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17.02.2009
Autos der Marke Opel auf dem Rüsselsheimer Firmengelände (Bild: AP) Autos der Marke Opel auf dem Rüsselsheimer Firmengelände (Bild: AP)

"Opel muss autonom gemacht werden"

Früherer BMW-Chefvolkswirt: Staat kann Hilfe zur Selbsthilfe geben

Helmut Becker im Gespräch mit Dirk Müller

Helmut Becker, früher Chefvolkswirt bei BMW, wertet eine mögliche Abspaltung Opels von der Mutter GM als "Win-win-Situation für beide". Der deutsche Staat kann dabei helfen, sagt Becker, aber: "temporär".

Dirk Müller: Worüber wir jetzt reden, war vor einem Jahr noch undenkbar: Verstaatlichung oder Teilverstaatlichung von Banken, von Industriekonzernen. Karl Marx lässt schön grüßen. Die Karikaturisten der Tageszeitungen haben zumindest ihre Freude daran. Opel ist jetzt das Stichwort. Kann die Politik, kann der Staat die deutsche Tochter von General Motors herauslösen, herauskaufen, heraustrennen? Aber nicht nur diese Frage, kann er, sondern auch: macht das Sinn?
Farbe bekennen muss in diesen Tagen nicht nur die Tochter, sondern auch die Mutter, genauer der Mutterkonzern. Was hat General Motors vor, um aus der Misere herauszukommen? Die Manager müssen den amerikanischen Kongress überzeugen, wenn sie Hilfe bekommen wollen.
Pro und Contra, Opel und GM. Darüber sprechen wollen wir nun mit Helmut Becker, ehemals Chefvolkswirt bei BMW. Guten Tag!

Helmut Becker: Guten Tag, Herr Müller.

Müller: Herr Becker, können es die Deutschen besser ohne die Amerikaner?

Becker: Ja. Ganz einfach gesprochen ja. Opel muss autonom gemacht werden in seinen Entscheidungen, muss unternehmerisch handeln können, und das kann es bisher nicht. Opel ist ein Appendix und war immer ein Appendix zu General Motors und infolgedessen haben die Interessen der Mutter dominiert und nicht die Interessen der Menschen, die in Rüsselsheim oder in Bochum oder in Eisenach arbeiten und dort das Unternehmen auch bisher vorangebracht haben.

Müller: Wenn Sie sagen, das Heraustrennen, das ist das richtige, das unabhängig werden von Opel, das ist das richtige, muss die Politik dann Gewalt anwenden, um das zu tun?

Becker: Eigentlich sollte die Politik keine Gewalt anwenden müssen, denn eigentlich wäre es eine Win-win-Situation für beide. Opel würde autonom gemacht und hätte dann alle Möglichkeiten, die ein ganz normales Unternehmen am Markt hat. Das schließt nicht aus, dass auch staatliche Unterstützung temporär - wohl gemerkt temporär - gezahlt wird. Der Staat kann sich hinterher auch wieder zurückziehen. Auf der anderen Seite: GM würde sicherlich eine Menge Geld dafür bekommen, dass sie sich von Opel trennen werden oder von ihrem Europageschäft mit anderen Worten.

Müller: Bleiben wir mal bei dieser Perspektive. Wenn Sie jetzt Berater von GM wären, würden Sie klipp und klar sagen, haut Opel weg?

Becker: Wenn ich Berater von GM wäre, würde ich sagen, erzählt den Leuten, wir werden Bochum schließen, erzählt den Leuten, wir werden Eisenach schließen und wir werden Saab verkaufen und wir verkaufen das alles an einen Asiaten, und dann werden sie sehen, wie der Preis für diese Objekte nach oben geht. Also mit anderen Worten: Ich halte da nicht sehr viel von, dass man sich in der Tat in der Art und Weise von diesen Fazilitäten trennen wird. Ich glaube, man baut eine Drohstrategie auf und letztendlich deutet das auch darauf hin, dass GM eigentlich bereit ist, sich davon zu trennen.

Müller: Da frage ich noch mal nach, Herr Becker. Es gibt ja so etwas wie Ehre, es gibt so etwas wie Tradition und Stolz auch in den Vereinigten Staaten. Wird GM das wirklich machen?

Becker: Entschuldigen Sie bitte! Welche Begriffe haben Sie da genannt?

Müller: Tradition, Ehre Stolz.

Becker: Gut! Das mag mal so gewesen sein, aber ich glaube, die letzten 20 Jahre haben eher das Gegenteil bewiesen, dass man wenig Ehre hat und auch wenig Stolz hat. Sonst hätte man nicht sehenden Auges den Niedergang dieser wunderbaren "big three", der großen drei amerikanischen Hersteller, hingenommen. Das ist ja kein Prozess, der heute und gestern erst stattgefunden hat oder vorgestern, sondern der japanische Vormarsch, denn die eigentlichen, wenn Sie so wollen, Wettbewerber auf diesem Markt für die Amerikaner waren ja nicht die Deutschen - die haben sich ja zurückgezogen; VW hatte ja mal eine Fabrik dort und ist dann nach Hause gegangen -, sondern waren die Asiaten, waren die Japaner und die Koreaner. Da hatte man wenig Stolz dabei empfunden, sich dort so schmählich langsam, aber sicher aus dem Markt drängen zu lassen. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen.

