Vor drei Jahren hatte Bundeskanzlerin Merkel die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs in kirchlichen und staatlichen Institutionen eine "Bewährungsprobe für unsere Gesellschaft" genannt. Die Bundesregierung hat diese Probe bis zum heutigen Tag nicht bestanden.
Vor 14 Monaten hatte der eigens einberufene Runde Tisch, an dem auch die drei Bundesministerinnen für Familie, Justiz und Forschung saßen, seine Empfehlungen ausgesprochen.
Die zwei zentralen und für die Opfer besonders wichtigen Forderungen nach einem Hilfsfonds und nach besserem Opferschutz sind nicht erfüllt.
Es war Kristina Schröder und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nicht einmal peinlich, den Opfern mit dem schwammigen Versprechen gegenüberzutreten, bis zur Bundestagswahl werde sich voraussichtlich alles noch zum Guten wenden.
Die Vertreter der Betroffenen erfuhren das bei einer Veranstaltung, die überschrieben war als "Unterrichtung der ehemaligen Mitglieder des Runden Tisches" und deren Ergebnisse beide Politikerinnen schon vorab der Presse verkündeten.
Kann man Betroffenen schonungsloser sagen, dass die Regierung nicht gewillt ist, mit ihnen auf Augenhöhe zu verhandeln? Und dass ihre Erwartungen und Enttäuschungen heute nicht von Belang sind?
Wer so agiert, der hat nichts begriffen. Und der verspielt Vertrauen, dass traumatisierte Menschen erst mühsam in sich und die Gesellschaft gefunden hatten.
Jahrzehntelang hat ihnen niemand zugehört, hat ihnen niemand geglaubt. Bestraft wurden nicht die Täter, sondern die Opfer für vermeintlich ungeheuerliche Lügen über den Herrn Pfarrer zum Beispiel.
Auch gelegentliche Berichte - später als die Zeiten weniger muffig waren - rüttelten die Gesellschaft nicht auf. Das änderte sich im Januar 2010 - als am Canisius-Kolleg, an der Odenwaldschule und an anderen kirchlichen und staatlichen Einrichtungen nicht mehr länger geschwiegen wurde.
Missbrauch ist seitdem kein Tabu mehr. Die Taten sollten aufgeklärt, den Opfern geholfen, Schuldige wenn noch möglich bestraft und Strukturen verändert werden. Das war damals die klare Ansage der Politik. Die Bewährungsprobe für die Gesellschaft.
Versprochen wurde ein besserer Opferschutz, gesetzlich verankert, mit Regeln vor Gericht, die der Situation der Opfer Rechnung tragen und mit Verjährungsfristen, die lang genug sind, um verdrängtes Leid irgendwann in Worte zu fassen und Täter auch Jahre später anklagen zu können.
Es gibt einen Gesetzentwurf der FDP-Justizministerin. Der liegt im Rechtsausschuss des Bundestages, seit fast zwei Jahren. Und scheitert bislang an den Regierungsfraktionen - vor allem an der FDP - die immer noch eine juristische Spitzfindigkeit klären will.
Versprochen wurde ein Hilfefonds mit 100 Mill. Euro, den sich der Bund mit den Ländern teilen wollte. Doch die hatten von Anfang an Bedenken. Warum sollten sie für teure Traumatherapien bezahlen, wenn dafür eigentlich die Krankenkassen zuständig sind. An Kristina Schröder habe es nicht gelegen, beteuert sie - ohne erklären zu können, warum der Bund nie ernsthaft mit den Ländern verhandelt hat.
14 Monate verstrichen, bis die Familienministerin ankündigte, was sie längst hätte tun können:
Jetzt wolle der Bund "notfalls" mit seinen 50 Millionen den Hilfefonds schon mal füllen, damit er überhaupt startet.
Versprochen wurde auch die Finanzierung von Beratungsstellen, von mehr Therapieplätzen - denn die Wartezeiten sind lang und für spezielle Traumatherapien noch länger. Davon ist keine Rede mehr.
Für die Missbrauchsopfer von damals, die nach der Arroganz der Täter jetzt die Ignoranz der Politik erleben müssen, ist es unerheblich, dass auch viel Geld in die wissenschaftliche Begleitforschung geflossen ist. Um das einstige Tabuthema in Lehre und Forschung zu etablieren und in die Ausbildung von Medizinern, Therapeuten, Lehrern und Erziehern zu integrieren.
Der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte kümmert sich um Prävention und Aufarbeitung - zusammen mit den Betroffenen.
Die politische Blockade berechtigter Ansprüche scheint Methode zu sein. Missbrauchsopfer sind wenige, haben keine Lobby und nicht die Kraft für wirksamen öffentlichen Protest. So wie die Opfer des Contergan-Skandals oder die ehemaligen Heimkinder. Auch sie mussten Jahrzehnte für die Anerkennung ihrer Leiden und für eine Entschädigung kämpfen.
Was bleibt ist das von Verrat oder wie es Matthias Katsch, ein ehemaliger Canisus-Gymnasiast, nach dem Treffen in Berlin formulierte:
Ich fühle mich zum zweiten Mal missbraucht: dieses Mal als Kulisse für eine sinnfreie Veranstaltung.
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Kommentar
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