Leseprofis wissen: im Kleingedruckten verbergen sich oft heikle Details oder gar das Wichtigste. Und so ist es zwar Anlass zur Freude, dass die deutschen Grundschüler beim Lesen im internationalen Vergleich zum oberen Leistungsviertel zählen und in Mathematik zum besseren Drittel - aber unterhalb dieser ermunternden Schlagzeilen findet sich viel Besorgniserregendes.
So sind die regionalen Unterschiede in Deutschland weiterhin erheblich und sie geben indirekt Auskunft über die Qualität des Unterrichts. Wenn die Thüringer Grundschüler ihren Altersgenossen in Bremen um ein ganzes Lernjahr voraus sind, wenn in Bayern 15 Prozent aller Viertklässler im Lesen zur Spitzengruppe zählen, in Hamburg aber nicht einmal halb so viele, dann helfen alle kultusministeriellen Ausreden und Vergleichsrechenspiele nichts - dann läuft etwas schief in Deutschlands Klassenzimmern.
Und hier gibt das Kleingedruckte Auskunft: Die Schulen haben vielerorts die Lese-Übungsstunden reduziert - wie soll so das Interesse der Kinder an Lektüre wachsen, wie ihr Wissensdurst und ihre Neugier stimuliert werden? Wie können die Grundschüler begreifen, dass Sprache und Schrift nicht nur im Display vom Handy eine Funktion erfüllen, sondern für ihre Zukunft entscheidend sind. Wenn der Phantasie in der Schule nicht genügend Raum gegeben und die Ausdruckskraft nicht trainiert wird, so werden Schüler, gerade die benachteiligten, nie den Reiz des Lesens erspüren. In einigen Bundesländern ist hier die Lernkultur nicht etwa modernisiert, sondern verloren gegangen. Das erklärt, warum die Gruppe der besseren, lesestarken Schüler nicht wächst und die der leseschwachen Schüler so beängstigend groß ist.
Im Kleingedruckten steht übrigens auch, dass die Eltern nicht mehr lesen und also auch nicht mehr vorlesen. Die Kultusminister reagieren sofort: Die Grundschule müsste die Eltern animieren, diese sollten mehr vorlesen. Das - mit Verlaub - ist Utopie und eigentlich eine Frechheit. Wenn die Schule vorangegangenen Generationen, also den Müttern und Vätern von heute, einst das Lesen als die wichtigste Kulturtechnik vermiest hat, ist das schlimm, aber daran werden auch noch so viele Elternabende nichts ändern. Die Schule von heute sollte sich jedoch tunlichst nicht um die Schüler von gestern kümmern, sondern vor allem um ihre jetzigen Besucher - schließlich ist es originäre und offenbar nicht erfüllte Aufgabe des Staates, diese Schulen - gleich in welchem Stadtteil sie liegen - so mit Lehrern, aber auch mit pädagogischen Konzepten auszustatten, dass die Lehrer die Kinder für das Leben bestmöglich rüsten können - und zwar alle Kinder, nicht nur die aus Elternhäusern, die ihrem Nachwuchs ohnehin ein reiches Gepäck mitgeben.
Mehr zur Sendung:
Deutschlandfunk
Seit 01:05 Uhr
Deutschlandfunk Nacht-Radio
Nächste Sendung: 02:00 Uhr
Nachrichten
Beiträge zum Nachhören
Kommentar
Kommentar "Der hilflose Umgang mit der Gewalt des Assad-Regimes"
Sendezeit: 12.02.2012, 19:05
Aufdecken und Aufarbeiten - Die Vatikankonferenz zu sexueller Missbrauch
Sendezeit: 12.02.2012, 06:05
Kommentar: Mubarak ist Geschichte - Das System funktioniert weiter
Sendezeit: 11.02.2012, 19:05
dradio-Recorder
im Beta-Test: