Alles, so könnte man meinen, ist schon gesagt worden, über Peter Handkes Haltung zu Jugoslawien: anläßlich seiner politischen Reisebücher aus dem Jahr 1996, anläßlich seines Textes über das Den Haager Jugoslawientribunal, seines Berichts über einen Besuch bei Slobodan Milosevic im Untersuchungsgefängnis. Nun wird diese Haltung erneut zum Stein des Anstoßes anläßlich der Jury-Entscheidung, den Düsseldorfer Heinrich-Heine Preis an Handke zu vergeben und der bevorstehenen Rücknahme dieser Entscheidung durch den Stadtrat.
Doch tatsächlich scheint es darum gar nicht zu gehen. So kurz ist das öffentliche Gedächtnis, dass man nur noch Handkes Auftritt bei der Beerdigung des Serbenführers vor wenigen Wochen sieht und vorgibt zu staunen nach dem Motto: Wer Milosevic ehrt, ist des Heine-Preises nicht wert.
So weit, so provinziell und so peinlich. Wenn wir für einen Moment vom Kernproblem absehen, ob man einen der Völkerverständigung, dem gesellschaftlichen Fortschritt und der Stärkung der Menschenrechte gewidmeten sog. Persönlchkeitspreis ausgerechnet an den großen Spalter Peter Handke vergeben sollte, wenn wir also einmal durchs Mikroskop schauen, was da in Düsseldorf passiert, sehen wir etwas sehr modernes und banales und hochproblematisches:
Zunächst haben wir es bei diesem Preis mit einer Jury zu tun, in der die Mehrzahl der Köpfe aus der Politik kommt und den Argumenten der Kenner nichts wirklich entgegenzusetzen hat. Ein Strukturfehler.
Zudem betreibt der Juryvorsitzende, OB Joachim Erwin, ökonomisch enorm erfolgreich, offensives Stadtmarketing auf allen Ebenen. Sport, Städtebau, bildende Kunst - überall wird geklotzt und nicht gekleckert, Hauptsache über Düseldorf wird geredet, Hauptsache man wähnt uns auf Augenhöhe mit Moskau und New York. Diese Autosuggestion mag gelegentlich produktiv sein, bei heiklen poltisch-moralisch-ästhetischen Fragen kommt man mit bloßen Marketingambitionen nicht durch. Die Sache selbst, von der kaum einer Ahnung hat - man müsste ja viel und gründlich lesen - schlägt zurück: Sie zerstört das schiere Ansinnen von Imagegewinn und verkehrt es ins Gegenteil. Insofern haben wir es mit einem grandiosen, durchaus auch komischen Lehrstück zu tun, das mehr über einen maßlosen kommualen Ehrgeiz aussagt als über eine literarische Einschätzung oder eine politische Haltung. Konsequenz für die Zukunft muß sein: Weniger Politiker in dieses Gremium, dafür mehr literarisch kompetente Personen, Schrifsteller, Kritiker, Leute, die auch wirklich lesen, lesen und wissen, worum es überhaupt geht. Heine lesen, Handke lesen und zurück auf Los mit dem Düsseldorfer Heine-Preis. Vielleicht gewinnt er ja durch Schaden das Profil, das er bisher nicht hatte.
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