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02.10.2008
Beschäftigte des ThyssenKrupp-Stahlwerkes in Duisburg unterstreichen  mit einem Warnstreik ihre Lohnforderungen von acht Prozent. (Bild: AP) Beschäftigte des ThyssenKrupp-Stahlwerkes in Duisburg unterstreichen mit einem Warnstreik ihre Lohnforderungen von acht Prozent. (Bild: AP)

Metall-Verhandlungsführer: Branche steht trotz Finanzkrise stark da

Armin Schild: Ordentliche Lohnerhöhung kann Binnenkonjunktur befördern

Armin Schild im Gespräch mit Bettina Klein

Der Verhandlungsführer der IG-Metall, Armin Schild, steht zur Acht-Prozent-Forderung. Sie sei bezahlbar. Die Arbeitgeber sollten noch während der Friedenspflicht einlenken, danach mache man "massiven Druck".

Bettina Klein: In Darmstadt beginnt heute die diesjährige Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie. Zunächst geht es um die Beschäftigten der Branche in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Die IG Metall fordert acht Prozent mehr Lohn und Gehalt sowie Zusatzleistungen für die unteren Lohngruppen. Die Arbeitgeber haben diese höchste Tarifforderung seit 16 Jahren angesichts der internationalen Finanzkrise bereits als vollkommen überzogen zurückgewiesen. - Am Telefon ist nun der Verhandlungsführer der IG Metall, Armin Schild. Guten Morgen, Herr Schild.

Armin Schild: Guten Morgen, Frau Klein.

Klein: Der Zeitpunkt für die Lohnforderung ist schon ungünstig oder?

Schild: Na ja, er ist immer ungünstig. Ich glaube, die Situation in der Metall- und Elektroindustrie unterscheidet sich doch deutlich von der Situation an den Finanzmärkten. Die Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie stehen schon stark da und können die Forderung der IG Metall bezahlen.

Klein: Aber die Finanzkrise wird nicht ohne Folgen für die Wirtschaft und vermutlich auch nicht für die deutsche Wirtschaft bleiben.

Schild: Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Finanzkrise nicht zu einer Wirtschaftskrise im allgemeinen Sinne werden darf. Dagegen müssen alle ansteuern und dagegen gibt es ja auch gute Instrumente. Wenn in Nordamerika die Konjunktur einbrechen sollte oder deutliche Dämpfer erhalten sollte - das wissen wir ja alle noch nicht -, dann muss eben in Europa die Binnennachfrage gestärkt werden. Das ist ja nicht ausgeschlossen, dass man auch mal darüber nachdenken kann. Und es ist darauf hinzuweisen, dass die Finanzierungs- und Liquiditätslage der Metallunternehmen ausgezeichnet ist. Die Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie haben ihre Eigenkapitalrendite in den vergangenen Jahren von 8,9 Prozent in 2003 auf mittlerweile 21 Prozent im Jahre 2007 steigern können und auch das erste Halbjahr 2008 lief ausgezeichnet.

Klein: Aber die Einschätzung, Herr Schild, die Finanzkrise dürfe sich nicht ausweiten, ist doch einfach nur Wunschdenken.

Schild: Das ist kein Wunschdenken. Es wird selbstverständlich darum gehen, die Instrumente, die wir in der Wirtschaftspolitik, in der Konjunkturpolitik haben, ins Spiel zu bringen, um die Auswirkungen der Finanzkrise zu mindern. Dass sie Auswirkungen haben wird, das kann ich und das kann auch sonst niemand heute absehen oder auch bestreiten. Deshalb würde ich das gar nicht versuchen. Wir können aber nicht mit den Löhnen in der Metallindustrie die amerikanische Konjunktur beflügeln oder bremsen, sondern wir können mit den Löhnen in der tarifpolitischen Leitbranche Europas - und das ist die Metallindustrie Deutschlands ganz eindeutig - eine Konjunkturentwicklung in Deutschland und Europa mit befördern oder eben begrenzen. Und genau das wollen wir nicht. Wir wollen, dass die Binnenkonjunktur steigt, dass Nachfrage in Europa steigt. Und dazu muss in der stärksten Branche, die Europa, die Deutschland zu bieten hat, eine ordentliche Lohnerhöhung her.

Klein: Sie haben aber auch schon gesagt, Herr Schild, Ihr Ziel sei eine Umverteilung wie in den 70er Jahren. Und das lassen wir uns mal auf der Zunge zergehen, denn da hat der eine oder andere doch schon gedacht, die Zeiten dieser Lohnabschlüsse seien vorbei.

