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03.04.2013
Gerichtssaal-Umbau für NSU-Prozess (Bild: dpa / Peter Kneffel) Gerichtssaal-Umbau für NSU-Prozess (Bild: dpa / Peter Kneffel)

Deutsch-türkisches Verhältnis ist belastet

NSU-Prozess, türkische Medien, Brand in Köln

Von Dorothea Jung, Landesstudio Berlin

In zwei Wochen beginnt in München das Verfahren gegen die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Und weil sich das Münchener Gericht für ein Akkreditierungsverfahren entschied, wonach nur für die ersten 50 Anmelder ein Presseplatz reserviert wird, werden im Verhandlungssaal wahrscheinlich keine türkischen Journalisten sitzen, um über den Prozess zu berichten zu können. Das ist beschämend, aber leider eine Tatsache.

Vor vier Tagen sterben in Köln nach einem Wohnungsbrand zwei Menschen. Und weil in dem Haus zahlreiche türkischstämmige Familien wohnen, berichten türkische Medien, die Kölner Brandermittler hätten voreilig einen rechts-terroristischen Hintergrund ausgeschlossen. Das wäre empörend, ist aber gottlob nicht die Wahrheit.

Auf den ersten Blick haben die beiden Ereignisse nichts miteinander zu tun. Aber auf den zweiten Blick offenbaren sie ein bestürzend gestörtes Verhältnis zwischen türkischen Einwanderern und Deutschen.

Nun muss man wissen, dass die Akkreditierungsmethode, die das Münchener Gericht gewählt hat, wonach allein der frühe Vogel den Wurm fängt, der Alltagsroutine von Gerichtspressestellen entspricht. Deswegen darf man den türkischen Journalisten durchaus ankreiden, ein bisschen gepennt zu haben. Aber dem Münchener Gericht muss man vorwerfen - und dieser Tadel wiegt erheblich schwerer - dass es die Presseakkreditierung im NSU-Verfahren mit Routine gehandhabt hat. Hat nicht gerade ein falsches Verständnis von Routine zu den NSU-Ermittlungspannen geführt? Waren es nicht gerade die eingefahrenen Denkmuster, der Alltagstrott von Behörden und die gewohnheitsmäßigen Rivalitäten von Ämtern, die verhindert haben, zu erkennen, dass hier Rechtsterroristen gemordet haben? Daraus hätte das Münchener Gericht lernen müssen.

Dass dieses Gericht nun aber rigide an seiner Lösung festhält, ist für viele Einwanderer ein Zeichen von Respektlosigkeit gegenüber türkischen Gefühlen. Und Respektlosigkeit ist etwas, womit viele Einwanderer Erfahrung haben. Abschätzige Blicke auf Kopftuch-tragende Frauen, rüde Behandlung auf Bürgerämtern, Nachteile bei Job- oder Wohnungssuche, usw. Dann die Brände in Solingen und Mölln. Und schließlich die Morde des NSU. Wegen all dieser Erfahrungen haben türkische Einwanderer und türkische Medien gute Gründe, empfindlich zu sein.

Das berechtigt sie aber nicht, ihre Erfahrungen zu verallgemeinern. Und damit Ressentiments zu schüren und Stimmung zu machen. Der mörderische Rassismus, der Rassismus des Alltags und die Fahndungspannen der NSU-Ermittler sind beschämende Tatsachen. Aber wenn eine türkische Zeitung dem Münchener Gericht jetzt vorwirft, es wolle die Terroristen beschützen und den Kölner Brandermittlern mit ähnlichen Worten das Gleiche - dann ist das Verleumdung.

Es wäre gut, wenn das Münchener Gericht eine Lösung für die türkischen Medienvertreter finden würde. Damit diesem unsinnigen Gerede ein Ende gemacht wird. Und damit deutlich wird, dass der NSU-Prozess eben keine Routine ist.