Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
15.02.2009
Eluana Englaro (Bild: AP) Eluana Englaro (Bild: AP)

Tod nach 17 Jahren

Italien diskutiert die Sterbehilfe

Von Karl Hoffmann

Italien hat die letzten Reste des Klischees von seiner heiter-lockeren südländischen Seele beseitigt. Seit Jahresbeginn jagt eine menschliche Tragödie die andere. Es begann mit den Boat People in Lampedusa und den massenhaften Protesten gegen die Einführung von Internierungslagern und Massenabschiebung.

Dann sorgten mehrere Vergewaltigungen für Aufregung. Und schließlich brach das Drama einer Frau mittleren Alters über die italienische Gesellschaft herein. Der Fall von Eluana Englaro, die siebzehn Jahre lang im Koma lag, sorgte für leidenschaftliche Auseinandersetzungen und schuf tiefe Feindschaften. Zum ersten Mal wurde das Thema Sterbehilfe öffentlich diskutiert, doch diese Diskussion endete im Desaster.

Der Fall Englaro hätte wie Tausende anderer in Italien gelöst werden können. Stillschweigend verzichten längst viele Ärzte auf die Maschinenmedizin, um die Qualen todkranker Menschen ohne Aussicht auf irgendeine Besserung nicht unnötig zu verlängern. Doch Eluanas Vater wollte den Willen seiner Tochter in aller Offenheit und unter genauer Beachtung aller Gesetzesvorschriften durchsetzen. In der italienischen Verfassung heißt es in Art.32: "Niemand darf zu einer bestimmten Heilbehandlung gezwungen werden, es sei denn durch gesetzliche Verfügung. Das Gesetz darf in keinem Falle die durch die Würde der menschlichen Person gesetzten Grenzen verletzen." Tatsächlich haben mehrere Gerichte entschieden, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden dürfen. Eluanas Vater hatte den Willen seiner Tochter, als sie noch einen hatte, glaubhaft zum Ausdruck gebracht: Die Existenz am Schlauch wäre ihr ein Gräuel gewesen.

Doch den Wunsch der Familie, sie in Frieden sterben zu lassen, respektierte niemand. Vor der Klinik, in der sie am vergangenen Montag starb, demonstrierten lautstark militante Katholiken gegen und aufgeklärte Bürger für die Sterbehilfe. Auch Eluanas Tod und die schlichte Bestattung haben die Gemüter in Italien nicht zur Ruhe und die Verantwortlichen zur Besinnung gebracht und deshalb streiten sie weiter um das Schicksal jener Frau, von der es nur ein Bild als strahlendes 18-jähriges Mädchen mit blitzend weißen Zähnen gibt. Eluanas Vater hatte auch dann jede Veröffentlichung eines Fotos vom aktuellen bemitleidenswerten Zustand seiner Tochter verweigert, als ihn sowohl die katholische Kirche als auch die italienische Regierung als Mörder und Henker bezeichneten. Je mehr er die würdevolle Zurückhaltung eines trauernden Vaters zeigte, umso heftiger griffen ihn die selbsternannten Verteidiger menschlichen Lebens mit allen auch unfeinen Mitteln an.

Die ernsthafte Diskussion um die von der Verfassung vorgegebene Wahrung der menschlichen Würde wurde von einem entwürdigenden Schauspiel abgelöst. Die Einführung eines biologischen Testaments, die der Fall Englaro dringend notwenig gemacht hat, droht zur Farce zu werden, wenn der vorliegende, wohl auch vom Vatikan abgesegnete Gesetzesvorschlag angenommen wird. Um sich wirksam gegen lebensverlängernde Maßnahmen zu schützen, müssten danach notariell beglaubigte Erklärungen abgegeben werden, was teuer und zeitraubend ist. Schließlich hat der Fall Englaro aber vor allem von den eigentlichen Problemen Italiens und seiner Bürger abgelenkt. Die Wirtschaftskrise, die das Land wegen seiner enormen Staatsschulden stärker treffen wird als viele andere Mitglieder der EU, wird nur so nebenbei wahrgenommen. Dabei sind viele italienische Familien längst an der Armutsgrenze und die römische Regierung hat bisher keine wirksamen Maßnahmen beschlossen, um ihnen unter die Arme zu greifen.

Und noch eines hat sich gezeigt: Das aufgeklärte moderne Italien hält der massiven politischen Einflussnahme des Vatikans und der Macht des Ministerpräsidenten und Medienzars Berlusconi nicht mehr stand, wenn sich beide verbünden und dabei jeden Respekt vor den verfassungsmäßigen Rechten des Einzelnen verlieren.

Der trügerische Glauben zu wissen, was für alle gut ist, hat jedes erträgliche Maß gesprengt. Berlusconis Regierung wie auch der Vatikan müssen schnellstens zu Toleranz und Dialog gegenüber den aufgeklärten und freien Bürgern Italiens zurückfinden. Sonst behalten Letztere leider Recht mit ihrer Meinung, dass sie unter einem Regime leben.


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 17:05 Uhr
Kulturfragen
Nächste Sendung: 17:30 Uhr
Kultur heute

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Kommentar

Aufdecken und Aufarbeiten - Die Vatikankonferenz zu sexueller Missbrauch

Sendezeit: 12.02.2012, 06:05

Kommentar: Mubarak ist Geschichte - Das System funktioniert weiter

Sendezeit: 11.02.2012, 19:05

Aus dem Netz auf die Straße - Protest gegen das Urheberrechtsabkommen ACTA

Sendezeit: 11.02.2012, 06:05

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link