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24.10.2012
Jürgen König bezweifelt, dass hinter dem Zustandekommen des Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin ein genereller Bewusstseinswandel steckt (Bild: dpa / picture alliance / Michael Kappeler) Jürgen König bezweifelt, dass hinter dem Zustandekommen des Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin ein genereller Bewusstseinswandel steckt (Bild: dpa / picture alliance / Michael Kappeler)

Prüfstein für die Regierenden

Holocaust-Denkmal für Sinti und Roma ändert nichts an Vorurteilen und Diskriminierung

Von Jürgen König, Hauptstadtstudio

1980 trat eine Gruppe Sinti und Roma in den Hungerstreik, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Nationalsozialisten noch einen weiteren Völkermord begangen hätten, der in der Bundesrepublik verschwiegen werde. Zwei Jahre später erkannte Bundeskanzler Schmidt diesen Völkermord ausdrücklich als solchen an - ohne dass das Thema jedoch ernsthaft in den Mittelpunkt deutscher Debatten gerückt wäre.

Ob sich das jetzt ändert? Immerhin: Was keiner der Hungerstreikenden von 1980 sich auch nur im Traum hätte vorstellen können, trat ein: An prominentem Ort, zwischen Brandenburger Tor und Reichstag, mitten in Berlin gibt es jetzt ein "Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas". Das kommt einem Wunder gleich, und für das Wunder sorgten Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma und Kulturstaatsminister Bernd Neumann.

Der eine war der Initiator, der das Projekt unermüdlich immer und immer wieder aufs Neue belebte, der andere wusste als besonnener Diplomat zu vermitteln: zwischen den verstrittenen Opferverbänden, zwischen dem Künstler Dani Karavan und der Bauverwaltung des Berliner Senats, deren Zerwürfnisse - wegen immer wieder neuer Ideen des Künstlers und der überaus anspruchsvollen Technik seines Denkmals - mehrmals das Scheitern des Unternehmens wahrscheinlicher machten als sein Gelingen.

Damit sollen Dani Karavans Verdienste nicht geschmälert werden: Sein jetzt verwirklichter Entwurf ist ein wunderbarer, stiller Gedenkort geworden, unpathetisch, von feierlichem Ernst. Wie wichtig es für die Überlebenden und ihre Angehörigen ist, dass ihr Leid, das Leid ihrer Familien über sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges endlich sichtbar anerkannt wird, wurde bei der Einweihung wieder und wieder angesprochen, und Dani Karavans Gedenkort wurde den großen Erwartungen gerecht.

So weit, so gut. Der von Deutschen getöteten Sinti und Roma wird nun gedacht. Auch der in Deutschland lebenden Sinti und Roma? Dass hinter dem Zustandekommen des Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma ein wirklicher, von der Mehrheitsgesellschaft getragener Bewusstseinswandel steckt, muss leider bezweifelt werden.

Die Vorurteile gegenüber den Sinti und Roma sitzen tief in den Köpfen der Deutschen, Ausgrenzung findet statt: Das gab auch die Bundeskanzlerin zu. Der gewaltbereite Rassismus gegen Sinti und Roma nimmt zu und findet Rückhalt nicht nur bei den Rechtsextremen, sondern längst auch in der Mitte unserer Gesellschaft.

Dagegen müsste vorgegangen werden, doch sind derlei Aktivitäten nicht zu erkennen. Auch dass Asylbewerber der Sinti und Roma konsequent abgeschoben werden, obwohl sie in Ungarn oder Rumänien oder Bulgarien diskriminiert, verfolgt werden: Es geht nicht zusammen mit Ansprachen, in denen feierlich der "Minderheitenschutz" und "eine neue Erinnerungskultur" und das "Denkmal als Herausforderung" proklamiert wird. Ein "Prüfstein" für die Regierenden sei das Denkmal, sagte Romani Rose. Er hat Recht.


 
 

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