Nach Ansicht des Präsidenten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Christoph Unger, gibt es angesichts der Ausbreitung der Schweinegrippe keinen Grund zur Panik. Als Privatperson müsse man hierzulande keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.
Mario Debovisek: Die Zahl der Infektionen ist überschaubar, von rund 330 bestätigten geht die Weltgesundheitsorganisation WHO insgesamt aus. Viele verstehen daher die Aufregung rund um das neue Influenzavirus H1N1 aus Mexiko nicht. Am Telefon begrüße ich Christoph Unger, er ist Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Guten Morgen, Herr Unger!
Christoph Unger: Guten Morgen nach Köln!
Debovisek: Ist die Aufregung berechtigt, Herr Unger?
Unger: Also Aufregung oder gar Hysterie wäre sicherlich nicht berechtigt. Aber wir wissen aus den Einschätzungen des Robert-Koch-Instituts, dass wir uns eben auf eine echte Pandemie einstellen müssen, die früher oder später auf uns zukommt. Und deshalb beschäftigen wir uns ja schon seit einigen Jahren intensiv mit dieser Thematik.
Debovisek: Erleben wir dieser Tage also eine übertriebene Panikmache?
Unger: Also wir versuchen ja, mit dem, was wir tun, diese Panikmache zu unterbinden. Das wäre das Schlimmste, was wir machen können. Wir haben uns vorbereitet, wir haben Planungen erstellt, wir haben geübt, wir haben ausgebildet, und wir haben jetzt, denke ich, auch Zeit, um nachzusteuern. Also Panik ist auf jeden Fall nicht angebracht.
Debovisek: Sie haben es angesprochen, Sie haben geübt im Rahmen regelmäßiger Übungen von Bund und Ländern. So haben Sie auch vor anderthalb Jahren sozusagen den Ausbruch einer Influenzapandemie durchgespielt auf der sogenannten LÜKEX 2007. Von welchem Szenario sind Sie da ausgegangen?
Unger: Also wir sind damals von einem ganz anderen Szenario ausgegangen als das, was wir jetzt tatsächlich haben. Wir haben dabei zugrunde gelegt, dass rund 30 Prozent der Bevölkerung tatsächlich erkrankt sind, und Sie haben ja die Zahlen genannt, die wir heute tatsächlich haben. 30 Prozent erkrankte Bevölkerung, das heißt beispielsweise mehrere Millionen Menschen, die nicht zur Arbeit gehen. Und das sind dann Probleme, mit denen wir uns richtig intensiv auseinandersetzen müssen.
Debovisek: Welche Probleme wären das?
Unger: Also beispielsweise fallen ja in vielen sicherheitsrelevanten Bereichen die Arbeitnehmer aus. Oder wir leben ja in einer Zeit Just-in-time-Transporte. Also wenn die Lkw-Fahrer nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen, besteht die Gefahr, dass Versorgungsketten nicht mehr in ausreichendem Maße geschlossen werden können, also in der Lebensmittelversorgung, in der Bargeldversorgung. Es gibt viele gesellschaftliche Bereiche, die dann in einer solchen Dimension betroffen sein können. Heute sind wir noch lange davon entfernt.
Debovisek: Verstehe ich Sie damit richtig, dass das eigentliche Problem einer großen Pandemie gar nicht die Sterberate ist, sondern tatsächlich der Ausfall von Arbeitskräften in der Gesellschaft?
Unger: Also wir sprechen jetzt natürlich nicht über Tote, sondern klar für uns ist, dass wir große Probleme bekommen werden, wenn eine Pandemie diese Dimensionen annimmt in ganz anderen Bereichen - in der Produktion, in den Behörden, in den ehrenamtlichen Organisationen, aber eben auch in sicherheitsrelevanten Bereichen -, denn die Arbeitnehmer selbst werden krank, Mütter müssen ihre Kinder zu Hause betreuen, das kommt dazu. Also es werden möglicherweise dann in vielen Bereichen die notwendigen Arbeitskräfte nicht zur Verfügung stehen, und das ist das Problem.
Debovisek: Wie weit sind wir heute von einem solchen Szenario entfernt, oder anders gefragt: Hat die aktuelle Schweinegrippe, das neue Virus, das Potenzial, auch so gefährlich zu werden?
Unger: Das vermag ich nicht zu beantworten, das muss die Gesundheitsschiene, die ja im Moment primär zuständig ist, beantworten. Wir stellen uns auf Weiterentwicklung, auch auf eine Pandemie ein, sind aber, wie gesagt, in der Lage im Moment, all die notwendigen Maßnahmen zu treffen. Und das würden wir auch in Zukunft tun.
