Wie auch immer man zur Sterbehilfe steht, selbst Befürworter müssten erkennen, dass es ihrer Sache wenig dient, wenn daraus eine sensationslüsterne Fernsehshow wird, wie sie vor wenigen Tagen in Großbritannien zu sehen war.
Es geht um einen Mann, für den das Leiden unerträglich geworden war und der deshalb entschlossen war, seinem Leben ein Ende zu bereiten, der dazu Hilfe brauchte, weil er zu diesem letzten Schritt allein nicht imstande war. Niemand sollte sich anmaßen, die Entscheidung des 59 - jährigen ehemaligen Universitätsprofessors zu verurteilen. Schwer nachzuvollziehen ist allerdings, warum er Kameras dabei haben wollte.
Was an diesem Fall so schockierend ist, ist der Missbrauch des Leidens und des Sterbens eines Menschen für ein quotenträchtiges Spektakel. Der intimste Augenblick des Sterbens und des Abschiednehmens für immer wird vor aller Augen inszeniert und reißerisch vermarktet. Von Würde kann nicht die Rede sein. Das unbedingte Sterbenwollen eines Leidenden wird instrumentalisiert, um eine ganz andere Botschaft an den Mann und die Frau zu bringen : Selbstmord als der vermeintlich leichtere Weg für Todkranke.
Die Verteidiger dieses Vorgehens betonen, dass es darum gehe, eine Diskussion anzustoßen darüber, dass die moderne Medizin das Leiden bei vielen Menschen nicht lindere, sondern nur das Leben unerträglich verlängere, dass sie Menschen das Recht nehme, in Würde zu sterben, dass es darum gehe, den Tod zu enttabuisieren, der doch zur menschlichen Existenz gehört. Niemand bestreitet, dass die Auseinandersetzung über diese existenziellen Fragen noch sehr viel intensiver zu führen ist, als es bisher geschehen ist. Aber gerade die Effekthascherei des im britischen Fernsehen gezeigten Films und die Aktivitäten von bizarren Zeitgenossen wie dem früheren Hamburger Justizsenator Roger Kusch bringen diese Diskussion nicht voran, und sie haben auch mit Aufklärung nichts zu tun.
Die Alternativen werden ausgeblendet und statt dessen die Methoden der kommerziellen Selbstmordhelfer als wenig problematisch dargestellt, fast so als sei humanes Sterben nicht anders möglich. Die Selbstverständlichkeit, mit der der Selbstmord als Ausweg propagiert wird, könnte außerdem leicht auf eine schiefe Ebene führen und den Druck auf Alte, Kranke und Behinderte, die Umwelt von ihrer Last zu befreien, erhöhen. Dass es vor allem darum gehen muss, dem Todkranken Zuwendung zu geben, ihn zu begleiten, seine Schmerzen zu lindern, wird nicht thematisiert.
Dennoch muss man sich damit auseinandersetzen, warum so viele Menschen die Hilfe von Selbstmordorganisationen wie dem Schweizerischen Unternehmen Dignitas in Anspruch nehmen. Die selbsternannten Propheten eines würdigen Endes haben nämlich in einem Recht: vielen Menschen wird ein Sterben in Würde versagt, sie werden nicht liebevoll umhegt und umsorgt, sie sind einsam und mit ihrer Verzweiflung allein gelassen und müssen unnötige Schmerzen ertragen, weil die Palliativmedizin in Deutschland immer noch nicht das leistet, was sie leisten müsste und könnte. Das macht vielen große Angst, und Umfragen zeigen, dass 70 Prozent aller Deutschen sogar aktive Sterbehilfe befürworten. Wer das nicht will und wer den Scharlatanen der geschäftstüchtigen Selbstmordhelfer das Handwerk legen will, muss hier ansetzen. Die Forderung nach würdigem Sterben muss mehr als wohlfeile Rhetorik sein, denn ihre Verwirklichung erfordert finanziellen und vor allem personellen Aufwand. Mit völlig überlastetem und unterbezahltem Pflegepersonal geht es jedenfalls nicht.
Dieses Thema hat ganz gewiss eine intensive Diskussion verdient, nicht aber Spektakel, die nur der Quotenmehrung dienen.
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