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29.03.2008
Der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher (Bild: AP) Der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher (Bild: AP)

"Rückblickend gesehen hat das damals nichts bewirkt"

FDP-Ehrenvorsitzender Genscher gegen Olympia-Boykott

Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Der FDP-Ehrenvorsitzende und ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hat sich gegen einen Olympia-Boykott ausgesprochen. Der Sport dürfe nicht die Politik ersetzen. Außerdem könne man den Prozess der Öffnung nicht dadurch fördern, dass man sich verschließe. Der Olympia-Boykott von 1980 gegen die damalige UdSSR hätte ja auch nichts bewirkt, erläuterte Genscher.

Dirk Oliver Heckmann: Am Telefon begrüße ich Hans-Dietrich Genscher, den FDP-Ehrenvorsitzenden und ehemaligen Bundesaußenminister, ich grüße Sie, Herr Genscher.

Hans-Dietrich Genscher: Guten Morgen, Herr Heckmann.

Heckmann: Herr Genscher, als die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte, war man konsequenter, man boykottierte die Spiele in Moskau 1980. Damals waren Sie Außenminister der Bundesrepublik. War die Außenpolitik damals also stärker von Moral geprägt als heute?

Genscher: Also erstens mal war man nicht konsequenter, sondern es sind nur wenige Staaten nicht nach Moskau gegangen, darunter die Bundesrepublik Deutschland. Die britische Premierministerin Thatcher hatte als erste gesagt, jawohl, man darf da nicht nach Moskau gehen. Aber dann hat England teilgenommen. Wir haben damals mit Rücksicht auf die Amerikaner uns zu diesem sehr schweren Schritt entschlossen. Ich kann Ihnen sagen, der Bundeskanzler Helmut Schmidt und ich haben damals auch mit uns selbst gerungen, weil wir nicht davon überzeugt waren, dass ein Abgehen vom Kurs, den wir bis dahin verfolgt hatten, nämlich durch unsere Politik die Lage zu verändern, nun den Sport zum Mittel der Politik machten. Rückblickend gesehen hat das damals nichts bewirkt. Völlig andere Gründe haben dazu geführt, dass die Sowjetunion sich später aus Afghanistan zurückgezogen hat. Die Gründe waren offensichtlich. Es war der Prozess der Öffnung in der Sowjetunion, die wir durch unsere Politik mit unterstützt, ja sogar herbeigeführt haben. Ich bin unverändert der Meinung, dass in einer solchen Situation, wo es darum geht, den Menschen zu helfen durch eine Veränderung zum Besten, Zusammenarbeit und Dialog richtig sind. Und wenn Sie sich einmal genau ansehen wie die Politik sich verhält: Die Politik sagt - und das zu Recht - wir müssen mit China reden, wir müssen mit China zusammenarbeiten. Dasselbe sagt die Wirtschaft, auch zu Recht. Warum soll dann der Sport sich anders verhalten? Vielleicht sollte man auch einmal auf einen Mann hören, der ja nun wirklich kompetent ist in dieser Frage, nämlich den Dalai Lama. Er rät ab von diesem Boykott und ich glaube deshalb, dass die Bundesregierung sich absolut richtig verhält, wenn sie sich gegen den Boykott ausspricht.

Heckmann: Jetzt hat allerdings, Herr Genscher, wenn ich da einhaken darf, Benita Ferrero-Waldner, die EU-Außenkommissarin einen möglichen Boykott ins Spiel gebracht. Sie hat damit gedroht, wenn sich die Lage nicht ändern sollte. Ist das ein Fehler?

Genscher: Nein, ich halte das nicht für richtig. Wir haben eine klare Entscheidung getroffen - wir, damit meine ich die Bundesregierung -, die, wie ich sehe, auch von den Parteien in unserem Land unterstützt wird. Die Politik muss verändern. Der Sport darf nicht Politik ersetzen. Er kann es auch gar nicht, es ist auch gar nicht seine Aufgabe und ich darf noch einmal sagen: Es geht doch darum, Menschen zu helfen, zu verändern. Und China hat sich verändert und den Prozess der Öffnung können wir nicht dadurch fördern, dass wir uns selbst verschließen. Ich sage noch einmal, die Regierung und die Regierungen setzen den Prozess der Zusammenarbeit, des Dialogs fort. Die Wirtschaft tut das. Und der Sport sollte sich nicht anders verhalten. So gesehen verhält sich der in unseren Demokratien politisch unabhängige Sport exakt genauso wie Politik und Wirtschaft es tun. Das ist richtig. Und wenn der Dalai Lama abrät vom Boykott, dann würde ich das wirklich nicht niedrig hängen, sondern beachten.

Heckmann: Aber stellt der Westen Peking nicht einen Freie-Fahrt-Schein aus, wenn er dieses Mittel, diesen letzten Schritt, gänzlich ausschließt?

Genscher: Nein, der stellt überhaupt kein Freie-Fahrt-Schein aus. Ich glaube, wir sollten uns nicht in Optionsdiskussionen verdingen, sondern die politischen Entscheidungen dort treffen, wo sie zu treffen sind, in der Politik und nicht dem Sport eine Aufgabe aufladen, die er gar nicht erfüllen kann.

