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17.08.2008
Das Videostill aus dem russischen Fernsehen zeigt angeblich zwei ausgebrannte Panzer der georgischen Armee. (Bild: AP) Das Videostill aus dem russischen Fernsehen zeigt angeblich zwei ausgebrannte Panzer der georgischen Armee. (Bild: AP)

Gefrierbrand im Kaukasus

Folgen des Georgien-Krieges für die Region

Von Gesine Dornblüth

Es ist unappetitlich: Wenn man Lebensmittel zu lange einfriert, trocknen die Ränder ein. Die Ware verdirbt. Gefrierbrand heißt das. Ähnlich verhält es sich mit eingefrorenen Konflikten. Bei denen kann sich Gefrierbrand sogar zum Flächenbrand ausweiten.

Es war falsch, die Konflikte um Südossetien und Abchasien so lange zu vernachlässigen. In den abtrünnigen Gebieten ist eine Generation herangewachsen, die das Mutterland Georgien und deren Bewohner nur aus dem Fernsehen kennt. Und die Georgier haben es sträflich versäumt, um Vertrauen bei den Menschen in den Separationsgebieten zu werben.

Südossetien und Abchasien sind für Georgien verloren. Sie waren das schon vor dem Krieg, aber jetzt ist es ganz deutlich. Auch eventuelle Beobachter der EU werden das Vertrauen zwischen Südosseten und Abchasen auf der einen Seite und Georgiern auf der anderen Seite nicht wieder herstellen können.

Aber Vorsicht: Die Südosseten und Abchasien sollten sich nicht zu sehr über einen vermeintlichen Sieg freuen. Denn ihr eigentliches Ziel, die Unabhängigkeit, werden sie auch nach diesem Krieg nicht erreichen. Russland hat kein Interesse an selbständigen Zwergstaaten an seiner Grenze. Sonst hätte es Südossetien und Abchasien längst anerkannt. Eher liegt die Zukunft beider Völker innerhalb der Russischen Föderation. Ob die Abchasen und Südosseten ihre kulturelle Identität, auf die sie so viel Wert legen, in Russland besser pflegen können als innerhalb des georgischen Staates, darf man bezweifeln. In Russland blüht der Nationalismus, und Kaukasier gelten vielen als minderwertig. Gegen diesen Rassismus wird den Südosseten und Abchasen auch kein russischer Pass helfen.

Auch die Völker des Nordkaukasus sollten nach dem brutalen russischen Vorgehen in Georgien gewarnt sein. Im russischen Norden des Kaukasus liegen - von West nach Ost - Adygien, Karatschai-Tscherkessien, Kabardino-Balkarien, Nordossetien, Inguschetien, Tschetschenien und Dagestan. Und in diesen Teilrepubliken ist es alles andere als ruhig, noch immer gibt es Unabhängigkeitsbestrebungen. Erst Ende Juli starben in Inguschetien zwei Menschen bei einem Bombenanschlag, in Dagestan wurde ein Polizist erschossen. Die Erinnerungen an Tschetschenien sind noch frisch. Der Krieg in Georgien macht deutlich, dass Russland seine Interessen auch jetzt noch mit aller Härte durchsetzt - auch militärisch.

Der Krieg in Georgien hat auch Signalwirkung für einen dritten Konflikt im Kaukasus: den zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach. Das überwiegend von Armeniern bewohnte Gebiet hat sich, ähnlich wie Südossetien und Abchasien, Anfang der 90er Jahre in einem Bürgerkrieg abgespalten, und zwar von Aserbaidschan. Aserbaidschan will Berg-Karabach zurückholen. Die politische Führung des Landes beteuert, sie wolle dies mit friedlichen Mitteln erreichen, hat aber massiv aufgerüstet.

Es überrascht deshalb wenig, dass der Außenminister Aserbaidschans am 1. Kriegstag, als es zeitweilig so aussah, als gelänge Georgien die gewaltsame Einnahme Südossetiens, frohlockte, nun habe auch Aserbaidschan das Recht, seine Gebiete mit Gewalt zurückzuholen. So zumindest zitiert die aserbaidschanische Presse den Außenminister. In dieser Hinsicht hatte die russische Machtdemonstration ihr Gutes. Denn sie hat den Aserbaidschanern gezeigt, dass Aserbaidschan im Fall eines Angriffs auf Berg-Karabach gleichfalls mit einem russischen Gegenangriff rechnen muss. Denn die Russen unterstützen Armenien im Konflikt um Berg-Karabach.

Wie also kann verhindert werden, dass auch der bisher noch eingefrorene Konflikt um Berg-Karabach eskaliert? Der Konflikt muss kontrolliert aufgetaut und mit friedlichen Mitteln gelöst werden. Dazu ist Vertrauen nötig, keine Drohgebärden. Die Europäer müssen diesen Prozess bei den Konfliktparteien einfordern und kritisch begleiten. Die verfeindeten Parteien müssen aufeinander zu gehen und miteinander in Kontakt kommen. Die Statusfrage sollte dabei zunächst ausgeklammert werden. Es hat keinen Sinn, einen Dialog mit dem strittigsten Punkt zu beginnen. Es geht darum, Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen zu finden. Sie alle sind arm. Gemeinsame Infrastrukturprojekte oder Jugendaustausche wären im Interesse aller und würden zumindest erst einmal eine Basis herstellen.

Durchaus kann man von den einen oder anderen Staatsführern verlangen, den ersten Schritt zu tun und sich im Namen ihrer Nation für die Gräueltaten in den 90er Jahren zu entschuldigen. Das aber widerspricht kaukasischem Macho-Gehabe und übersteigt den Horizont vieler Politiker in der Region.

Lebensmittel mit Gefrierbrand kann man wegwerfen, Regionen aber verschwinden nicht einfach. Die EU und die Nato werden sich intensiver und konsequenter mit dem Kaukasus und seinen Konflikten beschäftigen müssen, und zwar schnell.


 
 

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