Mit Sandsäcken wird am 03.06.2013 am überfluteten Terrassenufer in Dresden (Sachsen) die Altstadt Dresdens geschützt (Bild: picture alliance / dpa - Arno Burgi)
"Wir müssen den Flüssen ihren Raum lassen, sie holen ihn sich sonst zurück, mit schlimmen Folgen für die Menschen." Klingt wie ein Satz aus dem Parteiprogramm der Grünen. Ist aber ein Zitat von Helmut Kohl und stammt aus seiner Regierungserklärung zur Hochwasserkatastrophe vom August 1997.
Dieser Satz ist seitdem Hunderte Male von Politikern aller Parteien wiederholt worden, am liebsten in Sonntagsreden. Hört sich ja auch super an: Wir verlegen die Deiche ins Hinterland, schaffen dadurch Überschwemmungsflächen, das Hochwasser kann sich ausbreiten, richtet keinen Schaden an, der Druck wird von den Deichen genommen. Nach jedem Hochwasser werden wieder solche Pläne geschmiedet, umgesetzt wird allerdings kaum einer.
Beispiel Sachsen: In den letzten zehn Jahren sind etwa 530 Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert worden - nur fünf Millionen Euro davon in Projekte zur Rückverlegung von Deichen. Beispiel Brandenburg: Überschwemmungsflächen von insgesamt 6000 Hektar waren nach dem Oderhochwasser 1997 versprochen worden - umgesetzt wurde ein Bruchteil, nur fünf Prozent. Die Anrainerstaaten der Elbe beschlossen nach der Jahrhundertflut im Jahr 2002, an 32 Stellen den Elbdeich ins Hinterland zu verlegen - gerade einmal fünf Projekte werden momentan umgesetzt.
Die Sonntagsredner vergessen schnell: Sobald Landwirte mosern oder Datschenbesitzer meckern, wird die Verlegung von Deichen ins Hinterland erst auf die lange Bank geschoben und dann still und heimlich beerdigt. Im Zweifel ist das Hemd näher als der Rock: Deutschland erhöht seine Oderdeiche, Polen fehlt das Geld dazu. Dass die Fluten beim nächsten Hochwasser unser östliches Nachbarland überschwemmen, was soll's. Brandenburg erhöht seinen Elbedeich, das gegenüberliegende Niedersachsen hat das Nachsehen.
Statt gemeinsam zu planen, setzt sich das St.-Florians-Prinzip durch. Mehr noch: Wenn das Geld nicht aus der eigenen Kasse stammt, sondern zum Beispiel von der EU kommt, dann wird auch mal schnell ein Hotel- und Tagungskomplex ins Überschwemmungsgebiet gebaut - so geschehen an der Oder. Statt den Flüssen ihren Raum zu lassen, geht die Flächenversiegelung ungebrochen weiter - Deutschland verliert täglich Felder, Wiesen und Wälder in der Größe von 80 Fußballfeldern. Sie werden mit Straßen bebaut, mit Häusern, Fabriken - hier kann kein Wasser mehr versickern.
Alle Klimaexperten wissen: Die Zahl der extremen Wetterereignisse nimmt zu - ein Jahrhunderthochwasser könnte es künftig alle zehn Jahre geben. Warum wurden Millionen in den Wiederaufbau von Straßen und Häusern an Mulde, Elbe und Oder gesteckt, obwohl längst klar war: Das nächste Hochwasser wird sie wieder zerstören? So katastrophal die Lage für die Bewohner der Hochwassergebiete momentan ist - viele Schäden sind menschengemacht. Morgen wird Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Hochwassergebiete reisen. 16 Jahre nach Helmut Kohl wird sie vermutlich sagen: "Wir müssen den Flüssen mehr Raum lassen."