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30.09.2009
Springbrunnen und Pyramide vor dem Louvre in Paris (Bild: Stock.XCHNG Fabel Nard) Springbrunnen und Pyramide vor dem Louvre in Paris (Bild: Stock.XCHNG Fabel Nard)

Der kleine Ludwig

Die südafrikanische Choreografin Robyn Orlin zeigt "Babysitting Petit Louis" im Louvre

Von Wiebke Hüster

"A permanent irritation", eine anhaltende Irritation, ist der Spitzname der südafrikanischen Tänzerin und Choreografin Robyn Orlin. Sie reflektiert die Schwierigkeiten und komplizierten Verhältnisse ihres Landes in Tanz, Text, Video und skulpturalen Elementen. Ihre neue Performance "Babysitting Petit Louis" hat sie jetzt in Paris auf dem Festival d'Automne vorgestellt.


Le Roi Soleil, den 1638 geborenen Sonnenkönig nannte das Frankreich seiner Zeit auch Louis le Grand. Robyn Orlins neue Tanzperformance im Pariser Musée du Louvre nimmt ihren Ausgangspunkt bei Ludwig dem Großen. "Babysitting Petit Louis" heißt ihr Stück, in dem acht von 1200 im Louvre beschäftigten Wärtern mitspielen. Im "Cour Khorsabad" des Richelieu-Flügels steht, was von Louis Le Grand übrig blieb, als die Revolution mit ihm fertig war: Louis zu Pferde im Diminutiv, die bronzene Kopie, nicht größer als ein Kleinkind, der berühmten Reiterstatue Ludwigs des Vierzehnten, 1692 geschaffen von François Girardon und aufgestellt auf der Place des Victoires, zerstört in den Wirren der Französischen Revolution. Petit Louis nennen die Franzosen ihren winzigen reitenden Sonnenkönig liebevoll. Jeder kennt ihn, denn jeder kommt an ihm vorbei, gleich wenn er die gläserne Pyramide passiert, die Kassenschlange durchgestanden, die Rolltreppe nach oben gefahren ist - da grüßt er von seinem Sockel, ganz uneinschüchternd klein, den kunstbeflissenen Betrachter.

Doch in dieser Herbstnacht ist im Museum alles anders. Der Mond scheint durch die Glasfenster der Pyramide in einen stillen, dunklen Louvre wie immer, da flackern plötzlich starke Taschenlampen auf und beleuchten gespensterhafte Wesen oben auf den Galerien des Richelieu-Flügels. Ein unanständiges Wesen in engen Beintrikots, weißer Allongé-Perücke und viel Puder und Schminke treibt Unzucht mit einem dunkelhäutigen Boy. Schnell scheuchen die uniformierten Wärter des Museums ihre nächtliche Besuchergruppe an diesen phantomhaften Erscheinungen, die unerwartet aus dem Dunkel auftauchen, vorbei. Eine andere Inkarnation des Sonnenkönigs trägt eine goldpapierene Perücke und treibt ein Steckenpferdchen unter sich an. Es ist Nacht und die Kunstobjekte entfalten ein geheimes Leben. Dass sich die Fantasie der südafrikanischen Choreografin Robyn Orlin an Ludwig dem Vierzehnten entzündet, ist kein Zufall: Der begeisterte Tänzer stand prächtig angetan im Zentrum unzähliger Aufführungen und begründete mit seiner Akademie die Kanonisierung des klassischen Balletts. Aus dem Zusammenprall ihrer eigenen südafrikanischen Tradition mit der westlichen Tanzkultur hat die 54-Jährige schon häufig preisgekrönt Funken geschlagen. So auch hier. Den Louvre sieht sie außerdem als eine Art steinernen Zeugen der Kolonialgeschichte - die Performance hier findet ihren Höhepunkt in Sälen mesopotamischer Kunst und steinerner Bildtafeln aus dem antiken Jemen. So ist es für sie, die am Chicago Art Institute studierte, nur folgerichtig, die zur Bewachung der Kunstschätze abgestellten Personen sozusagen aus der Versklavung durch ihre eintönigen Aufgaben zu befreien und zu Wort kommen zu lassen. Jetzt geht es einmal um sie, die "Babysitter des kleinen Ludwig", jetzt dürfen sie entscheiden, wohin das Grüppchen nächtlicher Besucher seine Schritte lenkt. "Article 1, article 2" skandieren die Wärter noch am Fuß der Rolltreppe, in einer Aufzählung dessen, was verboten ist: Zum Beispiel sie nach den Waschräumen oder dem Ausgang zu fragen.

Mit jedem der beteiligten acht Wärter - im Louvre heißen sie jetzt politisch korrekt "Agents d'accueil et de surveillance" - hat Robyn Orlin in der Probenphase einen Film gedreht. Schauplatz: der jeweilige Lieblingsort im Museum: So lernen die Zuschauer aus den kleinen Filmen, die die Wärter auf die Innenseiten ihrer aufgeklappten Jacketts projizieren, das Dach des Louvre kennen oder seine Personalkantine oder schauen zu, wie Wärter ihre Lieblings-Skulpturen nachahmen. Der Rest des dunklen Parcours ist genauso amüsant. Immerfort raunen die Wärter einem kleine Scherze zu, weisen die Gruppe an, sich zu setzen oder über eine Balustrade zu lehnen, um den kopflosen Sänger nicht zu versäumen, jenen schwarzen Tänzer im Slip oder das Gespräch einer Verrückten mit einer in nachdenklicher Pose sitzenden Marmorschönen, die partout auf keine Frage antworten will. Der Direktor des Louvre bekommt eine Tintin-Figur geschenkt zum Dank und soll auch die hölzerne Figur einer schwarzen "Hottentottenvenus" aufstellen im Louvre - denn die habe, wie einer von Orlins südafrikanischen Tänzern erzählt, unbedingt ein Flugticket nach Europa gewollt. Im letzten Saal erklingt Musik von Lully, Petit Louis' Komponisten. Da begegnen sich alle in einem ausgelassenen Tanz. Alles lacht und plaudert durcheinander - weiße südafrikanische Schauspieler schwarze Tänzer, iranisches Museumspersonal und Intellektuelle und Galeristen aus dem 1. Arrondissement. Es ist wie bei einer geheimen Mitternachtsparty, wie eine Parodie auf die französischen Autorenfilme, es ist herrlich. Man empfindet nur zu deutlich, dass das Leben draußen noch hundertmal absurder ist als das wilde Spektakel hier drinnen. Nicht immer und nicht auf jedem Posten ist es so witzig.


 
 

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