Der iranischstämmige Publizist Navid Kermani, der gerade von einem Aufenthalt in Teheran zurückgekommen ist, berichtet, dass das brutale Vorgehen des Staatsapparates die Proteste hat stark abnehmen lassen. Es gebe deutliche Anzeichen für eine baldige Verhaltung von Mir Hossein Mussawi.
Silvia Engels: Im Iran scheinen sich zurzeit die Mitglieder des Regimes durchzusetzen, die den umstrittenen Präsidenten Ahmadinedschad unterstützen. Doch genau ist das nicht zu sagen, denn es dringt nicht viel über den Machtkampf hinter den Kulissen nach draußen. Ein Fingerzeig für die Unruhe in der Führungsspitze könnte aber sein, dass der iranische Außenminister Mottaki seinen Besuch einer Afghanistan-Konferenz im Rahmen eines G8-Treffens abgesagt hat. Parallel dazu scheinen die Demonstrationen im Iran etwas abzuflauen, doch Oppositionsführer Mussawi bleibt bei seiner Linie.
Am Telefon ist nun Navid Kermani, er ist iranischstämmig und lebt in Deutschland, gerade erst aus dem Iran zurück nach Deutschland gekommen. Ich grüße Sie, Herr Kermani.
Navid Kermani: Guten Tag.
Engels: Welche Erfahrungen haben Sie im Land gemacht?
Kermani: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich zunächst an friedlichen Massenprotesten teilgenommen beziehungsweise sie beobachtet habe, dann war ich bei der Freitagspredigt des Revolutionsführers in Teheran, wo er vor weiteren Protesten scharf gewarnt hat und auch angekündigt hat, dass sie mit Gewalt unterdrückt werden, und diejenigen, die zu Protesten aufrufen, auch dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Am Samstag sind diese Proteste dann, wo immer noch trotz der Warnung 10.000 oder sogar 15.000 gekommen sind, vom Staatsapparat und Justizapparat brutal niedergeschlagen worden. Ich war Augenzeuge von vielen sehr, sehr schlimmen Szenen. Seit Sonntag herrscht in Teheran man kann nicht sagen Friedhofsruhe, aber die Proteste haben dadurch natürlich deutlich abgenommen.
Engels: Sie beschreiben, dass von dieser ersten Erfahrung, dieser Möglichkeit, Proteste ausüben zu können, die Stimmung nun gekippt sei. Denken Sie denn, sie ist noch einmal wiederzubeleben, oder ist Ihre Einschätzung jetzt mit der Fortentwicklung, dass das Regime gewonnen hat?
Kermani: Das kann ich nicht sagen. Das hängt natürlich auch davon ab, ob die Leute sich heute trotz Lebensgefahr trauen, auf die Straße zu kommen, oder nicht. Wie das Regime dann reagiert, wenn sie sich dennoch trauen, das hängt von der Größenordnung der Demonstrationen ab, aber es ist sicher so, dass die normalen Bürger, die jetzt ihre Arbeit haben, die vielleicht Kinder haben, zumindest in meinem eigenen Bekanntenkreis eher sehr, sehr zurückhaltend geworden sind. Die gehen abends zwar immer noch auf die Häuser und rufen "Allahu akbar", also "Gott ist größer", aber sie trauen sich nicht mehr auf die Straße, weil das wirklich zu gefährlich geworden ist.
Es sind vor allem die jungen Leute, die Studenten, die um ihre Zukunft kämpfen, die noch keine eigene Revolution erlebt haben, die sich dennoch trauen, aber man muss einfach sagen, es ist ein Staatsstreich im Gange. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, auch aus der Presse, der reaktionären Presse, dass man mit der Verhaftung von Mussawi rechnen muss, der Anklage wegen Hochverrat. Es wurden im Fernsehen Geständnisse ausgestrahlt, die offenbar unter Folter zu Stande gekommen sind. Unter diesen Umständen kann man nicht erwarten, dass da wieder Hunderttausende oder gar Millionen auf die Straße gehen.
Engels: Nun hat auch einer der drei unterlegenen Kandidaten, Resai, seine Wahlbeschwerde zurückgezogen. Ist das auch ganz klar die Folge dieser Repression?
Kermani: Ganz klar! Ich meine, wer das jetzt noch weiter fortsetzt, die Proteste, der legt sich mit dem Revolutionsführer an, der begeht aus Sicht der Islamischen Republik oder der Auslegung dieser Herren ein todeswürdiges Verbrechen. Resai, der nun kein Reformer ist, aber obwohl er eigentlich auf der Seite der Konservativen steht, den Wahlbetrug offenbar mitbekommen hat, hat offenbar entschieden, dass er nicht im Gefängnis landen möchte und auch nicht mit Geständnissen im Fernsehen vorgeführt werden möchte, und hat dann offenbar rechtzeitig die Seiten noch gewechselt.
Engels: Was können Sie sagen zu den Reformern? Bleiben ihnen noch irgendwelche Mittel des Protestes, die man vielleicht verändert anwenden könnte, um diese Bewegung nicht ganz sterben zu lassen?
Kermani: Das versuchen die, deshalb ja auch der Aufruf, heute vor das Parlament zu kommen und auch mit Familien zu kommen und klar zu machen, dass man sich nicht unterdrücken lässt. Mussawi hat ja erklärt, dass er bereit ist, auch dafür zu sterben, dass er davor nicht Angst hat, und die jungen Leute machen weiter. Das ist eine unglaubliche Energie, die dort im Augenblick immer noch da ist, aber natürlich die Angst ist groß. Die Frage ist eher, was auch hinter den Kulissen passiert. Können die Leute auf der Straße ihre Proteste so lange fortsetzen, einen solchen Druck erzeugen, dass wirklich hinter den Kulissen etwas geschieht? Es gibt sehr, sehr viele Unruhen hinter den Kulissen. Dafür gibt es deutliche Anzeichen, dass auch gerade Theologen und Organisationen sich gegen diese Art von Repressionen gegen den Staatsbereich wenden. Khamenei hat sich sehr, sehr viele Feinde gemacht, er kann sich immer noch auf das Militär stützen, auf den Sicherheitsapparat, auf das Fernsehen, aber er kann sich zum Beispiel nicht mehr auf Khom stützen. Dafür gibt es deutliche Anzeichen. Zum Beispiel hat kaum ein Ayatollah bis jetzt Ahmadinedschad zum Wahlsieg gratuliert.
Engels: Herr Kermani, Sie sprechen es an: Khom, das ist so eine Art religiöses Zentrum auch für die Schiiten und eine sehr wichtige Machtbasis. Schauen wir ein wenig hinter das, was man über die Kulissen und den Kampf dahinter sagen kann. Einer der einflussreichsten Männer im Iran ist nach wie vor Ali Akbar Rafsandschani. Er ist reich und er gilt als einer der härtesten Gegner Ahmadinedschads. Warum hört man von ihm nichts?
Kermani: Am Sonntag sind fünf seiner Angehörigen verhaftet worden, dann nach einigen Stunden oder nach einem Tag wieder aus der Haft entlassen worden. Das waren deutliche Zeichen dafür, ein Warnschuss. Man hört, dass Rafsandschani hinter den Kulissen sehr aktiv ist, dass er in Khom war. Zu welcher Seite, was er dann letztendlich machen wird, ist nicht klar. Er steht offenbar sehr unter Druck. Wie er nun reagiert, reagieren wird, ob er überhaupt reagieren wird, das ist völlig offen.
Engels: Rafsandschani ist der Vorsitzende des Expertenrats, und das ist das einzige Gremium, das zumindest theoretisch den religiösen Führer Khamenei stürzen könnte. Wagen Sie eine Prognose, ob es je in diese Richtung gehen kann?
