Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
08.06.2013
Peer Steinbrück hat die ersten drei Mitglieder seines Kompetenzteams bekannt gegeben: Gesche Joost, Klaus Wiesehügel, Thomas Oppermann (v. li. n. re.) (Bild: picture alliance / dpa) Peer Steinbrück hat die ersten drei Mitglieder seines Kompetenzteams bekannt gegeben: Gesche Joost, Klaus Wiesehügel, Thomas Oppermann (v. li. n. re.) (Bild: picture alliance / dpa)

Proporz statt Kompetenz

Peer Steinbrück und sein Wahlkampfteam

Von Brigitte Fehrle, Berliner Zeitung

Wozu braucht ein Kanzlerkandidat ein Kompetenzteam? Seit mehreren Wochen stellt Peer Steinbrück immer neue Köpfe vor, die ihm im Wahlkampf zur Seite stehen sollen. Und mit jedem neuen Kopf wächst die Irritation.

Was will Steinbrück? Wer ist Steinbrück. Wir erleben derzeit einen Kanzlerkandidaten, dessen Profil, statt sich zu schärfen, vor den Augen der Wähler zerbröselt. Mit jedem neuen Namen, mit jedem neuen Kopf wird unverständlicher, wo es hingehen soll im Wahlkampf. Rechts, links, Mitte, von allem ist was dabei. Und so drängt sich der Gedanke auf, dass es bei der Auswahl der Mitglieder dieses Kompetenzteams gar nicht um Kompetenz geht, sondern um Proporz. Dass es nicht um die Wähler geht, sondern nur um das politische Seelenleben der Partei.

Aber schauen wir uns einige zentrale Köpfe aus dem Team genauer an:

Da ist zunächst Thomas Oppermann. Seine Berufung ist keine Überraschung, ja fast könnte man sagen, sie ist protokollarisch. Als Parlamentarischer Geschäftsführer repräsentiert er die Bundestagsfraktion. Seine rechts- und innenpolitischen Positionen sind sozialliberal. Steinbrücks Botschaft: Ich nehme die Fraktion ernst.

Dann Florian Pronold. Der bayerische Landeschef ist ein standfester Linker. Pronold, erst 41 Jahre alt und doch 20 Jahre SPD Stallgeruch, hat schon Gerhard Schröder das politische Leben schwer gemacht. Für Steinbrück ist er eigentlich ein rotes Tuch. Was also ist die Botschaft? Ich binde die Linken ein, ich nehme sie ernst, sie haben bei mir etwas zu sagen.

So ähnlich ist es auch mit Klaus Wiesehügel. Er und Steinbrück - das ist wie Feuer und Wasser. "Kritiker der Reformpolitik" wurde der Gewerkschafter in den Schröder-Jahren genannt, aber das ist blank untertrieben. Wiesehügel war in der rot-grünen Regierungszeit ein Fundamentalist. Was soll das also? Nun, Steinbrücks Botschaft lautet: Die Gewerkschaften geben wieder den Ton an bei der SPD.

Und was sagt die Berufung von Matthias Machnig, dem ehemaligen Wahlkampfmanager von Gerhard Schröder? Das ist ein lautes Bekenntnis zur Agenda 2010. Seht her, heißt das, es war nicht alles schlecht, wir stehen zu dem, was wir damals gemacht haben.

Bei diesen widerstrebenden Botschaften ist es kein Wunder, dass der Kandidat - Steinbrück - zur Unkenntlichkeit verschwimmt. Man kennt Steinbrück. Er ist ein Polterer und Zuspitzer. Sein Team aber zieht in alle Richtungen. Steinbrück, der doch so vehement um "Beinfreiheit" gebeten hatte, wird zur Unbeweglichkeit verdammt.

Da helfen dann die anderen, durchaus interessanten Köpfe in seinem Wahlkampteam nicht weiter. Gesche Joost zum Beispiel, eine junge Wissenschaftlerin, die sich auskennt in allem, was sich rund um das Internet bewegt, dort forscht und pointierte Meinungen vertritt - sie wird dem 66-jährigen Kandidaten nicht helfen können. Sie ist ein Solitär, ähnlich wie die jüngst berufene streitbare, kluge und mutige Yasemin Karakasoglu. Die Wissenschaftlerin mit türkischen Wurzeln setzt sich vehement für Bildungsgerechtigkeit und gegen Fremdenfeindlichkeit ein. Sie hat in der Affäre um Thilo Sarrazin und dessen umstrittene Thesen über die Integrationsunwilligkeit der Muslime laut interveniert. Gegen die SPD. Sie wird sich nicht benutzen oder einbinden lassen.

Haben also die Berufungen Steinbrück geholfen, haben Sie ihm genutzt? Im Gegenteil. Der Kandidat, der immerhin mit Macht gestartet ist, der sich die Spitzenposition erkämpft hat, von dem man glaubte, er sei ein kraftvoller, unbeugsamer Politiker, er findet sich jetzt umzingelt vom parteipolitischen und SPD-internen Kompromiss.

Ist da noch was zu retten bis zur Wahl? Nur, wenn sich der Kandidat wieder aus der Umklammerung der Strömungen und Lobbys, in die er sich selbst begeben hat, befreit. Er muss sich im Grunde von seinem Kompetenzteam wieder lösen. Muss wieder Peer Steinbrück werden.

Dann bleiben zwar alle Handicaps, die der Kandidat von Anfang an hatte: seine Schnoddrigkeit, seine Schärfe, seine kompromisslose Art. Die Frage, ob einer, der noch nie eine Wahl gewonnen hat, ausgerechnet die Kanzlerschaft gewinnen kann. Seine geringe Bindungsfähigkeit in die sozialdemokratischen Milieus hinein. Die Sorge, dass er es nicht schafft, die Stammwähler wachzurütteln. Aber er wäre wieder kenntlich. Und dann wenigstens wählbar für diejenigen, die genau das alles an ihm schätzen.


 
 

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 04:05 Uhr
Neue Musik
Nächste Sendung: 05:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

für diesen Beitrag

Proporz statt Kompetenz: Peer Steinbrück und sein Wahlkampfteam

Sendezeit: 08.06.2013 06:05

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link