Stellen wir uns vor, das alte West-Berlin hätte keinen Flughafen gehabt, keinen Hafen, keine Transitstrecken ins Bundesgebiet und keine Bahnverbindungen. Stellen wir uns vor, der Warenaustausch mit der Bundesrepublik wäre so gut wie unmöglich gewesen, weil die DDR Importe und Exporte nicht zugelassen hätte. Nur Mehl, Mais und Milchpulver hätte der Osten in die ummauerte Stadt gelassen. - Keine Frage: Im zivilisierten West-Berlin wäre das totale Chaos ausgebrochen. Das Recht des Stärkeren hätte gegolten, und die Menschen hätten sich gegenseitig verantwortlich gemacht für die Zustände, in denen sie lebten.
Was wir hier rückblickend im Konjunktiv beschreiben dürfen, ist im Gaza-Streifen bittere Realität. Die Menschen in Gaza leben in der Vorhölle. Sie sind ein stehen gebliebener Flüchtlingstreck, eine Schicksalsgemeinschaft von Eingekerkerten, ein Kollektiv von Arbeitslosen. Sie sind die am ärgsten getroffenen Opfer des Nahostkonflikts, sie müssen Tag für Tag die politische Perspektivlosigkeit im israelisch-palästinensischen Verhältnis teuer bezahlen.
Der Druck auf dem Kessel Gaza entlädt sich in Gewalt unter Palästinensern. Anhänger von Fatah und Hamas entführen sich gegenseitig, stürzen Gegner aus Hochhäusern, liefern sich Schießereien - und das, obwohl beide Gruppen in einer Regierung der nationalen Einheit gemeinsam das Kabinett bilden.
Wer kann das Töten beenden, wer kann den Knoten durchschlagen, wer muss jetzt Verantwortung übernehmen? Die Regierungen Saudi-Arabiens und Ägyptens sind bislang mit ihren Bemühungen gescheitert. Müssen sich also die Palästinenser selbst erlösen?
Gewiss: Für eine Gewalttat ist immer nur der verantwortlich, der sie begeht, der sie ermöglicht oder befiehlt. Das stimmt auch in Gaza, greift aber zu kurz. Wer trägt dann Schuld und Verantwortung für das, was geschieht? Töricht wäre es, jetzt mit dem Finger nur auf Israel zu zeigen. Das wäre die simpelste Lösung. Sie hat sich in der Geschichte immer als falsch erwiesen.
Israel isoliert Gaza von der Außenwelt. Das stimmt, und es hat bittere Folgen für die Palästinenser. Aber Israel tut das, weil es traumatisiert ist von den eigenen Höllen-Erfahrungen in Geschichte und Gegenwart. Die israelische Regierung wirkt wie gelähmt vor Angst. Verhandlungen unter Feuer, wirtschaftliche Erleichterungen für die Palästinenser, die Öffnung des Kessels Gaza - all das erscheint Israel unmöglich, weil das Land zu viele schlechte Erfahrungen mit den Palästinensern gemacht hat.
Die Ursache für die vorhöllische Situation im Gaza-Streifen liegt in der komplexen Geschichte des Nahostkonflikts, und an der sind viele beteiligt: Europäer, Amerikaner, Araber und Juden, Palästinenser und Israelis.
Aber was tut jetzt Not? Um Gaza zu erlösen, brauchen der Landstrich und seine Menschen Verbindungen nach außen: einen Hafen, einen Flughafen und freie Straßen. Nur ein amerikanischer Präsident, der wirklich Frieden will, wird Israel dazu bewegen können. Nur echtes Friedensengagement in Washington wird das israelisch-palästinensische Elend beenden können, und damit auch das Morden im Gaza-Streifen.
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