Sinn hat mit seiner Entschuldigung einen notwendigen Schritt getan. Erledigt ist die Angelegenheit damit indessen nicht, denn es bleiben Fragen.
Was geht in jemandem vor, der versagende Manager heute und jüdische NS -Opfer in einen Zusammenhang bringt? Es ist nicht anzunehmen, dass einem historisch halbwegs Gebildeten dieser Vergleich, der die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus verhöhnt, einfach so herausrutscht. Wie in unzähligen vergleichbaren früheren Fällen geht es offenbar darum, die Kritiker auf der anderen Seite zu denunzieren und ihnen die Legitimität abzusprechen. Andere in die Nähe der Nationalsozialisten zu rücken, soll die Attackierten ins moralische Abseits stellen. Was sie treffen soll, ist aber vor allem eine Verharmlosung der NS-Verbrechen und eine Beleidigung der Opfer.
Im Fall des Wirtschaftsexperten und Präsidenten des renommierten IFO-Instituts, Hans-Werner Sinn, erinnert man sich überdies daran, wie er als Prediger des freien Marktes stets auch die Verantwortung jedes einzelnen verlangt hat. Nun nimmt er den Bundesbürgern übel, dass sie für das verantwortungslose, zum Teil von Raffgier geprägte Handeln von Bankern und Managern Rechenschaft verlangen. Nach deren Mitverantwortung für die größte Finanzkrise seit 80 Jahren wird von den Menschen, die die Zeche zahlen müssen, jedoch völlig zu recht gefragt.
Der Drang, den Tiefpunkt der deutschen Geschichte für aktuelle Auseinandersetzungen zu nutzen, ist offenbar nicht zu unterdrücken. Die Reihe der Übeltäter ist lang. Sie finden sich in allen politischen Lagern, links und rechts, unter Kirchenführern ebenso wie unter Intellektuellen. Und bei jeder neuen Entgleisung glaubt man, nun sei der Gipfel erreicht.
Wie Professor Sinn auf die Idee kommen konnte, den Bogen von unverantwortlich handelnden Managern zu Menschen zu schlagen, die allein wegen ihrer Existenz beschimpft, ausgegrenzt ,verfolgt und dann ermordet wurden, ist nicht nachzuvollziehen und offenbart ein geradezu atemberaubendes Maß an Geschichtsvergessenheit und Insensibilität.
Es ist zu wünschen, dass sich endlich eine Haltung durchsetzt, die sich NS-Vergleiche selbst in der größten Hitze des Gefechts verbietet, eben weil dies meistens die Opfer von damals mehr trifft und verhöhnt als den oder die Gegner von heute, die sich zumindest noch wehren können. Dies ist eine Grenze, die niemand mehr überschreiten sollte.
Beiträge zum Nachhören
Kommentar
Aufdecken und Aufarbeiten - Die Vatikankonferenz zu sexueller Missbrauch
Sendezeit: 12.02.2012, 06:05
Kommentar: Mubarak ist Geschichte - Das System funktioniert weiter
Sendezeit: 11.02.2012, 19:05
Aus dem Netz auf die Straße - Protest gegen das Urheberrechtsabkommen ACTA
Sendezeit: 11.02.2012, 06:05
dradio-Recorder
im Beta-Test: