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21.01.2008
Am 21. Januar 1908 öffnete sich der Vorhang zum ersten Mal für das Stück "Die Gespenstersonate". (Bild: Stock.XCHNG) Am 21. Januar 1908 öffnete sich der Vorhang zum ersten Mal für das Stück "Die Gespenstersonate". (Bild: Stock.XCHNG)

Bizarr, befremdlich, absurd

Vor 100 Jahren wurde August Strindbergs "Gespenstersonate" in Stockholm uraufgeführt

Von Renate Hellwig-Unruh

Es gehört zum Kanon der 100 wichtigsten literarischen Werke, und Fachleute sehen in ihm den Ursprung der modernen Dramatik: Das Kammerspiel "Die Gespenstersonate" von August Strindberg ist ein symbolistisches Stück, das zwischen Fiktion und Realität, Traumbildern und absurden Situationen oszilliert. Bei der Uraufführung vor 100 Jahren fiel das heute gelobte Werk beim Publikum allerdings durch.

"Sie sehen aus wie Gespenster. Und so halten sie es schon seit 20 Jahren. Immer dieselben Menschen, die immer dasselbe sagen oder schweigen, um sich nicht schämen zu müssen",

erzählt ein Diener dem anderen - auf der Bühne. Doch nichts ist, wie es scheint in August Strindbergs Kammerspiel Gespenstersonate. Jeder entlarvt jeden. In einem alten Haus versammeln sich geisterhafte, untote Gestalten zu einem Essen: der Alte, Direktor Hummel, im Rollstuhl, einer der über andere richten will, sich aber dann selber als Gauner entpuppt, die alte Hausherrin, die als Mumie in einem Schrank lebt, deren Gatte, der Oberst, der weder Oberst noch adlig ist, sondern auch nur ein Verbrecher, die Tochter, die eigentlich die Tochter des Alten ist, ein armer Student der in Liebe zur Tochter entflammt. Am Schluss haben auch die jungen Leute keine Chance auf ein anderes, wahres Leben: Die Tochter stirbt, der Student bleibt alleine zurück.

"Wenn man zu lange schweigt, so ist es, als ob Wasser zu lange stillsteht und fault. So ist es auch in diesem Haus, auch hier fault etwas. Und ich habe geglaubt, es sei das Paradies. Ich sah einen Oberst, der kein Oberst war; ich hatte einen Wohltäter, der war ein Räuber und musste sich erhängen; ich sah eine Mumie die keine war und eine Jungfrau, apropos, wo gibt es Jungfräulichkeit? Wo gibt es Schönheit? Wo gibt es Ehre und Treue? Wo finde ich etwas, was das hält, was es versprochen hat? In meiner Fantasie?"

Am 21. Januar 1908 findet die Uraufführung der Gespenstersonate im Intima Theatern in Stockholm statt, einem kleinen Kammertheater, das August Strindberg zusammen mit dem jungen Schauspieler August Falck nur wenige Monate vorher eröffnet hatte. Doch die Aufführung wird ein Flop. Zu düster und hoffnungslos wirkt das Stück, zu bizarr und befremdlich die Protagonisten. Es gibt keine Guten und keine Bösen. Die Übergänge zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen konkreten und absurden Elementen, zwischen realen und irrealen Bildern sind fließend. Und auch hier, wie in vielen seiner Werke, vermischt Strindberg Autobiografisches mit Fiktivem.

"Nun bitte ich Sie, lesen Sie meine neuen Dramen nur als Dramen, sie sind wie gewöhnlich nur ein Mosaik, zusammengestellt aus dem Leben anderer und aus dem eigenen, doch betrachteten Sie sie nicht als Selbstbiografie oder als Bekenntnisse. Was nicht mit den Tatsachen übereinstimmt, ist hinzugedichtet, nicht gelogen",

schreibt August Strindberg im März 1907 an Emil Schering, seinen unermüdlichen Fürsprecher und Übersetzer. Nach drei gescheiterten Ehen, starken Depressionen, Wahnvorstellungen und einer längeren Schaffenspause hat sich der Dichter erneut dem Drama zugewandt.

Rasch hintereinander, meist in nur wenigen Tagen, schreibt er einige Kammerspiele, darunter die Gespenstersonate, neben Fräulein Julie eines seiner bedeutendsten Werke. Strindberg, ein leidenschaftlicher Beethoven-Anhänger, der in seinem Haus regelmäßig musikalische Soiréen veranstaltet, hat dabei die Idee der Kammermusik, speziell der Sonatenform, auf das Drama übertragen und seiner literarischen "Sonate" sogar eine Opuszahl hinzugefügt. Strindberg:

"Wir wollten sie so nennen nach Beethovens Gespenstersonate und dem Gespenstertrio, also nicht Spuk-Sonate."

Die Gespenstersonate, ein Alterswerk, bleibt Strindbergs unheimlichste, absurdeste Dichtung, Symbol für eine sich auflösende, in Verwesung befindliche Gesellschaft. Vier Jahre nach der Uraufführung stirbt der Dichter im Alter von 63 Jahren in Stockholm an Magenkrebs. Erst Max Reinhardt verhilft dem Stück 1916 durch seine spektakuläre Berliner Inszenierung zum verdienten Erfolg. Zu dem Zeitpunkt ist August Strindberg allerdings bereits vier Jahre tot.

"Wo finde ich etwas, was das hält, was es versprochen hat? In meiner Fantasie?"


 
 

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