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18.05.2008
Ein obdachloses Mädchen in Manila, Hauptstadt der Philippinen (Bild: AP) Ein obdachloses Mädchen in Manila, Hauptstadt der Philippinen (Bild: AP)

Lösungsmittel Genfood?

Die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln

Von Georg Ehring

Rund 100 Millionen Menschen droht wegen der rasant gestiegenen Lebensmittelpreise Hunger. Innerhalb von nur einem Jahr ist der Preisindex der Welternährungsorganisation FAO um 57 Prozent gestiegen. Bei wichtigen Nahrungsmitteln wie Reis und Weizen schlug die Teuerung sogar noch viel stärker zu. Lebensmittel sind knapp geworden - ärgerlich für die meisten Menschen hierzulande, aber tödlich für alle, die sich auf einmal keine Lebensmittel mehr kaufen können.

Weil die Anbauflächen nur noch wenig auszudehnen sind, müssen die Erträge steigen, fordern Agrarexperten weltweit. Auch die Gentechnik erscheint auf einmal in einem neuen Licht. Sie verspricht Pflanzen, die immun sind gegen Schadinsekten oder Pflanzenschutzmittel, die höhere Erträge versprechen oder gesündere Produkte. Ist die Ablehnung solcher Lebensmittel in Deutschland und anderen europäischen Ländern also Ausdruck der Arroganz derer, die ohnehin genug haben?

Ihre Sicherheit und Verträglichkeit haben viele Produkte aus dem Genlabor längst unter Beweis gestellt. Auf mehr als 100 Millionen Hektar werden genveränderter Mais, Reis, Soja und Raps angebaut - eine Fläche, gut drei Mal so groß wie Deutschland. Ein Teil davon wandert in Tiermägen auch in Europa ein anderer Teil direkt auf die Teller der Verbraucher in vielen Ländern. Gesundheitsschäden als Folge des Konsums sind bisher nicht bekannt geworden.

Die Ängste der Europäer sind also übertrieben, doch als Wundermittel im Kampf gegen den Welthunger taugen die Pflanzen aus dem Genlabor trotzdem vorerst nicht. Denn sie sind, allen Versprechungen der Industrie zum Trotz, nicht für die Hungernden der Welt gemacht. Die Hungernden, das sind weit überwiegend arme Kleinbauern in entlegenen Regionen. Sie leben buchstäblich von der Hand in den Mund. Sie bauen traditionelle Sorten an, die wenig Ertrag bringen, von denen man aber auch dann etwas ernten kann, wenn der Regen nur unregelmäßig fällt. Dünger, Pestizide und künstliche Bewässerung haben viele von ihnen noch nie gesehen, Gebrauchsanweisungen können sie nicht lesen.

Dazu kommt: Gentechnisch veränderte Pflanzen werden patentgeschützt - die Patentinhaber, also Konzerne aus den USA, aus Deutschland und anderen Industriestaaten verlangen für ihren Anbau Patentgebühren. Die Landwirte müssen auf die traditionelle Wiederaussaat eines Teils der Ernte verzichten, und sich das Saatgut jedes Jahr neu kaufen.

Mit jeder "grünen Revolution" wird zudem ein Stück des Gesellschaftsmodells der modernen Industriestaaten in die Dritte Welt exportiert. Nicht nur Kleinbauern, sondern auch Entwicklungsländer müssen sich gut überlegen, wie viel sie sich davon leisten wollen und das nicht nur finanziell.

Wer den Einsatz der Grünen Gentechnik zulässt, braucht nicht zuletzt auch Kompetenz zur Prüfung der neuen Produkte und Gesetze, die die Macht der Multis begrenzen und dafür sorgen, dass die heimischen Bauern nicht über den Tisch gezogen werden. Und ein funktionierendes internationales Recht, das die Anbieter zur Schadensersatz verpflichtet, wenn etwas schief geht. Das gibt es bisher noch nicht und das war das Anliegen der UN-Konferenz über biologische Sicherheit in dieser Woche in Bonn.

Doch warum entwickelt die Industrie nicht einfach Produkte, die für die Hungernden besser geeignet sind? Erstens, weil sie Geld verdienen will und die Kleinbauern die Millionensummen an Entwicklungskosten nicht bezahlen können. Und zweitens, weil die Gentechnik selbst noch in den Kinderschuhen steckt. Die Pflanzen, die derzeit auf dem Markt sind, sind relativ einfach gestrickt. Sie unterscheiden sich von Sorten ohne Gentechnik nur durch wenige Details, etwa dadurch, dass sie ein bestimmtes Pestizid vertragen. Viel schwieriger ist es, Sorten zu züchten, die Dürren aushalten oder gegen eine Vielzahl von Schadinsekten widerstandsfähig sind. Die Industrie hat hier lange mehr versprochen als sie halten konnte. Auch der "goldene Reis", der gentechnisch mit Provitamin A angereichert ist, um den in vielen Ländern Asiens verbreiteten Mangel daran zu beheben, ist noch immer nicht marktreif.

Die Grüne Gentechnik ist also noch lange nicht die Lösung für die Hungerprobleme in der Welt - doch gibt es diese Lösung überhaupt? Es gibt viele Lösungen, zum Beispiel Landreformen zugunsten von Kleinbauern, bessere und an unterschiedliche Standorte angepasste Sorten aus konventioneller Zucht, mehr Zugang von Kleinbauern zu Krediten für Investitionen, eine bessere Infrastruktur, die Selbstversorgungs-Landwirten eine Produktion für die Märkte in entfernten Städten erst möglich macht und vieles mehr. Und wenn die Gentechnik in Zukunft den Hungernden in der Welt wirklich etwas anzubieten hat, dann sollte sie willkommen sein.


 
 

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