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15.06.2013
Helfer räumen in der vom Elbehochwasser 2013 betroffenen Stadt Meißen (Sachsen) die Sandsäcke von den Straßen. (Bild: picture alliance / dpa / Kay Nietfeld) Helfer räumen in der vom Elbehochwasser 2013 betroffenen Stadt Meißen (Sachsen) die Sandsäcke von den Straßen. (Bild: picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Generation Gummistiefel

Lehren aus der Jahrhundertflut in Ost- und Norddeutschland

Von Dirk Birgel, "Dresdner Neueste Nachrichten"

Eine Jahrhundertflut bricht alle hundert Jahre über einen herein. Das haben auch die Bewohner rechts und links der Elbe gedacht. Sie haben sich getäuscht. Nicht einmal elf Jahre nach der Flut von 2002 sucht diese Menschen erneut eine gewaltige Naturkatastrophe heim.

Ihre Häuser stehen wie damals unter Wasser, viele müssen zum dritten Mal bei Null anfangen. Und an der Donau sieht es vielerorts, zum Beispiel in Deggendorf, noch schlimmer aus. Während dort und andernorts die Flüsse wieder in ihr Bett zurückgekehrt sind, schwanken die Menschen am unteren Elblauf immer noch zwischen Hoffen und Bangen.

Aber: Die Opfer der Flut sind nicht allein. Das Bemerkenswerte an den Ereignissen dieser Tage ist die unglaubliche Hilfsbereitschaft und Solidarität der Menschen untereinander. Da werden bis zum Umfallen Sandsäcke gefüllt und gestapelt, andere versorgen die Helfer mit Brötchen und Suppe, Menschen, die ihre Häuser verlassen müssen, finden Obdach bei Mitbürgern und die Spendenkonten füllen sich in einem atemberaubenden Tempo. Will sagen: Die Deutsche Gesellschaft ist intakt. Es wird zwar viel gemeckert, aber wenn es drauf ankommt, ist man füreinander da. Das gilt insbesondere für die jungen Leute. Die Generation Gummistiefel war es, die sich über die oft geschmähten sozialen Netzwerke wie Facebook organisierte und ganz wesentlich Anteil daran hatte, dass die Fluten an vielen Stellen zurückgedrängt werden konnten.

Und auch die Politik tut angesichts der Katastrophe, was man von ihr erwarten darf. Sie verzichtet auf parteipolitisches Gezänk und sucht nach der besten Lösung. Mit dem jetzt beschlossenen Aufbaufonds in Höhe von acht Milliarden Euro haben Bund und Länder gezeigt, dass sie die Betroffenen nicht im Regen stehen lassen. Sie können sich auf staatliche Hilfe verlassen. Ob zur Finanzierung dieser Hilfe eine temporäre Anhebung des Solidaritätszuschlags taugt, wie sie Sachsen-Anhalt vorschlägt, ist mehr als fraglich.

Doch die jetzigen Hilfen reichen nur für den Augenblick. Daher ist es sinnvoller, einen dauerhaften nationalen Katastrophenfonds einzurichten, wie ihn beispielsweise der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig aus der leidgeprüften Sächsischen Schweiz fordert. Ein solcher Fonds müsste natürlich auch aus Steuermitteln gespeist werden. Er würde aber bei Naturkatastrophen sofort zur Verfügung stehen und eilig einberufene Gipfeltreffen wie am Donnerstag bei Bundeskanzlerin Angela Merkel überflüssig machen.

Es wäre jedenfalls eine nachhaltige Lösung und die scheint angemessen zu sein. Statistiker mögen darauf verweisen, dass eine Jahrhundertflut sich auch zweimal binnen einer Dekade ereignen kann. Aber wollen wir uns darauf verlassen, dass jetzt 200 Jahre Ruhe ist? Wohl kaum. Seit dem Oderhochwasser in den 1990er Jahren treten Starkregen und Überflutungen in Deutschland in böser Regelmäßigkeit auf. Ob dies am Klimawandel liegt oder andere Ursachen hat, sei dahingestellt. Wir sollten uns jedenfalls auf solche Katastrophen dauerhaft einstellen.

Und das haben die einen mehr und andere weniger gut getan. Sachsen-Anhalt beschwert sich gerade heftig darüber, dass der Nachbar Sachsen zu viele Flächen vor dem Wasser geschützt habe, sodass es die Anrainer elbabwärts umso heftiger getroffen habe. Nun könnte man freilich sagen: "Aufgewacht, liebes Land der Frühaufsteher. Wer schneller baut, bleibt länger trocken!" Doch das wäre zu kurz gesprungen. Die Elbe ist ein ziemlich langer Fluss, die Donau erst recht. Flutschutz ist deshalb keine regionale Aufgabe, sondern muss von der Quelle bis zur Mündung gedacht werden, inklusive aller Nebenflüsse. Das ist freilich nicht leicht, macht es doch föderale, ja sogar binationale Zusammenarbeit nötig. Da entstehen schnell Kompetenzstreitigkeiten, ganz zu schweigen von der Finanzierung. Aber es kann funktionieren. Wenn Sachsen und Tschechen die letzten elf Jahre nicht genutzt hätten, den Hochwasserschutz schon an der Moldau als gemeinsame Aufgabe zu begreifen und anzugehen, dann wäre das Elbtal in diesen Tagen viel stärker in den Fluten versunken. Ähnliches sollte mit Sachsen-Anhalt und Brandenburg auch möglich sein.

Zur Stunde muss alles getan werden, um den Opfern der Flut schnell und unbürokratisch zu helfen. Doch anschließend gilt es, für die Zukunft vorzubeugen. Denn die nächste Flut kommt bestimmt, und wenn es dumm läuft, viel schneller als man denkt.

Alle Beiträge zum Hochwasser 2013 im Überlick


 
 

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Generation Gummistiefel: Lehren aus der Jahrhundertflut

Sendezeit: 15.06.2013 06:05

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