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12.03.2010
In Bonn protestieren rund 3000 Studenten und Schüler für eine bessere Bildungspolitik. (Bild: AP) In Bonn protestieren rund 3000 Studenten und Schüler für eine bessere Bildungspolitik. (Bild: AP)

Zehn Jahre Bologna

Schlingerkurs statt Reform

Von Jacqueline Boysen, Hauptstadtstudio

Vor zehn Jahren sah die Welt noch anders aus: Optimistisch starteten Bildungspolitiker in eine Reform, an deren Ende ein internationales, einheitliches Hochschulsystem stehen sollte. Praktische, vernünftige Ziele verfolgten die Reformer damals:

Bildungsgänge sollten innerhalb des Bologna-Raumes angeglichen, der Wechsel von einem Staat zum anderen erleichtert und die Anerkennung von Studienleistungen in den unterschiedlichen Ländern garantiert werden. Das sind einleuchtende Ziele, aber solche, die von der Verwaltung her gedacht sind. Doch eine grundsätzliche Erneuerung des europäischen Geisteslebens hatte man in Bologna nicht vereinbart. Denn intellektuell war die Reform nicht unterfüttert. Hochschulbildung aber definiert sich nicht als Herausforderung an Kultusbürokratien, sondern über ein der jeweiligen Zeitströmung entspringendes Ideal. Bologna war in diesem Sinne leider geistlos. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Reform nicht trägt und von vielen, die von ihr profitieren sollten, nicht nur skeptisch betrachtet, sondern vehement abgelehnt wird: Studenten, Universitätsmitarbeiter, Professoren, aber auch jene, die Akademiker einstellen wollen.

Zum einen haben die beteiligten Länder viele ihrer Versprechen von damals nicht eingelöst. Wer grenzüberschreitende Studien treiben will, muss weiterhin hohe Hürden nehmen, in Deutschland kommen Studenten selbst bei Sprüngen von einem Bundesland zum nächsten oder gar von Uni zu Uni, von Fach zu Fach ins Straucheln. Zum anderen hat die Reform keine Entrümpelung der Verwaltungsvorgaben gebracht, sondern diese verworrener gestaltet - das kommt davon, dass sie von oben diktiert und nicht aus den Hochschulen heraus selbst entwickelt wurde.

Jetzt, nachdem fast zwei Studentengenerationen an den angeblich reformierten Hochschulen in 46 Ländern Abschlüsse gemacht haben, wird notdürftig geflickt, was offenkundig als Manko erscheint: Es sind vordergründige Defizite, die eilig aufgenommen werden, um die vermeintliche "Studierbarkeit" von Bachelor- und Masterstudiengängen zu verbessern. Doch es sind mechanische Veränderungen, keine, die das verbürokratisierte Hochschulwesen anregen, die Kreativität oder Forschergeist wecken und das Bildungsniveau anheben. Und leider auch keine, die der chronischen Unterfinanzierung abhelfen würden.

In Deutschland wissen zu viele Menschen zu wenig, und zu wenig Wissende verschreiben sich der Lehre. Ob das mit dem Ausbildungsziel Kompetenzerwerb, der seit Bologna und PISA kultiviert und dem Wissensbegriff übergeordnet ist, endlich behoben wird, bleibt ist fraglich. Und darauf geben die Kultusminister auf den Feierstunden in Wien und Budapest leider auch keine Antwort. Immerhin aber haben die letzten zehn Jahre Bologna uns gelehrt, Schwächen und eklatante Mängel im Bildungssystem lautstark anzuprangern.


 
 

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