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20.12.2008
US-Präsident George W. Bush. (Bild: AP) US-Präsident George W. Bush. (Bild: AP)

Der Schuhwurf von Bagdad

Die Irakpolitik der USA

Richard Kiessler, Chefredakteur in der WAZ Mediengruppe

Sollte der in seinen politischen Ruhestand gewünschte US-Präsident George W. Bush wirklich so vermessen gewesen sein, mit seinem Abschiedsbesuch im Irak einen Triumph feiern zu können, so müsste der Schuhwurf des irakischen Fernseh-Journalisten Muntader al-Zaidi ihn belehrt haben, wie überdrüssig die Iraker der amerikanischen Besatzung sind. Auf den Straßen und Plätzen der arabischen Welt wird der Schuhwerfer als Volksheld gefeiert.

Der Akt des Trotzes ist Tagesgespräch in den Basaren, die Seele der Araber ist ins Gleichgewicht geraten. Es macht sich eine Stimmung aus Genugtuung und Schadenfreude breit und selbst eine klammheimliche Freude unter den Kritikern dieses gescheiterten Präsidenten im Westen.

Die Fernsehbilder des sich wegduckenden Bush und des aufrecht neben ihm sitzenden irakischen Ministerpräsidenten al-Maliki sind nicht nur ein Symbol für die tief sitzende Weltfurcht dieses verblendeten Präsidenten. Sie belegen auch die Ohnmacht der Araber und deren geringen Spielraum, die fatale Lage in der eigenen Region zu ändern. Des Schuhwerfers Worte: "Dies ist ein Abschiedskuss, du Hund", sind wirkungsmächtiger als die Selbstmordattentäter mit ihren Gewalttaten.

Die Regierung in Bagdad steht nun vor dem peinlichen Dilemma, der über alle ethnischen und religiösen Grenzen hinaus reichenden Forderung Folge zu leisten, den Journalisten zu begnadigen oder ihn bis zu sieben Jahre ins Gefängnis zu werfen, weil das Gesetz die Beleidigung ausländischer Staatschefs strafbewehrt. Vermutlich wird das Regime diese - wie es sagt - "beschämende Grausamkeit" ahnden, auch wenn es damit einen Märtyrer schafft, der mit seiner verächtlichen Demütigung seinem Volk und der gesamten arabischen Welt aus dem Herzen sprach.

Der Schuhwurf hat das Scheitern der Regierung Bush ins grelle Licht gerückt. Sie unterstellte dem babylonischen Despoten Saddam Hussein den Besitz von Massenvernichtungswaffen und die Komplizenschaft mit den Islamisten von El Kaida. Das Zweistromland sollte zum Leuchtturm der Demokratie werden und in der Folge in allen Nah-Ost-Staaten zum Durchbruch von Freiheit und Menschenrechten verhelfen. Ohne Mandat der UNO setzte sich Bush über alle Bedenken seiner Geheimdienste hinweg und brach 2003 einen völkerrechtswidrigen Blitzkrieg vom Zaum. Bagdad wurde in drei Wochen eingenommen, die irakische Armee löste sich auf, die US-Ölkonzerne sicherten sich den exklusiven Zugriff auf die gigantischen Ölreserven.

Dem Bush-Krieg folgten Chaos und Bürgerkrieg, der Irak versank in Anarchie. Denn die fremden Besatzer sahen sich der Wut der Bevölkerung ausgesetzt, deren Widerstand insbesondere unter den Sunniten verbissener war als von den Planern im Pentagon erwartet. Islamistische Gotteskrieger zerstörten in diesem asymmetrischen Krieg den Mythos amerikanischer Unbesiegbarkeit, beflügelt von den Folterexzessen der Amerikaner in Abu Ghraib, die Hass schürten und auch die europäischen Partner der USA unter Schock setzten.

Die irakischen Schiiten setzten freie Wahlen durch und errangen, was nicht überraschen konnte, mit ihrer erdrückenden Mehrheit die Vorherrschaft. Ihr Vorsatz, aus dem bis dahin eher säkularen Irak einen Gottesstaat zu machen, heizte den Widerstand gegen die US-Kreuzzügler an und verschärfte den Bürgerkrieg mit der Minderheit der Sunniten.

Doch 2008 gelang die Trendwende: Die USA verstärkten ihre Streitkräfte, sie spalteten die Koalition ihrer Gegner, weil sie sunnitische Stammesfürsten kauften, die sich mit ihnen im Widerstand gegen zugereiste islamistische Terroristen verbündeten. Unter iranischem Druck hielten sich die Schiiten an den Waffenstillstand, denn ein destabilisierter Irak kann nur gefährliche Wirkungen für die gesamte Region entfalten.

George W. Bush hat Amerikas Reputation mit seinem auf Lügen basierenden Militäreinsatz gründlich verspielt. Für seinen Nachfolger Barack Obama wird ein schneller Rückzug schon aus logistischen Gründen unmöglich sein. Denn der Irak-Feldzug wurde mit einem solchen Aufwand betrieben, dass ein Abzug - wie "Le Monde" zu recht bemerkt, "als Verschwendung von Ressourcen hingestellt werden kann" und schon technisch nicht durchzuführen ist.

Der Schuhwurf von Bagdad wird also den herbei gesehnten Abzug der Besatzer nicht beschleunigen. Aber einen gewissen Trost bietet ausgerechnet die Wirtschaftskrise: Amerika mag eine ins Wanken geratene Welt mit militärischen Mitteln in Schach halten können, doch künftig nie wieder über soviel Geld verfügen, um ein Land so zu besetzen wie den Irak.


 
 

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