Ein armenischer Freund lud mich kürzlich in ein kleines Dorf an der Ägäis ein, wo sich der Istanbuler ein altes Bauernhaus restauriert hat. Bei einem Glas Tee auf der Terrasse die großartige Aussicht genießend lobte er die Dorfbewohner, die ihn, den Großstädter, so freundlich empfangen hätten. Einmal jedoch, fügte er mit bitterem Lächeln hinzu, hätte er gehört wie der Dorfvorsteher von ihm als "unserem Ausländer" gesprochen habe.
Die 60.000 Armenier der Türkei sind seit Generationen türkische Staatsangehörige, und doch gehören sie nicht dazu. Das ist der schwindenden Minderheit mit dem brutalen Mord an ihrem prominentesten Fürsprecher, dem Journalisten Hrant Dink, noch einmal deutlich gemacht worden. Mit seiner kleinen türkisch-armenischen Wochenzeitung "Agos" setzte sich Dink für eine Verständigung zwischen Armeniern und Türken ein. Im Streit um den Völkermordvorwurf, also um die fast vollständigen Auslöschung der Armenier im Osmanischen Reich, versuchte er zu vermitteln und scheute sich nicht, sich mit der armenischen Diaspora anzulegen. Selbst in vertraulichen Gesprächen mit uns ausländischen Kollegen verteidigte Hrant Dink sein Heimatland gegen zu viel Kritik.
Dink war stolz darauf, ein Bürger dieses Landes zu sein, aber er war eben kein Türke. Für die türkische radikale Rechte gab er ein ideales Feindbild ab. Sie überzog ihn mit Klagen und Morddrohungen, und der Staat schaute zu oder ermutigte die Hetzer, indem er Gesetze erließ, die "Beleidigungen des Türkentums" unter Strafe stellen. Hrant Dink wurde deshalb zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Wenn Ministerpräsident Erdogan seine Worte ernst meint, dass die tödlichen Schüsse auf Hrant Dink ein Anschlag auf Demokratie und Pressefreiheit in seinem Land seien, dann müsste er umgehend jenen berüchtigten Beleidigungsparagrafen 301 aus dem Strafgesetzbuch streichen.
Der Mord an Dink wird zur großen Herausforderung für die türkische Gesellschaft: Sind die demokratischen Kräfte stark genug, um sich dem immer aggressiver gebährenden Nationalismus entgegenzustellen? Gibt es einen Rückfall in die 90er Jahre, als kritische Journalisten um ihr Leben fürchten mussten? Bricht der ohnehin schwächelnde Demokratisierungsprozess völlig zusammen und damit die Hoffnung für die Türkei, jemals EU-Mitglied zu werden? Und wird die Regierung ihr Versprechen einlösen, nicht nur den Mörder, sondern auch seine Hintermänner vor Gericht zu stellen - auch wenn diese sich in staatlichen Kreisen finden sollten, worauf manches hindeutet? Wird Ankara die Restriktionen gegenüber den christlichen Minderheiten aufheben? Wird sie eine Versöhnung mit Armenien versuchen? Besonders in Brüssel und in Berlin erwartet man in den nächsten Monaten tätige Antworten auf diese Fragen.
Die allermeisten Zeitungen brachten heute schwarz eingefärbte Titelseiten. Doch in manchen Kommentaren wurde auch dunkel gemutmaßt, ob Hrant Dink nicht vielleicht Opfer einer antitürkischen Verschwörung geworden sei. Die fast paranoide Vorstellung der Türken, von Feinden umgeben zu sein, ist weiterhin das Grundübel, das die Entwicklung einer freien, weltoffenen Gesellschaft am Bosporus verhindert. Der Schlüssel dazu liegt in Bildung und Erziehung. So lange jedes türkische Grundschulkind eingetrichtert bekommt, ein Türke habe niemanden sonst zum Freund als den Türken, solange lassen sich Jugendliche zum Mord an Andersdenkenden anstiften.
Eine liberale Istanbuler Tageszeitung schrieb heute: "Wir alle haben Hrant Dink getötet." Will sagen: Wir, die türkischen Demokraten haben den armenischen Kollegen nicht laut genug gegen Anfeindungen verteidigt, haben zu lange geschwiegen. In solchen Geständnissen zeigt sich auch die schleichende Angst davor, das nächste Opfer zu sein. Immerhin: Wenige Stunden nach dem Attentat zogen 10.000 Demonstranten vor das Istanbuler Redaktionsgebäude von "Agos" und skandierten, "wir alle sind Armenier". Das lässt immer noch hoffen für jene andere Türkei. für die sich unser Journalistenkollege Hrant Dink immer eingesetzt hat.
Mehr zur Sendung:
Beiträge zum Nachhören
Kommentar
Kommentar "Der hilflose Umgang mit der Gewalt des Assad-Regimes"
Sendezeit: 12.02.2012, 19:05
Aufdecken und Aufarbeiten - Die Vatikankonferenz zu sexueller Missbrauch
Sendezeit: 12.02.2012, 06:05
Kommentar: Mubarak ist Geschichte - Das System funktioniert weiter
Sendezeit: 11.02.2012, 19:05
dradio-Recorder
im Beta-Test: