Lieben die Asiaten ihre Kinder nicht? Nicht so wie wir? Ein Land, das Eltern Kindergeld zahlt, ein Land, das schon in wenigen Jahren ein Drittel aller Kleinkinder staatlich betreuen können will, ein Land, das darauf allen Zweijährigen sogar einen Rechtsanspruch zusagt, Deutschland also schaut selbstbewusst und anspruchsvoll in die Welt und schaudert sich: Was es da nicht alles gibt!
In China panscht man Säuglingsmilch; um trotzdem einen ausreichenden Proteingehalt vorzutäuschen, wird die Chemikalie Melamin zugefügt. Die verursacht im Handumdrehen Nierensteine, mindestens 53.000 Babys erkranken, gemeldet wird, vier Säuglinge seien gestorben.
Auch aus Indien erreicht uns eine erschreckende Nachricht: Eine renommierte Klinik in Delhi habe Babys als Versuchskaninchen benutzt, 49 seien darüber ums Leben gekommen. Schlepperbanden zögen durchs Land, um Menschen für medizinische Versuche einzufangen, skrupellos auch und gerade, wenn es sich um Kinder handele.
Überhaupt: Inder und Kinder! In diesem Land gibt es so viele arbeitende Kinder wie nirgends sonst. Eine UNICEF-Studie spricht von mehr als 35 Millionen Kinderarbeitern. Inoffizielle Schätzungen nennen noch ganz andere Zahlen: bis zu 125 Millionen Kinder, die statt in die Schule zur Arbeit gehen. Und was für Arbeit! Greenpeace bilanziert: "Ob sie nun 16 Stunden am Tag in einem Steinbruch schuften oder Teppiche knüpfen, ob sie in der Glas- und Messingverarbeitung extremen Temperaturen ausgesetzt sind, ob sie in den Städten Abfälle nach Verwertbarem durchsuchen oder als Hausangestellte im Verborgenen arbeiten - sie alle sind Gefahren ausgesetzt, die ihre Gesundheit und Entwicklung schädigen." Kinderarbeit ist in Asien alltäglich, auch die im Sexgewerbe: Nach Schätzungen von UNICEF werden in diesem Teil der Welt rund eine Million Kinder und Jugendliche zur Prostitution gezwungen.
Ausbeutung von Kindern auch im aufstrebenden China. Es wird nachvollziehbar vermutet, dass dort an die 20 Millionen Kinder billige und schutzlose Arbeitskräfte sind. Viele Kinder sind ganz wertlos oder zu teuer. Mädchen werden abgetrieben, auf den Müll geworfen oder als Sklavinnen für alles verkauft, die drohende Mitgift, die gesellschaftliche Minderwertigkeit macht sie zur Belastung der Familien. Nein, nicht aller Familien, sondern der armen Familien. Es ist nicht Hartherzigkeit, es ist blanke Not.
Die Armut tötet die Liebe, sie ist das Gift, das den ausgeprägten Familiensinn asiatischer Gesellschaften lähmt und zersetzt. Die Folgen für Abermillionen Kinder, auch für deren arme Eltern, müssen uns in der Tat erschüttern. Vor allem, weil wir daran beteiligt sind und auch wir Kinder viel weniger lieben als wir glauben und in Regierungserklärungen behaupten. Kinder in Asien sind auch unsere Sklaven. Sie arbeiten für uns, sie sind die Opfer des "Geiz-ist-geil"-Konsums. Gut möglich, dass die Schnäppchen-Babykleidung unserer Kinder von Kindern gefertigt wurde.
Und notabene: so lange ist es ja auch noch nicht her, dass härteste Kinderarbeit in unsern Breiten üblich war; noch vor 150 Jahren schufteten Kinder hierzulande ab dem stolzen Alter von vier Jahren in Fabriken und den engen Stollen der Bergwerke, und die allmähliche Abschaffung der Kinderarbeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts geschah nicht nur, weil man sich die Entdeckung der Kindheit ökonomisch leisten konnte, sondern auch aus Kalkül: Die Kinderarbeit war der Gesundheit und Konstitution so abträglich, dass Fortpflanzung und Wehrtauglichkeit Schaden nahmen. Bis heute ist auch bei uns, ohne dass wir das merken oder eingestehen, das Verhältnis zu Kindern weniger von bedingungsloser Liebe als von Funktionalität bestimmt. Bei uns müssen Kinder nicht billig arbeiten, sondern sich teuer bilden, um für die Gesellschaft nützlich zu sein. Gebildete Kinder sind der Rohstoff, das sagen Politiker und Unternehmer deshalb ungeniert, weil sie gar nicht merken, was sie da über das heranwachsende Humankapital sagen. Ist es nicht ebenso bemerkenswert, wenn uns als liebende Fürsorge und humaner Fortschritt verkauft wird, dass wir die Frauen von den Kindern entlasten, damit die Mütter zur Arbeit gehen statt sich um ihre Kinder zu kümmern? Nein, wir haben keinen ehrlichen Grund, beim Blick nach Asien die Nasen zu rümpfen. Wir haben allen Anlass Eltern überall dabei zu helfen, sich ihre Kinder nicht vom Herzen reißen zu müssen.
Ach ja, da ist noch der Fall der in der indischen Klinik als Versuchskaninchen missbrauchten Babys. Medikamententests in Indien bekommt man für 20 Prozent der Kosten in Europa. Deshalb testen dort westliche Pharmafirmen. Und ob sie's wissen oder nicht: auch an Kindern.
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