Die Lage im Nahen Osten könnte chaotischer nicht sein. Zynisch formuliert: Nach einer mehrwöchigen relativen Ruhe ist die Region wieder zur sogenannten Normalität zurückgekehrt. Hamas begann wieder mit seinen willkürlichen Terroranschlägen gegen unschuldige Israelis. Israel tappte in die von Hamas gestellte Falle: Ministerpräsident Ariel Sharon und sein Sicherheitskabinett entschieden, die komplette Hamas-Führung zu töten - für einen demokratischen Staat ein äußerst fragwürdiger Vorgang.
Bis heute hat Israel fast die Hälfte der Führungselite der Organisation hingerichtet. Das Fass zum Überlaufen brachten jedoch die Mordanschläge auf Hamas-Sprecher Rantissi und den geistigen Inspirator Scheich Achmed Yassin. Hat Israel es wirklich nötig, einen seit seiner Kindheit paralysierten und an den Rollstuhl gefesselten Mann mit einem F16 Kampfjet anzugreifen? Hamas schwur Rache: 15 tote Israelis und unzählige lebensgefährlich Verletzte sind seit gestern zu beklagen.
Auch politisch ist in Palästina die Situation völlig verfahren. Das Konzept der USA und Israels Jassir Arafat für irrelevant zu erklären, ist gescheitert. Mahmoud Abbas wurde als Ministerpräsidenten gegen Arafats Willen durchgesetzt. Ohne seine Unterstützung fehlte ihm aber die politische Legitimität. Von Beginn an musste er sich gegen den Vorwurf der Kollaboration wehren. Daneben behinderte Arafat Abbas, wo er nur konnte. Dieser schmiss vor einigen Tagen Arafat entnervt das Amt vor die Füße und demissionierte. Für das Scheitern von Abbas sind Sharon und Arafat zu gleichen Teilen verantwortlich. Erstere wegen Unnachgiebigkeit, letzterer wegen Intrigantentums.
Arafat ist also wieder im Geschäft. Er zauberte mit dem Sprecher des Legislativrates, Achmed Kurei, einen neuen Ministerpräsident aus dem Hut. Dieser ist zwar ein getreuer Gefolgsmann Arafats, trotzdem eigenständig und überaus honorig. Kurei gehört nicht zu denjenigen, die sich während der letzten zehn Jahre durch Korruption bereichert haben. Er ist kein Schlitzohr wie Arafat, sondern ein harter, fairer und pragmatischer Verhandlungspartner. Dies hat er schon bei den Oslo-Verhandlungen 1993 gezeigt. Mit Shimon Peres hatte er sich von Oktober bis Januar 2002 auf einen Friedensplan geeinigt. Zu den jüdischen Siedlungen sagte er, dass er zwar etwas gegen jüdische Siedler, aber nichts gegen jüdische Bürger in Palästina habe.
Israel und die USA sollten ihn als Partner akzeptieren. Er darf nicht wie Abbas zu Sharons Subunternehmer in Sachen Terrorbekämpfung degradiert werden. Neben Kurei sollte auch Arafat wieder in den Verhandlungsprozess einbezogen werden. Die USA müssen alles tun, damit Israel Arafat nicht deportiert oder sogar töte, was einige Minister in Sharons Kabinett fordern. Um aus der Sackgasse herauszukommen, sollten die USA endlich die Komplexität der palästinensischen Gesellschaft selbst erkunden, als sich durch die ideologisch fixierte Sichtweise Israels manipulieren zu lassen.
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