Müller: Kommen wir, Herr Becker, auf das Operative zu sprechen. Wir brauchen ja sozusagen einen Treuhänder, der das Ganze übernimmt, lenkt und koordiniert. Sollte das der Staat, die Bundesregierung, die Landesregierungen sein?

Becker: Nein, auf gar keinen Fall. Wenn es einer wäre, dann müsste das jemand sein, der eigene Interessen hätte, und da kenne ich eigentlich nur zwei Parteien, die ein hohes Eigeninteresse an dem Wohlergehen und der längerfristigen Existenzsicherung von Opel haben. Das eine sind die Belegschaften selber und das andere sind die Händler, denn beide leben davon, dass Opel floriert und dass Opel-Autos am Markt verkauft werden und abgesetzt werden. Ergo wäre der erste Adressat diese beiden Gruppen und beide haben auch schon signalisiert, dass sie dazu bereit wären. - Punkt Eins.
Punkt Zwei: Natürlich braucht man auch Geld, wenn man ein solches Unternehmen, wenn Sie so wollen, herauskaufen will; und da könnte der Staat durchaus so wie jetzt im Bankensektor auch subsidiär zur Verfügung stehen, könnte finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, aber wie gesagt nur temporär - als stiller Teilhaber möglicherweise für eine gewisse Zeit und sich dann hinterher wieder zurückziehen.

Müller: Sie sagen ja, Ehre gibt es nicht mehr, zumindest nicht in Amerika. Aber ist das nicht ehrenrührig auch aus Ihrer traditionellen marktwirtschaftlichen Verständnisideologie heraus, wenn ich das so formulieren darf, dass der Staat dort zumindest als Treuhänder fungiert und Geld zur Verfügung stellt, sich hinterher, wenn es besser geht, wieder raus begibt?

Becker: Ja. Das halte ich nicht für ehrenrührig, sondern wir haben Strukturpolitik. Das ist durchaus ein Instrument in unserer marktwirtschaftlichen Ordnung, das dem Staat zufällt.

Müller: Was die Franzosen besser beherrschen als wir?

Becker: Das würde ich so nicht sagen. Ich meine, wir denken immer nur zu kurzfristig. Denken Sie mal an unsere Stahlkrise, an unsere Kohlenkrise. Das Werk Bochum von Opel verdankt eigentlich seine Existenz dieser Kohlen- und Stahlkrise, dass man damals aktive Strukturpolitik seitens des Staates betrieben hat und hat Opel dort angesiedelt. Also mit anderen Worten: Wir haben da auch durchaus eine lange Tradition in Strukturpolitik und der Freiherr von und zu Guttenberg, dessen Hauptaufgabe wird sein, Strukturpolitik zu betreiben. Dafür ist er Wirtschaftsminister geworden. Aber er ist nicht Wirtschaftsminister geworden, um jetzt eine Automobilfabrik zu betreiben, genauso wenig wie der Herr Steinbrück eine Bank betreiben will oder als Bankvorstand fungieren will. Das heißt, der Staat hat in dieser Ausnahmesituation - das muss man ja auch klar sehen, es ist eine Ausnahmesituation - , durchaus das Recht und möglicherweise auch die Pflicht, um Schlimmeres zu verhüten, temporär einzugreifen - temporär, noch mal, nicht dauerhaft. Das heißt, er kann Hilfe zur Selbsthilfe geben und ansonsten sollen die Akteure am Markt, diejenigen, die hinterher das Risiko tragen und auch die Verantwortung haben und auch dafür bezahlt werden, die sollen das Geschäft betreiben.

Müller: Und die Mitarbeiter sollen dann praktisch zu Konzernchefs werden?

Becker: Die Mitarbeiter haben Möglichkeiten genug, sich dort zu beteiligen. Wir haben doch mal - Sie können sich vielleicht daran erinnern - , Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand gehabt. Das war doch mal ein großes sozialpolitisches Anliegen. Jetzt hätten wir hier eine ganz konkrete Möglichkeit, wie die Mitarbeiter aktiv werden können. Darüber gibt es Gremien. Natürlich können die Mitarbeiter auch einen Vorstand bestimmen, selbstverständlich. Das ändert ja nichts an der Tatsache. Die sind Aktionäre. Die Mitarbeiter sind in dem Fall Aktionäre und es gibt eine Hauptversammlung, genauso wie der Staat vorübergehend Aktionär wäre oder auch die Opel-Händler vorübergehend Aktionär wären oder dauerhaft Aktionär wären im Falle der Opel-Händler. Darüber kann man einen Vorstand einsetzen, da wird ein Vorstand bestimmt. Man hat ja im Übrigen eine Geschäftsführung, den Herrn Lehmanns und seine Kollegen. Darüber habe ich bisher keine Klagen gehört. Warum sollen die die Geschäfte nicht weiter betreiben? Mit anderen Worten: Man fällt da nicht ins Nirwana. Da ist ja eine Mannschaft da, die in der Lage ist, durchaus vernünftige Autos zu bauen mit hoher Produktivität und die jetzt, bedingt durch die Mutter, eben in eine schwierige Situation geraten ist.

Müller: Klare Worte von Helmut Becker im Deutschlandfunk, früher Chefvolkswirt bei BMW. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören!

Becker: Tschüß! - Danke.


 
 

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