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28.06.2007
"Der massive politische Druck auf die Türkei ist kontraproduktiv." (Bild: Stock.XCHNG) "Der massive politische Druck auf die Türkei ist kontraproduktiv." (Bild: Stock.XCHNG)

Der Fall Marco

Von Baha Güngör

Bis zur Bundeskanzlerin Merkel reicht die Kette prominenter Unterstützer eines jungen Deutschen, den die türkische Justiz bitteschön am besten sofort freilassen soll, bevor ihm der Prozess gemacht wird. Wie selbstverständlich wird bei fast allen Erklärungen bekräftigt, dass die Türkei eine Beitrittskandidatin der EU sei und sich so die EU-Mitgliedschaft selbst erschwere.

Hand aufs Herz: Hätten die Reaktionen derartige Dimensionen erreicht, wenn das mutmaßliche Opfer eine 13-jährige Deutsche und der mutmaßliche Täter ein heranwachsender Brite oder gar ein Türke gewesen wären? Wohl kaum.

Seit etwa einer Woche wird viel Staub aufgewirbelt im Fall Marco W., der seit dem 11. April in einem Gefängnis von Antalya zusammen mit 30 weiteren erwachsenen Insassen in einem Saal einsitzt. Nach fast zweieinhalb Monaten erst entdeckten die deutsche Öffentlichkeit und die deutschen Politiker unterstützt von europäischen Politikern ihr Herz für Marco W., aber nicht für ein inzwischen psychologisch betreutes britisches Kind, dessen Mutter mit einer Anzeige den Vorfall aktenkundig gemacht hatte.

Der massive politische Druck auf die Türkei ist kontraproduktiv. Die Türkei ist keine Datteldiktatur, wo ein Herrscher in einem Nomadenzelt darüber befindet, wer ins und wer aus dem Gefängnis kommt.

Der Strafparagraph, gegen den Marco W. verstoßen haben soll, ist ein im Zuge des Anpassungsprozesses reformierter Paragraph zum Schutz von minderjährigen Mädchen vor sexuellem Missbrauch oder gar Zwangsheirat im Einklang mit primitiven Ritualien von Stämmen in entlegenen Regionen Anatoliens.

Sorgen machen müssten sich deutsche und europäische Politiker, wenn die Türkei anders gehandelt und politischem Druck nachgegeben hätte. Ein Rechtsstaat wird immer in solchen Fällen auf die Unabhängigkeit seiner Justiz pochen. Das ist auch gut so. Jedenfalls ließ die türkische Justiz alle Türen offen, um ihre Ermessenspielräume nach dem Beginn des Prozesses am 6. Juli ausnutzen und eine möglichst schnelle Überstellung von Marco W. einleiten zu können. Vielleicht wird er auch schnell zu einer Haftstrafe verurteilt, die eine Bewährung und ihm damit eine Ausreise ermöglicht.

Experten verweisen nämlich darauf, dass eine Gewaltanwendung offenkundig nicht vorliegt. Wegen Kindesmissbrauchs droht Marco W. zwar eine Haftstrafe zwischen drei bis acht Jahren. Doch er ist unter 18, was wiederum die Reduzierung des Strafmasses um die Hälfte ermöglicht. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die türkischen Richter eine Erziehungsmaßnahme anordnen. Wenn Marco W. überhaupt verurteilt werden sollte, könnte er auf eine Haftstrafe bis zu einem Jahr hoffen, was wiederum eine Umwandlung in Geldstrafe ermöglicht. Ratsam wäre auf jeden Fall, die Türkei und ihre Justiz vom politischen Druck zu befreien und die Sensationssuche in deutschen Medien auf ein erträgliches Maß zurückzufahren.


 
 

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