EU und USA wollen über eine Fraihandelszone verhandeln. (Bild: picture alliance / dpa /Jürgen Effner)
Um Missverständnissen vorzubeugen: Freihandel hat für Verbraucher viele Vorzüge. Das fällt dem seit Jahrzehnten freihandelsverwöhnten Europäer meist erst auf, wenn er's mal anders erlebt hat.
Wer in den 90er-Jahren in brasilianischen Großstädten nach einem Laden mit Kopiergeräten suchte, lief sich die Füße wund und zahlte dann für eine schlecht lesbare Ablichtung das zehn- bis 15-fache wie in Europa, wo man ein paar Pfennige hinlegte. Dank der damals hohen brasilianischen Zollschranken konnten übrigens auch deutsche Automobilhersteller an der Copacabana hübsche Gewinne mit Autos einfahren, die in Deutschland als klapprig verachtet worden wären. Mit diesen Missständen ist Schluss, die Wirtschaft blüht, seitdem auch Brasilien mehr Freihandel zulässt.
Zollschranken senken, Grenzen öffnen, Standards angleichen: Wettbewerb kann in der Tat zu unser aller Bestem wirken. Dennoch: Rote Linien, wie sie nicht nur Frankreich, sondern auch Verbraucherschützer für das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA fordern, sind sinnvoll. Bei aller Verbundenheit: Europa und die USA haben in vielen Bereichen eine unterschiedliche Kultur - und das betrifft nicht nur die von den Franzosen so heiß verteidigte Filmförderung. Europäer haben ein viel breiteres Staatsverständnis: Hochschulen werden mehrheitlich öffentlich getragen und subventioniert, demokratisch gewählte Stadträte von Kommunen haben Spielräume, ob sie die Trinkwasserversorgung öffentlichen oder privaten Anbietern überlassen. Bei einer vollständigen Marktöffnung mit vage formulierten Regeln werden die US-amerikanischen Konzerne zu Recht auf die versprochene Gleichbehandlung pochen - und eine Privatisierung bei vielen von bisher halb oder vollstaatlich angebotenen öffentlichen Gütern einleiten. Wollen die Europäer das wirklich?
Oder der Agrarbereich, die Lebensmittel - vollständig öffnen? Die USA spielen in einer ganz anderen Liga, mit Agrarunternehmen, die mehrere Tausend Hektar besitzen. Obama hat es bisher mehr als deutlich gemacht: Mit US-Agrarkonzernen, Herstellern Grüner Gentechnik und Rinderzüchtern legt er sich nicht an.
Die EU und die USA hätten jetzt die Chance gemeinsam Standards zu setzen, bevor es andere tun, lautet ein wichtiges Argument für die transatlantische Freihandelszone. Die anderen, das ist die wachsende Wirtschaftsmacht China. Das Argument trifft - zumal die USA immer stärker Handelsbande in Richtung pazifischer Raum knüpfen. Drei Dinge müssen die Europäer deshalb tun: Sie müssen mit einer Stimme sprechen und sich stärken, indem sie auch andere Allianzen knüpfen. Und drittens: Gut nachdenken, was sie mit der US-Regierung wirklich verhandeln wollen.