Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Wadowice mit einem Gemälde seines Amtsvorgängers Johannes Paul II. (Bild: AP)
Dass Benedikt XVI. eines Tages zurücktreten würde, konnte jeder wissen, der sich mit seinem Denken und Schreiben auseinandergesetzt hat. "Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt, dass er physisch, psychisch und geistig den Auftrag seines Amtes nicht mehr bewältigen kann", diktierte er vor wenigen Jahren dem Publizisten Peter Seewald, "dann hat er ein Recht und unter Umständen auch die Pflicht, zurückzutreten".
Von diesem Recht hat Benedikt XVI. heute Gebrauch gemacht. Ein Paukenschlag, mit dem der Professor auf dem Stuhle Petri die katholische Weltgemeinschaft von einer Sekunde auf die andere in einen Ausnahmezustand versetzt hat. Natürlich kennt die Kirchengeschichte einen Vorgängerpapst, der ebenso gehandelt hat. Aber die Zeitspanne von rund 720 Jahren allein, die seit dem Amtsverzicht Cölestins vergangen sind, weist schon darauf hin, dass der Amtsverzicht Benedikts XVI. eben doch ohne jegliches Vorbild ist.
Von Benedikts Vorgängern Papst Paul VI. und Johannes Paul II. ist bekannt, dass sie Verzichtserklärungen für den Fall gefertigt hatten, dass sie geistig nicht mehr in der Lage wären, die katholische Weltkirche noch zu leiten. Doch zum Einsatz kamen sie nicht. Dabei ist es gerade das Schicksal Johannes Paul II., das Benedikt zu seinem jetzigen Schritt entscheidend motiviert haben dürfte. Als engster Vertrauter des polnischen Papstes erlebte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger das Leiden und Sterben Johannes Paul II. aus nächster Nähe mit. Ratzinger kennt die Zeiten im Vatikan allzu gut, in denen nicht mehr der Papst selbst Entscheidungen fällt, sondern dessen Umfeld. Ein solches Machtvakuum wie zuletzt in den Jahren 2004 und 2005 entstehen zu lassen mit Ränkespielen aller Art, war dem 85-jährigen Benedikt ganz offensichtlich ein Graus.
Vor einem solchen Schritt, der die Grenzen der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit eingesteht und entsprechende Konsequenzen zieht, kann man nur Hochachtung haben. Das gilt erst recht vor dem Hintergrund eines katholischen Lehrverständnisses, das die Bischofsweihe und das Amt des Papstes nicht einfach funktional versteht. Benedikt aber hat sein Amt stets als "Dienst" aufgefasst. Genau dies erlaubt ihm nun, einen anderen an seine Stelle treten zu lassen. Hier blitzt ein durchaus modernes Amtsverständnis auf, das viele der katholischen Kirche und ihrem Klerus gar nicht zugetraut haben dürften und das Schule machen sollte.
Eine Kirche in ruhigen, geordneten Bahnen übergibt Benedikt seinem Nachfolger freilich nicht. Die katholische Kirche befindet sich nicht nur in Europa in einer extrem schwierigen Lage. Nach den Missbrauchsskandalen ist die Glaubwürdigkeit noch immer weltweit extrem erschüttert.
Auf dem afrikanischen und lateinamerikanischen Kontinent werben evangelikale Freikirchen der katholischen Kirche massenweise die Gläubigen ab. Und das Gespräch mit der Welt, mit den Intellektuellen, das Benedikt wieder führen und so eine gewisse Versöhnung mit den Gebildeten herbeiführen wollte, ist bestenfalls in den Kinderschuhen stecken geblieben. Die katholische Kirche hat in den acht Jahren des Pontifikats von Benedikt den Anschluss an die Moderne nicht gefunden. Das heißt nicht, dass sie sich an den Zeitgeist hätte anpassen sollen. Aber die katholische Kirche muss sprechfähig und dialogfähig sein im Gespräch mit den Menschen von heute und ihren Problemen. Vor dieser Herkulesaufgabe wird ein Nachfolger Benedikts stehen, wer immer das Rennen im nächsten Konklave machen wird.
Das Pontifikat Benedikts XVI., der als Übergangspapst begann, ist damit Geschichte. Nimmt man seine Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation hinzu, hat Joseph Ratzinger fast 30 Jahre die Geschicke der katholischen Weltkirche gelenkt. Für die katholische Kirche hat mit dem heutigen Paukenschlag tatsächlich eine neue Zeitrechnung begonnen.
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Papst kündigt Rücktritt an: Bedeutung f katholische Kirche
Sendezeit: 11.02.2013 18:15
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