Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
14.08.2006
Der Schriftsteller Günter Grass. (Bild: AP) Der Schriftsteller Günter Grass. (Bild: AP)

Grass und die Moral

Reaktionen auf das Waffen-SS-Eingeständnis des Nobelpreisträgers

Von Jacqueline Boysen

Ein Katz-und-Maus-Spiel hat begonnen - Günter Grass ist ekelhaft, befindet der Nicht-Nobelpreisträger Rolf Hochhuth in einem Ton, in dem Genugtuung und Häme mitschwingen. Günter Grass solle seinen Literaturnobelpreis zurückgeben - so die eher hilflos anmutende Reaktion eines christdemokratischen Bundestagsabgeordneten auf die Selbsthäutung, die uns vertraut damit, dass ausgerechnet auch das schriftstellerische Großkaliber Grass im Alter von 17 Jahren der Waffen-SS angehörte. Franz Müntefering gibt sich volkstümlich: Ein Bekenntnis viel früher wäre viel besser gewesen, sagt der Vizekanzler.

Ernstlich erschüttert aber ist das moralische Selbstverständnis der intellektuellen deutschen Linken. Die sonst so scharfzüngigen, unnachgiebigen Richter der Vätergeneration der Bundesrepublik lassen gegenüber einem der Ihren Nachsicht walten. Ist das richtig? Sie verraten ihre eigenen Ideale, wie ihr Nestor Grass es vorgemacht hat. Denn es ist erbärmlich, wie der Autor seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS zum PR-Gag für ein autobiografisches Werk umfunktioniert - und Regungen wie Reue und Scham in Selbstgerechtigkeit ertränkt.

Aber er wird gedeckt: Auch ein sonst so kompromissloser Kämpfer für die richtige Sache wie Klaus Staeck empfiehlt - als Präsident der Akademie der Künste in Berlin -, bei Grass zwischen Werk und Person zu unterscheiden. Das hätte er im Falle konservativer Verdrängungskünstler nicht gewagt. Zum Hitler-Büsten-Bildhauer Arno Breker hatte Staeck uns gerade erklärt, dass dieses Prinzip nicht gelten könne. Nun, um Himmels willen, ist auch Brekers Beitrag zur NS-Ästhetik verdammenswert und seine Nähe zur Macht mit der Verblendung des jugendlichen Grass nicht zu vergleichen. Und doch schillert hier die Doppelmoral.

Grass war einer der Wortführer einer Generation und Denkschule, die vehement gegen Verdrängung und Vertuschung zu Felde zog, die um der Demokratie willen stets und - zu recht - unbedingte Ehrlichkeit im Umgang mit eigener Schuld einforderte. Gegenüber Kurt Waldheim, Werner Höfer, Hans Filbinger - Männern, deren Verdienste um die Demokratie in der Nachkriegszeit unbestritten sind, denen aber das Verschweigen ihrer Rolle im Nationalsozialismus zum Verhängnis wurde, war eine solche Rigorosität sehr angebracht.
Wohl vertraut mit dem Phänomen des späten Bekenntnisses Beteiligter attestiert der Geschichtswissenschaftler Hans-Ulrich Wehler nun auch Günter Grass ein Normalschicksal - was für den eitlen Autor sicherlich ein hartes Urteil bedeutet, denn einer von vielen zu sein, entspricht so gar nicht seiner Art.

Friedensnobelpreisträger Lech Walesa möchte, dass Grass die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Danzig aberkannt wird. Und das ist eine durchaus nicht unverständliche Reaktion. Denn bezieht sich der Nobelpreis auf das literarische Werk des deutschen Schriftstellers, meint die Ehrenbürgerwürde die Person von Grass, seine Autorität, seinen hohen moralischen Anspruch, seine Kampfeslust - kurz: seine persönliche Integrität. Und diese ist allerdings ernsthaft erschüttert. Günter Grass hatte uns gelehrt, dass Moral etwas Absolutes ist. Nun hat er selbst gezeigt, wie relativ sie doch sein kann.


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 08:35 Uhr
Börse
Nächste Sendung: 08:40 Uhr
Politik und Sport aktuell

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Kommentar

Kommentar "Der hilflose Umgang mit der Gewalt des Assad-Regimes"

Sendezeit: 12.02.2012, 19:05

Aufdecken und Aufarbeiten - Die Vatikankonferenz zu sexueller Missbrauch

Sendezeit: 12.02.2012, 06:05

Kommentar: Mubarak ist Geschichte - Das System funktioniert weiter

Sendezeit: 11.02.2012, 19:05

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link