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02.01.2009
Jahre lang stand die israelische Stadt Sderot unter Beschuss (Aufnahme: Februar 2008). (Bild: AP) Jahre lang stand die israelische Stadt Sderot unter Beschuss (Aufnahme: Februar 2008). (Bild: AP)

"Israels Vorgehen Akt eines souveränen Landes"

Die Dozentin am Sapir College bei Sderot, Ruth Eitan, rechtfertigt die Militäroffensive Israels

Ruth Eitan im Gespräch mit Christoph Heinemann

Die israelische Stadt Sderot, östlich des Gazastreifens, stand lange unter Raketenbeschuss durch die Hamas. Dr. Ruth Eitan, die am Sapir College von Sderot unterrichtet, sieht die israelische Militäroffensive daher als legitime Reaktion: "Die Lage war unmöglich. Wir konnten unser friedliches Leben überhaupt nicht fortsetzen", so Eitan. Das israelische Vorgehen sei ein Akt eines souveränen Landes.

Christoph Heinemann: Israel hat auch am siebenten Tag in Folge seine Militäroffensive gegen die im Gaza-Streifen regierende Hamas fortgesetzt. Ziel waren heute mutmaßliche Raketenstellungen und Waffenlager der radikal-islamischen Palästinenserorganisation. Die Armee teilte mit, insgesamt seien 15 Ziele angegriffen worden. Rund 400 Menschen sind auf palästinensischer Seite bislang ums Leben gekommen; aus Israel werden vier Todesopfer gemeldet.

Diesen Freitag hat die Hamas zum "Tag des Zorns" aufgerufen. Also, nach dem Freitagsgebet sollen vom Tempelberg in Jerusalem und allen Moscheen des Westjordan-Landes Massenmärsche beginnen. Dies teilte eine Mitteilung im Internet mit.

Wir sind in Tel Aviv mit Dr. Ruth Eitan verbunden. Sie ist Dozentin am Sapir College bei Sderot. Das ist die israelische Stadt östlich des oberen Zipfels des Gazastreifens, die seit Jahr und Tag mit Raketen aus dem Gaza-Streifen beschossen wird. Guten Tag!

Ruth Eitan: Guten Tag!

Heinemann: Frau Eitan, Sie leben in Tel Aviv. Sie können gegenwärtig nicht unterrichten, weil Ihr Arbeitsplatz im militärischen Sperrgebiet liegt. Wie haben Sie die letzten Wochen und Monate in Sderot erlebt?

Eitan: Die letzten acht Jahre sozusagen waren sehr, sehr schlimm. Die letzten drei Jahren waren noch viel schlimmer. Und wie gesagt, wir sind unter Beschuss, sehr viele Male pro Tag. Das bedeutet, manchmal haben wir auch 80 bis 90 Alarme. Und unsere Studenten leiden sehr viel darunter.

Wir haben sehr viel Mitleid mit den Leuten, die in Sderot und der Umgebung von Gaza, die darunter leiden. Und auch die Leute, die im Gaza-Streifen leiden, die ganze Zeit auch darunter. Doch wenn ich ein bisschen über meine Studenten berichten kann, dann würde ich sagen, dass wir die ganze Zeit versucht haben, unsere akademische Exzellenz fortzusetzen, obwohl: Es war sehr, sehr schwierig, in den Klassen mit 70, 80 Studenten, die manchmal schwanger sind, behindert, Senioren et cetera, einen normalen Unterricht und ein normales akademisches Leben zu haben.

Unsere Studenten, mehr als 3000, sind mit PTS, das bedeutet, sie sind traumatisiert. Sie kommen in das College, obwohl ihre Eltern sehr dagegen sind und sehr viel Angst haben. Aber die Studenten haben ein Standpunkt angenommen, dass sie ins College und in den Unterricht kommen, weil sie glauben an das College.

Und was wir zeigen: Wir sind sehr liberal, wir sind multikulturell, wir haben mehr als zehn Prozent Nicht-Juden, das bedeutet Araber und Beduinen. Wir sind sehr, sehr friedlich. Es gibt bei uns keine Demonstrationen gegen Hamas. Es gibt keine Gefahr oder irgendetwas. Das ist mehr so violent sozusagen. Wir sind sehr, sehr friedlich. Und wir hoffen immer, dass mit unserer friedlichen Atmosphäre und unbedingt mit unserer Ausbildung wir vielleicht in der Zukunft eine Lösung in der ganzen Region bringen können.

Heinemann: Frau Eitan, gerade was das betrifft. Auf israelischer Seite sind bisher körperlich zumindest kaum Menschen zu Schaden gekommen. Schießt die Hamas so schlecht oder funktioniert der Zivilschutz in Israel so gut?

Eitan: Ich denke, das ist nur eine Glückssache und nicht mehr. Wir waren nicht geschützt bisher. Bis ungefähr zwei Monate zurück hatten wir fast keinen Schutzplatz. Und wir haben in den 15 Sekunden immer versucht, unter einem Dach zu sein. Aber wie gesagt: Wir hatten keinen Schutz, wir hatten nur Glück. Wir schätzen das sehr, dass wir bis jetzt nicht so viele Schäden haben, aber innerlich und mental sind wir alle sehr geschädigt.

