Das Ausmaß der Flutkatastrophe in Pakistan übersteigt bei Weitem das des Tsunami 2004 in Südostasien. Damals starben über 230.000 Menschen. Pakistan beklagt bislang etwa 1800 Tote, doch dürfen diese nicht der Maßstab sein.
Fast ein Viertel Pakistans versinkt dieser Tage in den Fluten, 14 Millionen Menschen sind betroffen. Trinkwasser, Essen, Kleidung. Es fehlt buchstäblich an Allem. Die Menschen sind auf der Flucht. Sie brauchen Hilfe, jetzt! Bleibt diese aus, kommt es zwangsläufig zu einer zweiten Welle von Toten - ausgelöst durch Krankheit und Hunger. Hunderttausende könnten ihr Leben verlieren - das gilt es zu verhindern!
Viel zu oft wiederholt sich der übliche Reflex in Redaktionen und Wohnzimmern: je höher die Opferzahl, desto größer die Katastrophe und damit auch die Spendenbereitschaft. 500 Millionen Dollar sind jetzt nötig, mindestens. So schätzen es Katastrophenhelfer. Doch die Spenden fließen nicht: 140.000 Euro hat "Aktion Deutschland Hilft" bis jetzt eingenommen, nach dem Erdbeben in Haiti waren es im gleichen Zeitraum über acht Millionen.
Es fehlt an Sympathie für Pakistan, an persönlichem Bezug, an Betroffenheit. Nur diese lässt uns großzügig spenden. Wir alle haben noch die Handyvideos unserer Landsleute vor Augen: Mit tosender Gewalt zerstört ein Tsunami die Touristenhotels von Phuket. Menschen sterben - das hätten wir sein könnnen; oder unsere Nachbarn. Auch das Erdbeben von Haiti hat uns berührt: diese scheinbar so unschuldige Republik früherer Sklaven - dem Erdboden gleichgemacht.
Doch in Pakistan funktioniert sie nicht, die Mitleidsmaschinerie von Medien und Hilfsorganisationen. Aber gerade jene "vergessenen" Katastrophen sind es, die unsere Aufmerksamkeit so nötig haben. Wir verbinden kaum positive Gefühle mit Pakistan. Wir denken an Terror und Krieg, an Gewalt und Taliban. Das kann gefährlich sein!
Die Regierung in Islamabad hat offensichtlich die Lage unterschätzt. Wäre sonst Präsident Zardari nach Beginn der Katastrophe zu politischen Gesprächen nach London aufgebrochen? So öffnen sich Tür und Tor für die radikalislamischen Taliban. Denn sie sind es, die sich jetzt als Helden aufspielen - als Retter in der Not. Sie sind es, die bereitwillig in die Lücke springen, die Regierung und internationale Gemeinschaft ihnen geradezu anbieten. So kann eine Naturkatastrophe in nur wenigen Tagen all das zerstören, was über Jahre gemeinsam politisch und militärisch angestrebt wurde: das Zurückdrängen der Radikalen im Kampf gegen den Terror.
Wir erinnern uns an die blutigen Kämpfe um das Swat-Tal nördlich der Hauptstadt, ohne Rücksicht auf Zivilisten. Sollen sich diese Bilder nicht wiederholen, dann bedarf es einer handlungsfähigen Regierung und der tat- wie finanzkräftigen Hilfe aus dem Ausland. Meinen wir es ernst mit dem Frieden in Afghanistan und Pakistan, dann müssen wir helfen. Und zwar jetzt.
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