Schild: Es geht nicht um die Lohnerhöhungen von vor 30 Jahren, sondern es geht darum, dass Tarifpolitik den Anspruch haben muss, dann, wenn es eine verteilungspolitische Schieflage gibt, auch einzugreifen. Tarifpolitik ist nicht nur ein moderierendes Instrument, sondern auch ein gestaltendes Instrument. Und wir haben in Deutschland eine verteilungspolitische Schieflage, und zwar eine gewaltige. Die Schere zwischen Löhnen und Gewinnen ist in den vergangenen Jahren dramatisch auseinandergegangen. Seit 2003 stiegen die Gewinne um 220 Prozent, die Tariflöhne um 16 Prozent. Ich denke, es ist an der Zeit, es ist auch ökonomisch sinnvoll und für die Unternehmen der Metallindustrie auch bezahlbar, dass ein Tarifabschluss herbeikommt, ein Tarifabschluss, den wir anstreben, den wir durchsetzen wollen, bei dem am Ende für die Leute nicht nur ein Inflationsausgleich steht, sondern mehr Geld, real mehr Geld. Das ist das Ziel der IG Metall.

Klein: Herr Schild, auch die Experten des DGB rechnen vor, Deutschland wird im kommenden Jahr nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent zu erwarten haben. Als Sie Ihre Forderung formulierten, war das Ausmaß, die Krise, die wir jetzt haben, noch nicht absehbar. Weshalb wollen Sie sich der Situation nicht etwas anpassen?

Schild: Ich muss darauf hinweisen, im letzten Jahr sah die Welt, was die Prognosen anging, besser aus. Sie ist sogar noch besser geworden als die Prognosen waren. Da hieß es, man könne erst verteilen, was erarbeitet sei. Das heißt Gewinne, die in der Zukunft in Aussicht stünden, könnten noch nicht in der Gegenwart verteilt werden. Jetzt sind wir ein Jahr später. Die Gewinne sind eingefahren. Jetzt heißt es, die Gewinne der Vergangenheit können nicht mehr verteilt werden. Ich bitte, das ist natürlich eine unredliche Debatte. Die Konjunkturlage im nächsten Jahr wollen wir ja gerade beflügeln. Ich meine, niemand kann ein Interesse daran haben, dass die Konjunktur in Deutschland einbricht. Aber was können wir denn tun, wenn in Nordamerika die Kunden sich nichts mehr kaufen können, weil ihre Einkommen stark vom Finanzmarkt abhängig sind, weil ihre Einlagen nichts mehr wert sind? Dann müssen wir die Binnennachfrage in Deutschland und Europa stärken. Und wann, wenn nicht jetzt, und wo, wenn nicht in der bärenstarken Metallindustrie sollten wir das tun?

Klein: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass in diesem Jahr der Bezirk Mitte, zu dem eben Hessen, das Saarland und Rheinland-Pfalz gehören, diesen Pilotabschluss, den Sie erzielen möchten, hinbekommt und nicht Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen wie so oft in den vergangenen Jahren?

Schild: Na ja, gut. Jeder IG-Metall-Bezirk wird bemüht sein, einen Beitrag zu einem Tarifabschluss leisten zu können und ihn letztlich auch tätigen zu können. Das werden wir auch tun. Wir gehen da selbstbewusst heran. Aber ich sage Ihnen: die Frage, wer am Ende einen Pilotabschluss macht, ist nicht die kriegsentscheidende. Die kriegsentscheidende Frage wird sein, wer am Ende eine vernünftige Lösung präsentieren kann. Dazu werden wir unseren Beitrag bringen und ich bin ehrgeizig genug zu sagen, wenn wir dann derjenige sind, der am Ende den Knopf sozusagen drannäht, würde mich das sehr freuen. Ich bin aber auch nicht böse, wenn das andere besser können.

Klein: Können Sie schon andeuten, an welchen Stellen Sie Verhandlungsspielraum sehen, oder gilt in diesem Stadium noch, wir rücken keinen Zentimeter vom Fleck?

Schild: Nein. Wir müssen auf Zug verhandeln. Das heißt, wir sind unter höchstem Zeitdruck, ganz anders als in den Tarifbewegungen, die man in den vergangenen Jahren gesehen hat. Wir werden die Arbeitgeber heute auffordern, noch während der Friedenspflicht ein Angebot abzugeben, und wir werden unmittelbar nach Ablauf der Friedenspflicht massiven Druck machen. Man muss sich im Klaren sein, dass wir mit dem Auslaufen der Tarifverträge Ende Oktober ja quasi schon auf Sicht mit dem Weihnachtsmann operieren, und wir wollen den Tarifabschluss in diesem Jahr. Und wenn wir ihn in einem Arbeitskampf erzwingen müssen, dann müssen wir bis Mitte November den Abschluss in der Scheuer haben, oder eine andere Entscheidung treffen. Deshalb sind alle aufgefordert, keine Spielchen zu machen, keine Rituale, auf Ziel und auch auf der Basis von Fairness und wirtschaftlicher Vernunft zu verhandeln. Das heißt ein zügiges Angebot, dass die Arbeitnehmer nicht provoziert.

Klein: Armin Schild, der Verhandlungsführer der IG Metall, zu den heute beginnenden Tarifverhandlungen für die Branche. Danke Ihnen, Herr Schild, und auf Wiederhören.

Schild: Danke Ihnen!


 
 

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