Heinemann: Rechnen Sie mit einer Bodenoffensive der israelischen Armee im Gaza-Streifen?

Eitan: Ich bin kein Politiker und, wie gesagt, ich betone immer, dass wir israelischen Mütter überhaupt nicht unsere Kinder opfern wollen. Wir wollten auch nicht, dass die anderen ihre Kinder opfern würden, aber wir haben das schon genug gehabt in der Vergangenheit und wir glauben nicht, ich vermute, dass fast alle nicht glauben, dass ein Militäreinsatz eine Lösung in der Region bringen wird.

Leider kann ich nicht mehr darüber berichten, weil: Ich weiß nur aus den Medien, was dort geht. Aber, wie gesagt, wir versuchen immer, mit friedlichen Mitteln diese Situation zu behandeln. Wir glauben nicht, dass ein Militäreinsatz eine Änderung bringen wird.

Heinemann: Was könnte denn eine Änderung bringen?

Eitan: Wenn wir mit den Menschen reden können! Es geht erst mal um Menschen, egal was ihre Religion oder Nationalität ist. Wenn wir an diese Leute unsere friedliche Botschaft bringen können, dass wir zusammen arbeiten und leben wollen, wie es war, bevor die zweite Intifada im Jahr 2000 passierte. Wir versuchen, Projekte mit unseren Nachbarn zu machen. Wir denken, dass, wenn wir eine neue Zukunft an die junge Generation herbeibringen, mit Studien, mit Pädagogie, mit Ausbildung, dann würde sie ein besseres Leben haben. Das ist unser Ziel, das ist unser Wunsch eigentlich.

Heinemann: Frau Eitan, am 10. Februar wählen Sie und Ihre Landsleute eine neue Knesset. Ist der Kampf in Gaza auch Teil des israelischen Wahlkampfes?

Eitan: Ich bin Historikerin. So kann ich nur aus der Vergangenheit etwas lernen. Ich hoffe nicht, obwohl: Es ist sehr, sehr schwierig, zwischen den beiden Dingen zu spalten. Aber ich hoffe, dass die Ziele dieses Mal mehr pur sind und ohne politische Interessen. Das kann man aber sehr, sehr schwierig sagen.

Heinemann: Aber es könnte schon sein, dass ein Erfolg in Gaza zum Beispiel Verteidigungsminister Ehud Barak einen Wahlsieg bescheren würde?

Eitan: Das ist für mich ein bisschen zu weit. Ich mache keine Spekulationen. Ich wollte nur betonen: Erst mal leiden wir alle und das geht schon sehr viele Jahre. Und wir leiden und wollen eine Änderung bringen. Deshalb würde ich es vermeiden, für solche Fragen überhaupt eine Antwort zu geben.

Heinemann: Geht es in Gaza auch aus israelischer Sicht um eine Revanche für den aus israelischer Sicht wiederum misslungenen Feldzug im Libanon?

Eitan: Nein. Sie müssen verstehen: Wir waren unter Beschuss acht Jahre lang. Können Sie sich vorstellen, eine Stadt in Deutschland wird auf eine andere Stadt Raketen schießen und sie terrorisieren und die Regierung wird gar nichts machen? Das ist eine unglaubliche Situation, denn wir sind Teil vom souveränen Israel. Wir sind nicht zum Beispiel eine illegale Siedlung in der Westbank. Und wir brauchen Schutz, wir arbeiten dort, wir sind sehr friedlich, wir brauchen in unserer Stadt - das ist unsere souveräne Stadt - Ruhe und eine Möglichkeit zu arbeiten und normal zu leben.

Deshalb denke ich, man darf es überhaupt nicht mit der Vergangenheit vergleichen. Ich denke, das hat überhaupt nichts zu tun mit dem zweiten libanesischen Krieg. Das ist eine Lage, die ist schon sehr lang, und die Hamas hat zuletzt gesagt, dass sie das alles sehr radikal machen würde, und hat in den letzten zwei Wochen sehr viele Raketen auf uns geschossen.

Deshalb denke ich, das ist keine Revanche, das ist ein Akt eines souveränen Landes. Ob ich dem zustimme oder nicht, das ist eine andere Sache, aber man muss auch daran denken: Die Lage war unmöglich. Und ich denke, dass ihr als Europäer auch von euerer Geschichte lernen könnt. Das geht doch so nicht. Man kann doch so nicht leben. Obwohl: Wir sind im Mittleren Osten, und das ist eine total andere Geschichte. Aber doch: Wir sind in Israel, wir sind Zivilisten und wir konnten unser friedliches Leben überhaupt nicht fortsetzen.

Heinemann: In den "Informationen am Mittag" sprachen wir im Deutschlandfunk mit Dr. Ruth Eitan. Sie ist Dozentin am Sapir College bei Sderot. Frau Eitan, danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Eitan: Bitte sehr. Danke Ihnen!


 
 

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