Letzten Sonntag war es genau ein Jahr her, dass Horst Köhler von der Bundesversammlung als Bundespräsident wiedergewählt wurde. Dass der Bundespräsident damals souverän wiedergewählt wurde, obwohl die SPD eine eigene Kandidatin aufgestellt hatte, verschaffte ihm eine gute Presse und anerkennenden Zuspruch. Aber schon 2009 unterstützte die Bundeskanzlerin Horst Köhler weniger aus Begeisterung, als mit dem Blick auf ihre eigenen Chancen für die Bundestagswahl. Zweifel an Köhler, ob er wirklich der richtige Mann für das Amt ist, gab es auch damals im eigenen Lager schon.
Ein Jahr danach verspielt der Bundespräsident weiter an Ansehen in der politischen Klasse. Erst war von Horst Köhler monatelang nichts zu hören. Das Schweigen wurde so laut, dass der Boulevard fragte: Was macht eigentlich Super-Horst? Dann wurde bekannt, dass mehrere wichtige enge Mitarbeiter - offenbar frustiert - das Bundespräsidialamt verlassen. Im Schloss Bellevue soll ein Machtkampf toben. Und jetzt suggerierte er mit einem Interview im Deutschlandradio, wir sollten den Krieg in Afghanistan auch vor dem Hintergrund von Handelsinteressen und Arbeitsplätzen in Deutschland sehen.
Was hat den Bundespräsidenten bloß zu dieser Äußerung geritten? Werden wir seit neun Jahren hinters Licht geführt? Es geht gar nicht nur um unsere Sicherheit, die am Hindukusch verteidigt werden muss? Unsere Soldaten riskieren ihr Leben, bombardieren Tankkonvois mit bis zu 140 Toten weniger zur Absicherung des Wiederaufbaus, sondern um an Kupfer und Eisenerz heranzukommen? Die Bundeswehr verteidigt in Wahrheit lebenswichtige Handelswege für die Exportnation Deutschland?
Die Erklärung für all diese Fragen lautet, dass der Bundespräsident hier wohl etwas herumschwadroniert hat. Sein Sprecher versucht das heute gerade zu rücken, die Verteidigung der Handelswege sei nicht das Motiv für den Afghanistaneinsatz. Aber das in direktem Kontext mit dem aktuellen Afghanistankrieg noch auf dem Rückflug mal eben in den Raum zu stellen, war naiv - und geeignet, die Bundeswehr in ein schlechtes Licht zu stellen, obwohl Köhler die Truppe doch gerade unterstützen will.
Um das noch einmal klarzustellen: Auch wir werden - zu einem anderem Anlass als Afghanistan - über nationale, vielleicht auch ökonomische Interessen debattieren müssen, die eine Kriegsbeteiligung rechtfertigen und mitbegründen können oder eben nicht. Noch ist das ein Tabu in Deutschland. Immer aber nur die Bundeswehr als Hüter der Menschenrechte zu verkaufen, wird auf Dauer schwierig und auch nicht glaubwürdig bleiben. In den USA, Großbritannien oder Frankreich wird schon lange tabufrei über nationale Interessen und militärische Einsätze geredet.
Der entscheidende Fehler Köhlers war, diese Debatte zur falschen Zeit und am falschen Ort angestoßen zu haben. Jetzt raufen sich selbst wohlmeinende Parteifreunde die Haare. Das Staatsoberhaupt hat wieder gezeigt, dass er eher ein unpolitischer Bundespräsident ist - und dass er damit nicht immer dient, sondern auch schadet .
Es folgt das komplette Original-Interview, wie es Christopher Ricke auf dem Rückflug mit dem Bundespräsidenten geführt hat. Kürzere Fassungen davon wurden am 22. Mai 2010 im Deutschlandfunkund Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt.
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