Im Hinblick auf das Zugeständnis Birmas, ausländische Helfer ins Land zu lassen hat Peter Rottach von der Diakonie-Katastrophenhilfe vor Entwarnung gewarnt. Fraglich sei weiterhin, ob die Hilfsorganisationen in das eigentliche Katastrophengebiet selber vorgelassen würden. Gleichwohl lobte Rottach die Zusammenarbeit mit einheimischen Helfern.
Jochen Fischer: Die wochenlangen diplomatischen Bemühungen um Hilfe haben bei der Militärjunta in Birma anscheinend zu einem Umdenken geführt. Deren Chef Than Shwe sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zu, dass alle ausländischen Helfer ins Land dürften, unabhängig von ihrer Nationalität. Ob und wie sie ins Land kommen, scheint aber noch ungewiss. Zweieinhalb Millionen Menschen sind dringend auf Unterstützung angewiesen. Birma will also ausländische Helfer zulassen. Und wie es in den Notstandsgebieten dort aussieht, das weiß Peter Rottach von der Diakonie-Katastrophenhilfe. Mit ihm bin ich jetzt verbunden. Schönen guten Tag Herr Rottach!
Peter Rottach: Guten Tag!
Fischer: Sie sind also wieder zurück aus Rangun. Wie bewerten Sie die Ankündigung von dort, jetzt Ausländer hineinzulassen?
Rottach: Ich denke das muss sehr genau überprüft werden, ob die Ausländer jetzt nur ins Land dürfen, oder ob sie auch in die Krisenregion dürfen. Es war ja in der Vergangenheit auch schon so, dass sehr viele Helfer nach Rangun gekommen sind, aber keine Genehmigung erhalten hatten, in das eigentliche Katastrophengebiet zu fahren, dort ihre zum Teil sehr aufwendigen technischen Geräte zum Beispiel zur Trinkwasseraufbereitung auch zu nutzen. Das ist das entscheidende Kriterium in meinen Augen, ob die Regierung sich da jetzt wirklich bewegt.
Fischer: Sie waren ja zwei Wochen in Rangun, hatte ich gesagt. Wie konnten Sie sich denn dort bewegen?
Rottach: Ich habe einige Anläufe unternommen, in das Krisengebiet zu reisen. Einmal ist es mir gelungen, bis an den Ostzipfel des Irawadi-Deltas zu fahren. Ich habe dort dann zum Teil völlig zerstörte Dörfer gesehen. Ich konnte auch mit der lokalen Bevölkerung sprechen, mich über ihre Not informieren und auch über die beginnende Wiederaufbauarbeit dort kundig machen. Es ist mir aber versagt worden, mich in das am stärksten betroffene Gebiet mit den höchsten Todesopfern weiter westlich gelegen aufzumachen. An den bereits im Bericht erwähnten Polizeiposten wurde uns immer unmissverständlich gesagt, dass es bis dorthin und nicht weiter ginge.
Fischer: Also nur Einheimische dürfen tatsächlich in die Katastrophengebiete hinein, dürfen die Hilfe verteilen. Funktioniert das?
Rottach: Ja, das funktioniert mittlerweile. Auch da gibt es schon seit jetzt einer guten Woche doch erheblich bessere Möglichkeiten. Die Regierung hat sich auch da bewegt. Es gibt mittlerweile Lizenzen für einheimische Organisationen, die besagen, dass direkt den Betroffenen Hilfe zugute kommen kann. Das betrifft jetzt auch Partner zum Beispiel der Diakonie-Katastrophenhilfe, die letzte Woche so eine Erlaubnis erhalten haben, und über die wir direkt und in massivem Maße auch, also in großem Stil Hilfe leisten können.
Fischer: Also es sind genug Helfer vorhanden?
Rottach: Es sind halt die einheimischen Helfer da und die wären auch in ausreichender Zahl vorhanden. Die verfügen auch weitgehend über das Know-how, um solche Hilfe zu leisten, und die rekrutieren zum Teil auch ihr Personal aus den Bevölkerungsschichten in der Krisenregion. Aber im Hinblick auf sehr aufwendiges technisches Equipment, das erforderlich ist, um zum Beispiel Trinkwasser aufzubereiten, reichen oft die technischen Fähigkeiten dieses einheimischen Personals vielleicht nicht aus. Deswegen sind dort noch weitere Schulungen erforderlich, sofern die ausländischen Helfer nach wie vor nicht in das Gebiet reisen dürften.
Fischer: Die Militärs wollen ja den Eindruck erwecken, die größte Not sei beseitigt und jetzt beginne der Wiederaufbau. Trifft das eigentlich zu?
Rottach: Das steht in krassem Gegensatz zu den Berichten, die ich von Einheimischen erhalten habe - Partnerorganisationen, die bereits seit über anderthalb, ja zwei Wochen Hilfe in den Krisengebieten leisten und die sagen, dass dort, wo sie Güter verteilt haben, bis dato noch niemand Unterstützung erfahren habe und dass dort die Not und das Elend der Menschen wirklich noch riesengroß sei und die Leute der Verzweiflung nahe seien.
Fischer: Es heißt ja auch, die Militärs seien größtenteils korrupt. Sie würden Teile der Hilfslieferungen für sich abzweigen. Haben Sie darauf Hinweise gefunden?
Rottach: Keine konkreten. Das ist natürlich auch in einem derartigen Umfeld immer äußerst problematisch und häufig auch mit Risiken verbunden. Deswegen können das eigentlich nur Spekulationen sein, auf die ich mich aber jetzt nicht näher einlassen möchte.
Fischer: Mittlerweile sind ja drei Wochen seit dem Wirbelsturm Nargis vergangen. Was ist denn nun das Wichtigste, was den Menschen jetzt nach drei Wochen noch helfen kann, um ihre Lage zu überstehen oder gar zu verbessern?
Rottach: Zunächst einmal geht es natürlich darum, die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Das bedeutet: Die Menschen brauchen Lebensmittel, sauberes Wasser. Sie brauchen ein Dach überm Kopf und sie brauchen auch Medikamente. Zum anderen steht jetzt die Hauptaussaat-Periode an. Die Monsun-Regenzeit hat bereits begonnen. Dieses Delta ist der Brotkorb des gesamten Landes. Dort wird am meisten Reis angebaut - etwa die Hälfte der gesamten Reisproduktion. Das Saatgut der Bäuerinnen und Bauern ist aber genauso wie ihre Hütten zerstört worden und steht damit nicht mehr zur Verfügung. Deswegen muss dringend jetzt Reis-Saatgut zur Verfügung gestellt werden, damit man diese Hauptaussaat, diese Hauptanbauphase nicht verpasst, denn sonst steht eine Hungersnot nicht nur in der Krisenregion, sondern vielleicht im ganzen Land bevor. In der dritten Phase geht es dann auch darum, den Wiederaufbau zu planen und voranzubringen. Die zerstörte Infrastruktur muss wieder aufgebaut werden und natürlich auch die Häuser der einzelnen Familien.
Fischer: Peter Rottach von der Diakonie-Katastrophenhilfe über die Lage in Birma. Vielen Dank für die Informationen.
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