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23.12.2009
Ein Mann sucht in einem Mülleimer an der Königsallee in Düsseldorf nach etwas Verwertbarem. (Bild: AP) Ein Mann sucht in einem Mülleimer an der Königsallee in Düsseldorf nach etwas Verwertbarem. (Bild: AP)

Armut frisst Mittelstand

An Weihnachten haben eine Million Deutsche nichts zu feiern

Von Christoph Gehring, Landeskorrespondent NRW

Es ist wieder die Zeit angebrochen, mehr Geschenke auszupacken, als man eigentlich wertschätzen kann, mehr zu essen, als dem Cholesterinspiegel gut tut, und mehr zu trinken, als die Leber verträgt. Eine Million Menschen in unserem Land können das nicht - sie sind zu arm.

Einmal werden wir noch wach - und dann ist wieder die Zeit angebrochen, mehr Geschenke auszupacken, als man eigentlich wertschätzen kann, mehr zu essen, als dem Cholesterinspiegel gut tut, und mehr zu trinken, als die Leber verträgt. So ist Weihnachten im wohlhabenden Westen, so stellt man sich das jedenfalls vor, wenn der Hauptverband des deutschen Einzelhandels einen Umsatz von 73 Milliarden Euro im Weihnachtsgeschäft 2009 vermeldet. Nur können sich in diesem Land immer weniger Menschen an dem Konsumweihnachten, wie wir es kennen, beteiligen. Beim Shoppen in den viele Tausend Watt hell beleuchteten Fußgängerzonen, beim Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt ist die Versuchung groß, die hässliche Seite Deutschlands einfach mal zu vergessen - die Armut, die sich versteckt.

Die Rede ist nicht von verwahrlosenden Schweralkoholikern, nicht von randständigen Problemfamilien ohne Ausbildung und ohne Aussicht auf ein eigenes Einkommen. Nein, es geht um diejenigen, die Arbeit haben und trotzdem arm sind. Die rackern und ackern und dennoch keine Perspektive haben auf ein Leben in finanzieller Sicherheit. Das sind diejenigen, die sich verstecken, die möglichst nicht zeigen wollen, wie schlecht es einem trotz eines Arbeitsplatzes in Deutschland gehen kann. Es ist der normale Mittelstand, dessen Rand nach unten ausfranst, in den sich die Armut langsam, schleichend, aber scheinbar unaufhaltsam hineinfrisst. Wenn die Familienfinanzen den Bach runtergehen, gilt es den Schein der Normalität zu wahren. Arbeiter, einfache Angestellte, die alleinerziehende Krankenschwester mit der Halbtagsstelle in der Klinik, der Feuerwehrmann und die junge Polizistin - sie leisten viel für diese Gesellschaft, sie halten sie zusammen und doch haben sie es immer schwerer über die Runden zu kommen, weil die Entwicklung der unteren Mittelschichtseinkommen schon lange nicht mehr Schritt halten kann mit dem, was das Leben kostet. Erst werden die Rücklagen aufgezehrt, dann fehlt das Geld, um die Kinder auf Klassenfahrt zu schicken. Der Urlaub fällt aus, ins Kino sind diese Familien schon lange nicht mehr gegangen und zum Mittagessen gibt es viermal in der Woche Nudeln.

Und Weihnachten? Weihnachten ist in diesen Familien die Zeit der enttäuschten Kinderwünsche, des Frusts bei den Eltern und der Frage: Was läuft hier falsch? Nun, einiges: Wenn beispielsweise Menschen, die von den Zinsen eines ererbten Vermögens leben, faktisch keine Steuern bezahlen, ist das - falsch. Wenn Selbstständige sich aus allen solidarischen Sozialversicherungssystemen verabschieden dürfen, ist das - falsch. Und wenn immer weniger sozialversicherungs- und lohnsteuerpflichtige Beschäftigte aus der Mittelschicht den ganzen Laden zusammenhalten müssen, dann ist das erst recht - völlig falsch.

Bevor Sie sich morgen über die Weihnachtsgans aus Freilandhaltung hermachen, denken Sie mal kurz daran: Mehr als eine Million Menschen in Deutschland sind inzwischen darauf angewiesen, kostenlose Lebensmittel bei den sogenannten Tafeln abzuholen, wenn sie sich und ihre Kinder halbwegs anständig ernähren wollen. Das ist Armut. Und es ist armselig, dass ein Land wie Deutschland solches zulässt.




 
 

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