Debovisek: Welche Erkenntnisse haben Sie zum Beispiel aus der angesprochenen Übung gewonnen?
Unger: Wir haben gesehen, dass es im Bund-Länder-Krisenmanagement und in der Einbeziehung beispielsweise der privaten Unternehmen doch noch eine ganze Menge zu tun gab. Die notwendigen Schritte haben wir dann tatsächlich in den letzten zwei Jahren auch unternommen. Wir haben …
Debovisek: Zum Beispiel?
Unger: … Krisenpläne verbessert. Also es war immer die Frage, wer hat sozusagen die Führung in einer solchen Lage, die Gesundheitsschiene oder die Innenschiene. Da haben wir Lösungen entwickelt, dass man gemeinsam die Stäbe jetzt leitet, so beispielsweise auf Bundesebene. Wir haben konkret mit Lebensmittelunternehmen gesprochen, wie man sich auf eine solche Situation vorbereiten kann. Ein ganz konkretes Thema, eine ganz konkrete Erkenntnis war beispielsweise, dass wir bei den Lenkzeitregelungen für Lkw-Fahrer eine Lösung finden müssen, die es erlaubt, kurzfristig eben diese Lenkzeitregelung aufzuheben, damit wir eben ausreichend Potenzial an Lkw-Fahrern auch zur Verfügung haben.
Debovisek: Sie haben es angesprochen, es ist ein bisschen schwierig zwischen Bund, Ländern und der Wirtschaft sozusagen zu koordinieren, Katastrophenschutz und Gesundheitspolitik sind nämlich Sache der Länder.
Unger: Richtig.
Debovisek: Welche Rolle spielt denn der Bund dabei?
Unger: Unsere Rolle, die wir jetzt auch mit der Übung eingenommen haben, war eine Ausbildungsplattform beispielsweise anzubieten, Wege aufzuzeigen, Angebote zu machen. Wir haben in der Tat nicht die Befugnis, ein Land oder gar ein Unternehmen anzuweisen.
Debovisek: Hätten Sie die gerne?
Unger: Nein. Also ich denke, die föderalen Strukturen sind leistungsfähig, und wir haben auch Verfahren gefunden der Abstimmung. Es gibt eine Koordinierungsgruppe beispielsweise zwischen Bund und Ländern, wo diese Themen dann diskutiert werden. Gerade bei dem Thema Pandemie muss es eine Abstimmung zwischen den Ländern geben, wann wird eine Schulschließung gemacht, wann werden andere Maßnahmen gleichzeitig und abgestimmt eingeleitet, nicht dass das eine Land vorprescht und das andere sagt, das ist noch nicht nötig. Aber ich denke, diese Instrumente zu Verfahren haben wir etabliert, und das war eben eine wesentliche Erkenntnis auch aus der Übung.
Debovisek: Ich möchte ganz gern noch mal auf den Anfang unseres Gesprächs zurückkommen, nämlich auf den Punkt der Panikmache. Ich bin gestern zum Beispiel U-Bahn gefahren und musste mich kurz schnäuzen. Plötzlich saß ich alleine da, weil meine Nachbarn sich alle verzogen haben, die Flucht ergriffen haben. Ist das übertrieben, Herr Unger?
Unger: Also im Moment ist das sicherlich übertrieben. Wenn wir in eine pandemische Phase, also die Stufe 6 der WHO kämen, auch für Deutschland die entsprechenden Voraussetzungen da wären, dann muss man natürlich bei solchen Dingen aufpassen. Aber im Moment ist das übertrieben.
Debovisek: Worauf sollten wir im Moment in unserem Alltag achten?
Unger: Also man muss sich jetzt überlegen als beispielsweise Besitzer eines Unternehmens, als Leiter einer Behörde, als Verantwortlicher in vielen Bereichen: Was kann da auf uns zukommen, was können wir jetzt an vorbereitenden Maßnahmen schon treffen, wo sind welche Arbeitsprozesse tatsächlich dann dringend aufrechtzuerhalten, was kann ich jetzt beispielsweise aber auch an Desinfektionsmitteln oder an Mundschutz bevorraten. Aber ich denke, das ist Aufgabe der zuständigen verantwortlichen Behörden und Unternehmen. Die Privatpersonen sollten tatsächlich - aber das klingt banal - allgemeine Hygieneregeln beachten. Und ich denke, das ist schon ein vernünftiger Schritt.
Debovisek: Christoph Unger, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, vielen Dank für Ihre Einschätzungen!
Unger: Ich danke Ihnen.
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