Heckmann: Dann könnte Bundespräsident Hort Köhler ja auch zur Eröffnungsfeier nach Peking reisen und das tut er nicht.

Genscher: Der Bundespräsident hat offensichtlich nicht die Absicht gehabt, ich habe nicht gehört, dass er eine Reise abgesagt hat, dasselbe gilt für die Bundeskanzlerin und den Außenminister. Ich würde jetzt nicht etwas überinterpretieren, was ja so unnormal nicht ist. Peking liegt ja nicht in unmittelbarer Nähe. Ich glaube, da sollten Sie auch den Bundespräsidenten nicht gleichsetzen mit dem Sport. Der Sport ist eine, in unserem Staats- und Demokratieverständnis, eine unabhängige Organisation. Der Sport hat seine Entscheidung getroffen. Die Regierung hat sich dazu geäußert, hat gesagt, sie hält diese Entscheidung, den Boykott nicht zu unterstützen, für richtig und ich kann daran keine Kritik üben, sondern würde mich, wenn ich heute der Regierung angehörte, genauso verhalten, nicht zuletzt auch aufgrund der Erfahrungen, die wir damals gemacht haben.

Heckmann: Herr Genscher, Sie haben nach dem Tod von Mao Tse-tung als erster Bundesminister Kontakt zu Peking aufgebaut. Mittlerweile hat sich die chinesische Führung zweifellos stark gewandelt. Aber wie ist da Ihre Einschätzung? Legt man in China wert auf die Meinung des Auslands oder ist sich China seiner Größe und seiner Macht allzu bewusst?

Genscher: Also ich habe in einer schwierigen Zeit China besucht. Wenn ich das China von damals mit dem China von heute vergleiche, ist das kaum noch vergleichbar und natürlich reagiert China auf die Kritik aus dem Ausland. Das haben Sie ja deutlich sehen können, dass man sich entschlossen hat, jetzt Journalisten einzuladen unter welchen Umständen auch immer, dennoch hat sich daraus auch eine Bereicherung des Bildes über die Lage ergeben. Also ich glaube schon, dass die öffentliche Diskussion über das, was dort geschieht, natürlich seine Wirkung hat und das ist auch richtig. Das entspricht ja unserem Verständnis offener Gesellschaften und auch des Umganges von Staaten, die miteinander zusammenarbeiten, die miteinander die Zukunft der Welt gestalten wollen, dass man da auch seine Meinung sagt, über das, was woanders vorgeht, das hat ohne Zweifel seine Wirkung. Das ist auch vor allen Dingen die Verantwortung der Politik, ist die Verantwortung der Presse, ist die Verantwortung der Wirtschaft. Aber wir sollten nicht alles andere genauso weitergehen lassen, wie es ist, aber sagen, der Sport muss es richten. Das ist nicht die Aufgabe des Sports, übrigens auch nicht die Aufgabe der Olympischen Spiele.

Heckmann: Von Seiten der Exil-Tibeter kam gestern die Forderung, dass der Westen stärkere Unterstützung gewähren sollte und auch die Kritik, dass der Westen die Wirtschaftsinteressen über die Moral stelle. Ist an dieser Kritik was dran?

Genscher: Nein, diese Kritik kann ich nicht teilen, ich habe noch einmal gesagt, diese Zusammenarbeit, die wir heute in der Politik und in der Wirtschaft haben, hat ja auch eine Wirkung, nämlich eine systemöffnende Wirkung dort. Wir als Europäer sollten uns einmal daran erinnern, dass in den Zeiten, in denen wir weder weniger Zusammenarbeit betrieben haben und Dialog gegenüber damals dem Osten, ich will die Situationen nicht vergleichen, aber Parallelen gibt es schon, damals ist die Lage eher schwieriger geworden. Als wir die Politik der Zusammenarbeit und des Dialogs eingeleitet haben, hat sich das systemöffnend ausgewirkt und die Erfahrung, die Europa mit der Überwindung einer schwierigen Lage der Teilung unseres Kontinents, unseres eigenen Landes gemacht hat, sollte uns eigentlich davon überzeugen, dass Dialog und Zusammenarbeit immer der bessere Weg sind und das gilt um so mehr, als wir heute in einer immer enger zusammenwachsenden Welt leben. Wirtschaftliche Interessen heißt nicht, einzelne Unternehmensinteressen, aber dass in dieser Weltwirtschaft 1,3 Milliarden Chinesen ihr Gewicht haben, das spielt eine Rolle. Aber die Welt hat auch Bedeutung für China und das erklärt ja, warum das Land sich verändert hat, warum es sich öffnet. Wobei ja interessant ist, dass kein Land so viele junge Menschen ins Ausland schickt, um dort Schulen zu besuchen und um dort Universitäten zu besuchen und die kommen alle zurück, weil sie die Erwartung in die Entwicklung in China setzen, dass es eine positive Entwicklung sein wird. Das ist ein Vertrauensvorschuss, den junge Menschen, die westliche Demokratie kennen gelernt haben, dem eigenen Land geben. Und wir sollten diesen Prozess eigentlich unterstützen.

Heckmann: Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, FDP, Herr Genscher, danke Ihnen für das Gespräch.


 
 

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