Vertreter der katholischen Kirche äußern sich zufrieden über die neuen Leitlinien im Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, nennt sie ein klares Signal gegen Vertuschung und Verschleierung.
Ja, es ist gut, dass der Begriff des sexuellen Missbrauchs erweitert wurde und nun auch Grenzüberschreitungen unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit umfasst. Gut, dass es jetzt die Pflicht zur Anzeige gibt, die nur in wenigen Fällen auf ausdrücklichen Wunsch des Opfers durchbrochen werden kann.
Gut auch, dass nichtkirchliche Institutionen explizit bei der Beratung der Bistümer und der Hilfestellung für die Opfer einbezogen werden.
Ebenfalls gut, dass der Anwendungsbereich der Leitlinien erweitert wurde und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst umfasst. Und die Liste der guten Punkte ließe sich noch fortsetzen.
Nicht zu bestreiten also, dass die Leitlinien einen wichtigen Schritt darstellen. Auch einen sehr Notwendigen. Denn selbst wenn, wie der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sagt, kirchliche Mitarbeiter nur für 0,1 Prozent der Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern verantwortlich sind - die Kirche steht doch gleich doppelt in der Verantwortung: als Institution, der Kinder anvertraut sind, und die - anders als Familien, in denen immer noch der meiste Missbrauch geschieht - Kontrollmechanismen haben kann und muss. Und noch mehr als Institution, die Liebe, Moral und Verantwortung predigt und daher mit dem allerbesten Beispiel voran gehen sollte.
Dass der Opfervertreter Norbert Denef, selbst als Kind von einem Priester und einem kirchlichen Mitarbeiter missbraucht, von der Pressekonferenz des Beauftragten Bischof Ackermann in Trier ausgeschlossen wurde, ist kein gutes Zeichen. Auch wenn Denef sich als Störer von Veranstaltungen bereits beim Ökumenischen Kirchentag in München einen Namen gemacht hat. Wie wird die Kirche in Zukunft mit unbequemen Opfern umgehen? Wie deren verständlichem Ruf nach besserer Aufarbeitung, nach Entschädigung, nach Prävention gerecht werden?
Stichwort Aufarbeitung: Werden die kirchlichen Mitarbeiter, die als Beauftragte eingesetzt werden sollen, wirklich die nötige Offenheit und Unabhängigkeit an den Tag legen? Wird beim Umgang mit den Tätern der Opferschutz wirklich immer vor dem Korpsgeist gegenüber einem angeblich "verdienten Mitarbeiter" stehen?
Stichwort Entschädigung: Dazu haben sich die Bischöfe nicht geäußert; hier soll dem runden Tisch nicht vorgegriffen werden, heißt es - auch wenn die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, sagt, man müsse auf niemanden warten.
Stichwort Prävention: Bischof Ackermann will bis zur Herbstvollversammlung der Bischöfe Ende September hierzu noch eine Rahmenordnung vorlegen. Man darf gespannt sein, ob dabei mehr herauskommt als das jetzt verlangte erweiterte polizeiliche Führungszeugnis für Personen, die in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden.
Richtig verstandene Prävention muss viel früher ansetzen. Auch die jetzt verankerte "offene Auseinandersetzung mit Fragen der Sexualität" in der Aus- und Fortbildung wird da nicht weit genug gehen.
Denn die Kirche - nebenbei gesagt ist da die katholische nur Extrem- nicht aber Einzelfall - tut sich im Umgang mit Autorität und Sexualität immer noch schwer. Lehre von der Jungfrauengeburt, Verweigerung der Frauenordination, verknöchertes Amtsverständnis und Pflichtzölibat sind nur die stärksten Symptome.
Diese Leitlinien sind wie Leitplanken auf einer kleinen Gebirgsstraße, die sich den steilen Berg hinab windet. In den gefährlich engen Kurven sind schon viel zu viele Autos in den Abgrund gestürzt. Gut, dass im Jahr 2002 Leitplanken angebracht wurden. Gut, dass sie 2010 noch verstärkt wurden. Aber: schlimm, dass sie erst so spät kamen, schlimm, dass solche Leitplanken überhaupt nötig sind und nicht die Fahrer so langsam und bedächtig fahren, dass auch in den gefährlichsten Kurven nichts passieren kann.
Auch wenn sich erst noch zeigen muss, ob die neuen Leitplanken wirklich stabil genug sind, um weitere Unfälle zu verhindern oder wenigstens glimpflicher verlaufen zu lassen - das Straßenbauamt ist stolz auf die neue Einrichtung, zumal auch noch ein Schleudertraining für alle Fahrer eingeführt und Unfallfahrern die Fahrerlaubnis zumindest für diese Strecke entzogen werden soll. Eine Überprüfung der Leitplanken nach Ablauf von drei Jahren ist ebenfalls vereinbart. Aber Unfälle viel grundsätzlicher zu verhindern, also den Verlauf der Straße zu ändern - daran hat niemand wirklich ernsthaft gedacht.
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