rolle gespielt, denn die Beteiligten, die obersten Beteiligten wie Peter Struck und Kurt Beck, wussten gestern schon Bescheid, also vor dem Koalitionsausschuss, was kommen wird. Sie haben es nur nicht kommuniziert.

Spengler: Diese Loyalität, die Franz Müntefering ausgezeichnet hat, Loyalität zum Beispiel gegenüber dem politischen Gegner, gegenüber der Bundeskanzlerin, hat Sie diese Loyalität manchmal gestört?

Stiegler: Natürlich haben wir uns oft auch an Franz Müntefering gerieben und ich war ja nun jeden Montagabend in einer Vorbesprechungsrunde, wo wir die Wünsche der Fraktion angemeldet haben, die Wünsche der Partei, die dann konfrontiert worden sind mit dem Koalitionsvertrag und dem Koalitionsalltag. Natürlich haben wir uns auch öfters gerieben, aber es hat keiner von uns an der inneren Haltung von Franz Müntefering jemals gezweifelt, sondern eben die Einschätzung der Umstände war manchmal unterschiedlich in der Beurteilung. Er war ja auch mal mein Fraktionsvorsitzender, mit dem ich lange sehr gut zusammengearbeitet habe. Als er Landesgruppenvorsitzender der Nordrhein-Westfalen und ich der der Bayern war, haben wir früher eng zusammengearbeitet. Ich war immer wirklich in einem emotional und sachlich sehr guten Verhältnis und habe auch in dem Streit damals um den Parteivorsitz seine Partei ergriffen.

Spengler: Er lag ja nun mit der Partei in den letzten Monaten und Jahren öfter mal quer. Wenn er nun geht, was bedeutet das für die Partei noch? Hat sie sich schon von ihm verabschiedet?

Stiegler: Die Partei hat sich nicht von ihm verabschiedet. Im Gegenteil: Sie hat ihn gerade erst neu in Liebe aufgenommen. Wenn Sie sich an den Hamburger Parteitag und an diese großartige Rede erinnern und an die Ovationen hinterher, da war sozusagen einerseits der Wille, die SPD hat etwas anderes beschlossen, aber die Ehre und die Achtung und auch die Liebe zu dem Mann, der ähnlich wie Herbert Wehner der Inbegriff der Sozialdemokratie war und ist, die mit den Arbeitnehmern und mit der Arbeitswelt verbunden ist.

Spengler: Und was bedeutet es demnach für die SPD?

Stiegler: Das bedeutet einen Verlust. Wenn ein Mann wie Müntefering nicht mehr vor uns steht, bedeutet das das Hinterlassen großer Schuhe, in die alle, die nach ihm kommen, hineinwachsen müssen. Das ist eine anstrengende Aufgabe. Wer behaupten würde, er sei quasi im Vorbeigehen zu ersetzen, der würde sich schwer irren. Das ist für uns, für die SPD ein schwerer Schlag wie ein Unfall, wieder einmal ein schwerer emotionaler und auch politischer Schlag, und wir müssen uns jetzt alle zusammenraufen und zusammenreißen und anstrengen, dass wir diese Lücke beginnen zu füllen. Das wird eine geraume Zeit dauern.

Spengler: Ludwig Stiegler, stellvertretender Fraktionschef der SPD. Herzlichen Dank für das Gespräch.


 
 

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