Der Marwa-Prozess ist ein Beispiel dafür, wie Deutschland mit Fremdenfeindlichkeit umgehen sollte: gründlich aufklären und angemessen bestrafen. Mit dem heutigen Urteil wurde eine Unsicherheit wieder gerade gerückt, die nach dem Mord im Gerichtssaal manche muslimische Frau in Deutschland beschlichen haben könnte: Lohnt es sich wirklich, sich zu wehren?
Hätte Marwa das Ganze nicht besser auf sich beruhen lassen? Nein. Die Nachbarn, die die Polizei gerufen haben, weil Alex W. die Ägypterin beleidigt und beschimpft hat, haben richtig gehandelt. Wer in Deutschland eine Muslimin beschimpft, muss bestraft werden, und wer einen kaltblütigen und heimtückischen Mord begeht sowieso. "Wir haben großes Vertrauen in die deutsche Justiz" haben viele Ägypter in den letzten zwei Wochen gesagt. Das heutige Urteil gibt ihnen recht.
Trotzdem bleibt eine Frage unbeantwortet, die Marwa el-Sherbinis Mann wieder und wieder gestellt hat: Wie konnte der Mord passieren? Es habe keine Anzeichen von Gefährdung gegeben, sagt der damalige Richter. Aber stimmt das? Schließlich hat Alex W. bei seiner ersten Vernehmung ausgesagt: "Wenn ich Waffen oder Sprengstoff gehabt hätte, hätte ich die mit hierher gebracht". Und nach dem ersten Verfahren schrieb er in einem Brief an das Amtsgericht Dresden: Alle Anhänger des Islam seien "Islamisten". Und wenn diese "Feinde" in seine private Sphäre eindringen wollten, werde er schnell nervös. Eindeutige Drohungen, die im zweiten Verfahren mindestens eine Kontrolle des Angeklagten und die Anwesenheit eines Polizisten gerechtfertigt hätten.
Im Mordprozess dann wollte man alles richtig machen: Mit einer 50.000 Euro teuren Panzerglasscheibe, 200 Polizisten und peniblen Personen-Kontrollen. Auslöser dieser Maßnahmen war eine Gefährdungsanalyse des Landeskriminalamtes Sachsen. Sie verweist auf ein Video im Internet, in dem ein muslimischer Scheich zum Mord an Alex W. aufruft. Nur: Die Botschaft ist für normale Internetnutzer gar nicht zu finden. Und der ägyptische Scheich "ein unbedeutender Fanatiker", das sagen die hiesigen Experten. Hat es vielleicht doch eine Rolle gespielt, dass hinter der Panzerglasscheibe ein Deutscher saß, und davor Muslime, also eben jene Leute, die Alex W. als "Verrückte und Terroristen" beschimpft hat? Nur, sie regierten gar nicht verrückt. Weder in Kairo noch in Islamabad hat während des Prozessverlaufs jemand nach Rache oder Selbstjustiz gerufen. Der Einzige, der den Angeklagten in diesen zwei Wochen bedroht hat, war er selbst, als er mit dem Kopf gegen seine Zellenwand rannte.
Warum also wird hier ein Täter mit Panzerglas abgeschirmt, der vier Monate vorher dasselbe Gerichtsgebäude mit einem nachgeschliffenen Küchenmesser betreten konnte? Gefahr kann von allen Seiten ausgehen. Doch wer sich in Deutschland negativ über Minarette oder Kopftücher äußert, muss damit rechnen, dass eines Tages auf diese Worte Taten folgen.
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