Kermani: Nein, ich wage keine Prognose. Rafsandschanis Schweigen erzählt sehr viel. Das zeigt, dass er nicht einverstanden ist - das war ja auch vorher schon anzunehmen -, aber es zeigt eben nicht, ob er wirklich bereit ist, den offenen Kampf zu führen. Man kann im Augenblick überhaupt nichts ausschließen. Weder kann man ausschließen, dass die Proteste sehr bald wirklich erlöschen, noch kann man einen Umsturz ausschließen. Was man sagen kann ist, dass die Islamische Republik sich nicht mehr auf die Geistlichkeit stützt, sondern auf das Militär. Khamenei hat sich entschieden, hat sich abgewandt von der Unterstützung der eigenen Geistlichkeit. Faktisch ist die Islamische Republik weniger eine Theokratie, was sie war, sondern faktisch ist sie eine Militärdiktatur geworden.
Engels: Wer wären dann mögliche Führer aus dieser Militärdiktatur?
Kermani: Khamenei selbst hat das ja offenbar im Griff. Er hat mit seiner Rede am Freitag klar gemacht, dass Ahmadinedschad nicht mehr ist als ein Sprecher seiner Macht, und er hat offenbar einiges vor. Es gab schon vor einigen Monaten Säuberungen innerhalb der Revolutionsgarde. Ein General ist bei einem merkwürdigen Flugzeugabsturz umgekommen. Also da wurde offenbar schon frühzeitig dieses Feld bestellt, damit etwaige Gegenstimmen aus dem Sicherheitsapparat ausgeschaltet werden, und es scheint so zu sein, dass er den Sicherheitsapparat - das betrifft die Revolutionsgarden, den Geheimdienst, die Milizen - im Griff zu haben scheint.
Engels: Herr Kermani, schauen wir noch kurz auf die Person des umstrittenen Präsidenten Ahmadinedschad. Es wird ja gemeinhin immer gesagt, dass gerade in der Landbevölkerung die Unterstützung für ihn nach wie vor da sei, nur in den Städten sei es eben anders. Vor einigen Monaten waren Sie im Iran, dort waren Sie eben auch auf dem Land. Wie waren Ihre Eindrücke dort?
Kermani: Dieses Klischee ist wirklich völliger Quatsch, weil bei den letzten Wahlen haben gerade auf dem Land die Reformer immer gewonnen. Es gibt ganze Landstriche, die sind überhaupt nicht sehr religiös, Luristan zum Beispiel. Da ist eine eher lockere Bindung zum Islam. In Kurdistan und Aserbaidschan hat Ahmadinedschad ohnehin nicht viele Chancen gehabt. Er hat sein großes Wähler-Reservoire, was er durchaus hatte, vor allem in dem städtischen Kleinbürgertum, unter den armen Leuten, Kleinbürgern, etwa in Süd-Teheran. Da gibt es wirklich Straßenzüge, die komplett für Ahmadinedschad gestimmt haben. Es gibt einen harten Kern, der nicht sehr klein ist, von einigen Millionen, vielleicht fünf, sechs Millionen, vielleicht sogar zehn Millionen im Land, die wirklich zum System stehen und immer noch es verteidigen, die zu den Freitagsgebeten auch gehen und die Bilder ignorieren oder der Propaganda des Staatsfernsehens glauben.
Aber viele der Wähler Ahmadinedschads, der normalen Leute, die gar nicht jetzt radikal sind, sondern denen Ahmadinedschad einfach imponiert hat, die vielleicht beim letzten Mal sogar für Reformkandidaten gestimmt haben, die aber jetzt einfach dachten, Ahmadinedschad ist jemand, der gegen das Establishment kämpft. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die in Teheran sind, die die Bilder selbst gesehen haben, weil sie einfach auf der Straße zu sehen waren, und die sich jetzt doch voller Schrecken abwenden.
Engels: Navid Kermani, Schriftsteller und Publizist. Er ist gerade zurück aus dem Iran und seine Erfahrungen können sie auch ausführlich nachlesen, ab morgen in der Wochenzeitung "Die Zeit". Herr Kermani, ich bedanke mich für das Gespräch.
Kermani: Bitte schön!
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