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12.06.2013
Blick auf das Berliner Stadtschloss um 1900 (Bild: picture alliance / dpa) Blick auf das Berliner Stadtschloss um 1900 (Bild: picture alliance / dpa)

Ein Schloss, das keiner will

Grundsteinlegung in Berlin

Von Günter Hellmich, Deutschlandfunk

Der Grundstein ist gelegt, aber keiner will das Schloss. Fast zwei Drittel der Befragten haben in einer Forsa-Umfrage für den "Stern" bekundet, dass sie gegen den geplanten Wiederaufbau sind. Das Ergebnis bei einer richtigen Volksabstimmung, die unsere Verfassung in solchen Fällen nicht zulässt, würde derzeit vermutlich ähnlich aussehen.

Blicken wir zurück: Vor knapp 20 Jahren waren die Berliner und ihre Gäste fasziniert von der Schlossfassade, die Wilhelm von Boddien auf Plastikplanen hatte malen lassen. Dieses potemkinsche Schloss, das den asbestverseuchten Palast der Republik verschwinden ließ, schuf im Kopfe jedes Laien ein Bild von jenem historischen Ensemble, das hier 1950 endgültig zerstört worden war.

Ganz sinnlich nachzuvollziehen war wie Altes Museum, Dom, Marstall architektonisch auf das Schloss bezogen worden waren. Wer diesen Stadtraum wieder herstellen will, kommt um eine Rekonstruktion der Hohenzollernresidenz nicht herum.

Manche halten das für Disneyland. Natürlich gehört zur Entwicklung von Metropolen auch, dass abgerissen und neugebaut wird. Aber genauso wie nicht jede Gründerzeitfassade erhalten bleiben muss, wenn das Haus dahinter umfällt, gibt es die Verpflichtung herausragende Situationen des Stadtbildes gegebenenfalls zu rekonstruieren. Das verlangt das Geschichtsbewusstsein und die Aura unserer Hauptstadt. Es ist ja nicht so, als wäre die Mitte Berlins frei von Zeugnissen moderner Architektur. Regierungsviertel und Potsdamer Platz sind um die Ecke. Die renovierte DDR-Moderne beginnt gleich hinterm künftigen Humboldtforum .

Apropos DDR-Architektur: War es nicht zuletzt der ideologisch und nostalgisch angefeuerte Kampf gegen den lange hinausgezögerten Abriss des kontaminierten Palazzos, der die Akzeptanz für das Schlossprojekt bis zum Nullpunkt sinken ließ? Vor allem aber sind es jetzt wohl die Probleme mit anderen Großbaustellen von BER bis BND, die die Begeisterung des Publikums für das gegenwärtig mit 600 Millionen Euro kalkulierte Projekt dämpfen. Wie teuer wird das Ganze am Ende wirklich, welche unvorhersehbaren Komplikationen treten auf? Solange diese Fragen gestellt werden müssen, fällt es schwer, die Sympathien für das Kulturschloss wieder zu wecken.