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15.09.2012
Bettina Wulff, Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. (Bild: picture alliance / dpa) Bettina Wulff, Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. (Bild: picture alliance / dpa)

Im Netz der Gerüchte

Bettina Wulff und Google

Von Joachim Frank, Chefkorrespondent der "Frankfurter Rundschau"

Der Shitstorm ist die Guillotine des 21. Jahrhunderts. Diese Parallele hat Richard David Precht, der philosophische Weltendeuter unseres Saeculums, vor Kurzem gezogen. Precht hat recht. Nie war eine öffentliche Hinrichtung so einfach, dabei so unblutig - und zugleich doch so wirkungsvoll wie heute. Das ist die Lehre aus dem "Fall Bettina Wulff".

Bitter ist sie auch für uns Medienleute. Denn im professionellen Umgang mit Informationen geraten Journalisten offenbar leicht in die Gefahr, sich selbst zu Scharfrichtern aufzuschwingen. Ein Gerücht, eine üble Nachrede - woher auch immer - hat genügt, um der Frau des früheren Bundespräsidenten eine Vergangenheit im Rotlichtmilieu anzuhängen. "Anzudichten", sagt Bettina Wulff jetzt mit aller Vehemenz. Sie bekämpft juristisch, was erst nur im Internet oder in Flüsterrunden von Journalisten kursierte, dann die Schwelle in Tageszeitungen überschritt und von da aus seinen Weg ins Fernsehen fand.

Der Weg der Verbreitung ist wesentlicher Teil des Problems: Presse und Rundfunksender samt ihren Onlineauftritten lassen sich als Transporteure von Informationen identifizieren und dingfest machen. Aber anonyme Schmierer im Netz? Leute, die massenweise Onlinelinks versenden und so den Shitstorm anfachen? Ihrer persönlich habhaft zu werden, ist praktisch unmöglich. Und um die digitale Spur zu tilgen, die all diese Internetnutzer in Suchmaschinen wie Google hinterlassen, müssen sich Rechtsanwälte enorm anstrengen. Das zeigt Bettina Wulffs Versuch, Google die Kombination ihres Namens mit inkriminierenden Suchbegriffen zu untersagen.

Nun ist der Reiz von Gerüchten, besonders der anrüchigen, so alt wie die Menschheit. Auch das gesteigerte Interesse an Prominenten und ihren Sexgeschichten ist lange vor dem Internetzeitalter erwacht. Aber wenn der Soziologe Norbert Elias die abendländische Zivilisation als einen Prozess beschreibt, in dem unser Umgang mit Sexualität durch erhöhte Schambarrieren, durch Tabus und Rationalisierungen sozusagen sozial kanalisiert und eingedämmt worden ist, dann lässt das Internet diese Dämme wieder brechen. Wir sind Zeugen und Akteure einer gewaltigen Entzivilisierung, einer Enthemmung und Entfesselung.

Eingeübte Formen der Kommunikation - zum Beispiel im Postverkehr - sind hinfällig geworden. Es gibt kein Atemholen mehr, kein Überdenken. Niemand zerreißt mehr einen Brief, weil der sich beim zweiten Lesen als unhöflich, ungehobelt oder unverschämt herausgestellt hat. Per E-Mail oder in den sozialen Netzwerken landet alles direkt beim Adressaten.

Doch während damit maximale zeitliche Nähe erreicht ist, wächst der innere Abstand. Ex-Bischöfin Margot Käßmann beklagte sich jüngst darüber, dass ihr in E-Mails, Onlinekommentaren und Blogeinträgen Dinge an den Kopf geworfen würden, die ihr im persönlichen Gespräch kaum jemand so sagen würde. Zumindest kein wohlerzogener, zivilisierter Mensch, der mit Gesicht und Name für seine Worte einsteht. Wo aber Beschimpfungen und Beleidigungen kein Problem sind, da fällt es leicht, Mutmaßungen, Gerüchte und Schmähgeschichten zu verbreiten. Allzu leicht.

Im Umgang mit den Neuen Medien sind wir technisch inzwischen ausgesprochen souverän. Aber inhaltlich? Sorgfalt, Quellenkritik, Qualitätskontrolle - das alles lässt zu wünschen übrig. Darum konnte das Wispern über Bettina Wulffs Vorleben zum Sturm im Netz werden. Zu "harten News" kraft Zirkulation heißer Luft.

Dass sich der "Fall Wulff" nicht so oder so ähnlich wiederholt, ist Illusion. Zwei Aussichten gibt es aber, dass sich die Mechanismen der Kommunikation im Internet ändern. Die eine Perspektive ist eine eher erschöpft-resignative: Je größer die Datenmenge im Internet, desto mehr geht darin unter, was über jeden von uns kursiert. In der Überflutung wird das Detail belangloser und unbedeutender.

Die zweite Perspektive ist eine emanzipatorische: Die Internetnutzer besinnen sich auf traditionelle Standards des Umgangs mit Texten. Sie erinnern sich daran, dass einst das Brockhauslexikon auch inhaltlich schwerer wog als ein x-beliebiges Flugblatt. Welcher Quelle kann ich trauen? Welche Texte im Netz sind sozusagen "ledergebunden"? Für Antworten darauf braucht es Qualitätsmedien. Und professionelle, seriöse Journalisten, die bei ihrer Arbeit überall anzutreffen sind - nur nicht hinten am Seilzug der Guillotine.


 
 

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