Horst Seehofer habe es bisher nicht geschafft, die CSU-Aschermittwochsgemeinde zu jenen Jubelchören zu reizen, die Edmund Stoiber sich heute im Vorbeigehen abgeholt habe, meint Michael Watzke. Ein Kommentar zum politischen Aschermittwoch in Bayern.
Oh, wie ist das schön, sangen 5000 CSU-Fans heute in Passau. Gerade hatte Mr. Aschermittwoch Edmund Stoiber seine Rede beendet. Oh wie das schön für Edmund Stoiber - der CSU-Ehrenvorsitzende genoss die minutenlangen Sprechchöre und Edi-Edi-Schlachtrufe sichtlich. Für den aktuellen CSU-Vorsitzenden war die Situation in der Dreiländerhalle nicht ganz so schön. Sie war sogar eher unschön. Denn als Horst Seehofer irgendwann inmitten des Jubelsturms ans Pult treten und "unserem Edmund" danken wollte, da hielt ihn Stoiber zurück. Schließlich sang das Parteivolk immer noch, wie schön es gerade war. Wie schön harmonisch. Im Kehrreim besagten Liedes heißt es aber nicht ganz zufällig: "So was hat man lang nicht mehr gesehen." Aus Sicht der Basis ziemlich genau so lange, wie die CSU Edmund Stoiber gestürzt hat. Sein Nachnachfolger Horst Seehofer hat es bisher nicht geschafft, die Aschermittwochsgemeinde zu jenen Jubelchören zu reizen, die der alte Stoiber sich heute im Vorbeigehen abholte.
Das ist für Horst Seehofer nicht nur schmerzhaft, sondern sogar gefährlich. Die Basis ist nicht zufrieden mit dem Status quo, und in der Parteispitze ist die Stimmung miserabel. Die CSU war schon immer eine Partei, die zur Intriganz neigte. Derzeit tun sich besonders zwei Gräben auf: der eine zwischen der Landesgruppe in Berlin und der Landtagsfraktion in München. Der andere, tiefere, zwischen Europaskeptikern und Europabefürwortern in dieser seltsam gespaltenen Europapartei CSU.
Nun kommt als neueste Bruchlinie in der CSU auch noch der Bundespräsident in spe hinzu: Joachim Gauck. Der bekam heute beim politischen Aschermittwoch einige Buhrufe, als Stoiber ihn erwähnte. Ein norddeutscher Protestant, der in wilder Ehe lebt, provoziert in Bayern Widerspruch. Dabei rief sogar Edmund Stoiber, er könne an Gauck nichts aussetzen. Ein Mann, der gegen den EU-Beitritt der Türkei sei, liege doch voll auf CSU-Linie. Viele Christsoziale sind trotzdem unzufrieden - und kühlen ihr Mütlein an der bayerischen FDP. Die werde für ihren kleinen Berliner Sieg in Bayern bitter bezahlen.
Politik im Freistaat hat etwas Rohes, Archaisches, manchmal fast schon Animalisches. All die Intrigen, Querschüsse und Durchstechereien belegen eine leidenschaftliche Lust der Bayern an krachlederner Anarchie. In der CSU war das schon zu Franz-Josef Strauß Zeiten so. Aber damals blieb es häufiger unter der Decke - nicht, weil es andere Zeiten waren. Sondern weil die Partei wusste, wo Franz-Josef Strauß stand. Das ist heute anders: Horst Seehofer gilt sogar in der CSU als Horst Drehhofer. Man kann sich nicht auf ihn verlassen, klagen viele Parteimitglieder. Deshalb kommt die CSU nicht zur Ruhe. Deshalb beschwor Edmund Stoiber heute in Passau seine Partei: "Denkt an die legendäre Geschlossenheit."
Diese Zeiten sind unter Horst Seehofer vorbei. So was hat man in der CSU lang nicht mehr gesehen. Und wird's so schnell auch nicht mehr sehen. Der Stoibersche Jubelchor in Passau hätte eher singen sollen: Oh, wie war das schön.
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Kommentar: Politischer Aschermittwoch bei der CSU
Sendezeit: 22.02.2012 19:05
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